Konzertbericht: Radio Moscow

Tanzbar untanzbar

Radio Moscow entführen uns in die 60er Jahre. Vergleiche mit Jimi Hendrix und den Alman Brothers liegen nahe. Wie holen die Jungs aus Iowa den Woodstock-Sound ins Jahr 2017? Wir haben den Gitarrenvirtuosen in Dresden mal auf den Zahn gefühlt.
Radio Moscow
Radio Moscow

Throwback in die 60er. Deutschland ist noch geteilt, in Vietnam werden die Grundfesten der Menschlichkeit erschüttert und Friseure geraten in eine anhaltende Krise. Mein Vater saß zu dieser Zeit auf dem Dachboden und hantierte mit Technikschrott herum. Er hat mir oft erzählt, wie er aus wenigen Metallstücken einen kleinen Empfänger baute. Mit diesen kleinen Geräten konnte er Radiowellen aus der ganzen Welt empfangen. Als er das erste Mal einen internationalen Sender hörte, als die sowjetische Nationalhymne aus der rauschenden Box erklang, als ein Mann auf gebrochenem Englisch: „You are listening to Radio Moscow“ sagte, das muss ein magischer Moment gewesen sein. Die Sowjetunion existiert zwar nicht mehr, Radio Moscow sorgt aber heute noch für magische Momente. Allerdings nicht der Propaganda-Funk, sondern die amerikanische Psychedelic-Rock Band „Radio Moscow“.

Auf den Spuren von Jimi Hendrix

Genau wie die kurze Anekdote, entführt uns die Band aus Iowa in die 60er Jahre. Kommunistische Propaganda? Das hat nicht viel mit Radio Moscow zu tun. Auch wenn sich die Band, ähnlich wie der Ein-Parteien-Staat um einen Mann kreist. Parker Griggs ist der oberste Funktionär bei Radio Moscow. Der Breschnew der Psychedelic-Rock-Kollektivs. Ihre Geschichte begann als Dan Auerbach, Frontman von The Black Keys, ein Tape von Parker Griggs in die Hände fiel. Er sorgte dafür, dass der charismatische Gitarrist einen Plattenvertrag bekam. Seitdem kann Griggs bei Radio Moscow machen was er will. Die Rollen der Live - Drummer und Bassisten wurden schon oft neu besetzt. Nur Griggs ist immer geblieben. Er hat die Gitarre in der Hand und dominiert den Sound der Band. Die Einflüsse von Jimi Hendrix, den Alman Brothers und Cream sind unverkennbar. Viele verschiedene Klänge und Töne, jeder von ihnen genau da wo sie hingehört. Höchstpersönlich angeordnet von Parker Griggs.

Die Parker Griggs One-Man-Show?

Weggeblasen werden. Das will ich. Ich möchte im Konzertsaal die Augen schließen und gar nicht mehr überlegen müssen, ob da jetzt Griggs oder Hendrix auf der Bühne steht. Mir von bunten Soundwellen jede Bewegung vorgeben lassen.
Aber irgendwie erwarte ich eher eine One-Man-Show. Parker Griggs im Scheinwerferlicht. Seine Gitarrensoli prasseln nur so auf mich ein. Die schweißnassen Haare kleben ihm auf der Stirn. Ein Gesichtsausdruck, der einen Mischung aus verzerrter Extase und dem wütenden Befehl: „Guckt auf meine Hände, ihr Banausen!“ ausdrückt. Die anderen beiden Band-Mitglieder im Dunkeln, nur Schemenhaft zu erkennen. Keine Publikumsinteraktion, nach jedem Song eine kurze Stille, die die Zuschauer die Arroganz des jungen Gitarrengotts spürbar macht. So wird es sein.

Idyllisch abgefuckt

Das Beatpol in Dresden liegt ein bisschen außerhalb. Die Gegend erinnert mich an mein Heimatdorf. Keine Hochhäuser, keine großen Altbauten - dafür Einfamilien-Idylle, mal kleine Villen, mal alte Fachwerkhäuser. Ich gehe zu einem überdurchschnittlich großen Haus mitten in dieser Dorflandschaft, unweit der Elbe. Das Treppenhaus ist mit alten Postern von Bands, die hier einst gespielt haben, zugekleistert. Ich stehe in einer Art Theatersaal mit heruntergekommenem Stuck an der Decke und gemütlichen Sitzgarnituren an den Seiten. Die Vorband spielt schon. Ich sage dem Typen an der Kasse weswegen ich hier bin. