Literaturrezension

Tausend deutsche Diskotheken

Mit viel Sprachwitz und einem Augenzwinkern nimmt Michel Decar den Leser in seinem Roman "Tausend Deutsche Diskotheken" mit auf einen Roadtrip in die letzten Tage der zweigeteilten deutschen Republik.
Der Autor
Nimmt den Leser in "Tausend deutsche Diskotheken" mit in die Neonwelt der Achtziger: Michel Decar

Eigentlich will Privatermittler Frankie doch einfach nur seinem geregelten Alltag nachgehen. Will meinen: Sich ab und an gemütlich einen Espresso reinschmettern, sechs oder sieben Marlboro Menthol hintereinander wegrauchen und sich abends im Sugar Shack oder meinetwegen auch in der Koralle ordentlich Bacardi Cola hinter die Binde kippen.

Dann aber ruft ihn Bahnvorstand Mauke zu sich. Ganz üble Machenschaften seien da in obersten Bahnkreisen zu befürchten. Mauscheleien, Intrigen, kommunistische Unterwanderung. Frankie muss unbedingt die Diskothek finden, in der am 9. Juli um zwanzig vor zwölf der Song "White Heat" von Madonnas Album "True Blue" gespielt wurde. Um diese Uhrzeit habe er einen mysteriösen Erpresseranruf bekommen und im Hintergrund sei ganz eindeutig dieser Song gespielt worden.

Und so begibt sich Frankie, unterstützt von seinem studentischen Mitarbeiter Jens Wetterberg, einem Philosophiestudenten im zweiundzwanzigsten Semester, den der Privatermittler nach Herzenslust ausbeutet, auf die Suche nach einem mittelmäßigen Song durch einige zutiefst mittelmäßige Diskotheken.

Eine Odyssee durch die Bundesrepublik

Der Roman spielt 1988 im gerade noch zweigeteilten Deutschland. Die rote Bedrohung von Osten her ist noch deutlich spürbar, die Angst vor einer kommunistischen Unterwanderung allgegenwärtig. Wiedergegeben wird die Geschichte aus der Perspektive des Ermittlers, der sich allerdings schnell als sehr unzuverlässiger Erzähler erweist. Den Bericht seiner Irrfahrt durch die deutsche Provinz gibt er einer Person namens Courcelles, deren Identität jedoch bis kurz vor Ende des Buches vollkommen schleierhaft bleibt. Die zweifelhaften Schilderungen des Privatermittlers und der an den Haaren herbeigezogen wirkende Fall müssen dabei das Misstrauen des Lesers wecken. Wie sich später zeigen wird, ist dieses berechtigt ...

Der Roman steht und fällt mit seiner Hauptfigur. Frankie wäre gerne ein "hardboiled detective", wie man ihn aus den Geschichten Raymond Chandlers kennt. Leider ein hoffnungsloses Unterfangen. Nicht nur, dass Bacardi Cola und zucchinigrüne Opel Admirals so gar nicht ins Klischee des zwielichtigen, draufgängerischen Detektivs passen, leider geht ihm auch das kriminalistische Genie eines Philip Marlowe vollkommen ab. Beruflich ist Frankie ähnlich erfolglos wie finanziell (wo er in ständiger Angst vor dem Finanzamt München II lebt) und dennoch wird ihm die zutiefst gewichtige Aufgabe anvertraut, den geheimen Anrufer ausfindig zu machen. Von Erfolg oder Misserfolg hängt dabei mehr ab als bloß das persönliche Schicksal des Bahnvorstands. Der Anruf ist das alles entscheidende Puzzleteil, um den unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch der Bundesrepublik Deutschland gerade noch einmal abwenden zu können. Wie dieser Frankie beschwört: „Möglicherweise sprechen wir gerade zum letzten Mal miteinander, möglicherweise sind das die letzten Tage der BRD, so wie wir sie kennen.“ Ernst zu nehmen ist das alles nur sehr bedingt. Die Verwicklungen bei der Bundesbahn wirken mit Verlaub ähnlich bedrohlich, wie die zweitausend oder dreitausend Schäfer, die laut geheimen Informationen von Frankies zwielichtigem Freund Hildemar Rodriguez, geduldet vom Verfassungsschutz, nur darauf warten, die gesamte Bundesrepublik lahmzulegen.     

Tausend Deutsche Diskotheken

 

Das Romandebüt wirkt so sympathisch, weil man Decar den Spaß am Schreiben anmerkt. Der Autor genießt es sichtlich, zu behaupten, der Bestand der Bundesrepublik hänge davon ab, einen nahezu vergessenen Madonna-Titel aufzufinden. Bisweilen glaubt man den Autor vor sich zu sehen, wie er sich prächtig über die albernen Diskothekennamen à la "Fools Pleasure" oder "Mambo Jambo" amüsiert. Die Namen hat der Autor, Jahrgang 1987, dabei aus alten Telefonbüchern übernommen, die er sich in Bibliotheken ausgeliehen hat. Decar nimmt das Eintauchen in die Achtziger ernst. Auch sprachlich schafft er die Annäherung an eine Zeit, die er selbst noch weitestgehend sprachlos verbracht hat, überzeugend, ohne bemüht zu wirken. Stilistisch ist der Roman eine gelungene Mischung aus schnodderig und verschachtelt. Die vielen Einschränkungen und Brüche tragen dazu bei, dass die Handlung verschwommen und wenig greifbar bleibt. Bisweilen erinnert der verschachtelte Stil ein wenig an Thomas Bernhard, obgleich weniger misanthropisch und mit mehr Mentholzigaretten. 

