Schmuckstücke

Tempeltreiben

Man könnte meinen, eine alte Metzgerei sei kein besonders gemütlicher Ort. Doch der Tempel wurde in eine Kneipe umgewandelt – nur die Inschrift „Reinhard Tempel - Fleischwaren" und die gekachelten Wände erinnern noch an den früheren Zweck.
Gäste sitzen im Fenster
Urgesteine des Kulturpalastes

Wer nun den Laden betritt, wird von Rauchschwaden umhüllt und von lauten Stimmen begrüßt. Der Blick fällt auf den Tresen und die vielen Gesichter, getaucht in ein schummriges Licht. Eine Treppe führt in den hinteren Teil des Ladens, hier stehen alte Sessel und Stühle, das Mauerwerk ist roh. Und mitten drin: die eng aneinandergereihten Gäste. 

Manchmal fühlt man sich hier wie ein Fisch im Aquarium. Wer beäugt wen? Ein großes Schaufenster gewährt Passanten einen Blick in das Tempeltreiben. Zugleich kann man von hier aus gut verfolgen, wer durch die gelblichen Scheinwerfer der Merseburger Straße spaziert. Sehen und gesehen werden ist ein gutes Stichwort – im Tempel trifft sich die Leipziger Kreativszene. Urgewächse des „Kulturghettos“ – wie ein Stammgast Lindenau liebevoll nennen zu pflegt; Studenten machen hier schräge Bekanntschaften; immer wieder erklingen angeregte Gespräche in unterschiedliche Sprachen.

Der Tempel ist ein guter Ort, um einen Absacker zu trinken und dabei über die neuesten Projekte sprechen. Bei Bierchen oder Moscow Mule werden Ideen gesponnen, mal ertönt im Hintergrund Leonard Cohen, mal Hip–Hop, mal Jazz – je nach Abend und Barkeeper. Manchmal aber wird auch live Techno aufgelegt. Dann ist es Zeit, sich der Musik hinzugeben und bis zum nächsten Morgen dort zu verweilen.

Ein Ort der Frömmigkeit ist der Tempel zwar nicht, dafür aber ein zweites Wohnzimmer und Treffpunkt zugleich. Läge nicht ein Hauch von Eitelkeit in der Luft, hätte der Tempel das Zeug zu einer richtigen Spelunke. Wer also planlos durch das Kulturghetto schlendert, sollte sich nicht scheuen, dem Tempel einen Besuch abzustatten.

 

 

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Carlotta Jacobi
14.10.2014 - 09:51
  Kultur