Als ich in Düsseldorf ankam, ging ich als Erstes in den Ratinger Hof, eigentlich ging ich immer zuerst in den Ratinger Hof, wenn ich in Düsseldorf war, außerhalb des Ratinger Hofs existierte Düsseldorf für mich lange Zeit nicht. Meine Bekannte Conny Breule sagte mir zwar am Telefon, dass sich in Düsseldorf allerhand getan habe, sie sagte zum Beispiel, dass auch ein Düsseldorf außerhalb des Ratinger Hofs existiere und dass ich sie gleich nebenan im Goldenen Einhorn treffen solle. Aber ich traute dem Braten nicht und ging als Erstes in den Ratinger Hof, vom Ratinger Hof war ich im Gegensatz zu Conny Breule noch nie enttäuscht worden, und bestellte mir einen Bacardi und ein kleines Altbier, denn in den Ratinger Hof zu gehen, ohne sich ein kleines Altbier zu bestellen, das machte wirklich überhaupt keinen Sinn.

Tausend Deutsche Diskotheken S. 123

Die Stimmung wird zunehmend paranoider

Mit Humor und Sprachgefühl schafft Decar es auch, dass einem sein Privatermittler doch ans Herz wächst und nicht bloß als der dämliche, versoffene Macho rüberkommt, der er zweifellos auch ist. Und so folgt der Leser zwar zunehmend skeptisch, aber durchaus wohlwollend Frankies Odyssee durch die Bundesrepublik und beobachtet wie die Spur, die nie wirklich da war, schwächer und schwächer wird. Die sinnlose Suche wirkt sich auch auf das Nervenkostüm des Kommissars aus, der mit jeder weiteren erfolglos untersuchten Diskothek paranoider zu werden scheint. Humoristischer Höhepunkt dieser psychischen Strapazen ist eine Episode, in der Frankie mal wieder bei einer seiner zahlreichen weiblichen Bekanntschaften Halt macht. Als er mit dieser im Bett landet, inspiziert er ihr Bücherregal und zieht aus der Tatsache, dass ihm dort das Gesamtwerk Thomas Mann begegnet, seine ganz eigenen Schlüsse:

Jetzt ist mir alles klar, Marlene Mintrop, jetzt hast du dich verraten, dachte ich. Jemand, der bei den Grünen und beim Naturschutzbund und für den Frieden in Nicaragua ist, der liest so einiges, der liest Hermann Hesse und natürlich Max Frisch, aber auf keinen Fall Thomas Mann, denn Thomas Mann ist der Feind von den Grünen und vom Naturschutzbund, und auch der Feind vom Frieden in Nicaragua heißt Thomas Mann. Und deswegen hast du dich jetzt verraten, Marlene Mintrop! Nur Marlene bekam von diesen Gedanken überhaupt nichts mit, weil sich Marlene nach wie vor in Ekstase in mein Brusthaar krallte und überhaupt nicht daran dachte, damit aufzuhören. Aber für mich war ab diesem Moment vollkommen klar, dass Marlene Mintrop für irgendeine Behörde arbeitete, wahrscheinlich für den Verfassungsschutz.

Tausend Deutsche Diskotheken S.177

Und gerade als man glaubt, Decar habe sich gemeinsam mit seinem Kommissar auf dieser toten Spur verlaufen, zieht er das Tempo an und gibt dem Buch nochmal eine unerwartete Wendung. Für endgültige Klarheit sorgt allerdings auch diese nicht. Und so lässt der Autor den Leser mit all den Ungereimtheiten und halbgaren Vermutungen alleine im Mentholzigarettendunst der Erzählung. Bis dieser am Ende gar nicht mehr weiß, was er aus dieser obskuren Mischung aus Anschuldigungen und Verfolgungswahn machen soll.

Eigentlich hilft da nur sich auf den absurden Achtzigerjahre Roadtrip einzulassen und sich mit dem Autor über seinen vertrottelten, aber liebenswürdigen Kommissar und die sinnentleerten Namen der deutschen Provinzdiskotheken zu amüsieren. Wer das tut, wird mit einem der unterhaltsamsten deutschen Romane der letzten Jahre belohnt.

Den Beitrag zum Nachhören finden Sie hier:

Eine Rezension von Moritz Fehrle.
Rezension Tausend Deutsche Diskotheken
 

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Der Roman Tausend Deutsche Diskotheken von Michel Decar ist im Juli 2018 beim Ullstein Verlag erschienen. Er hat 240 Seiten und kostet 17 Euro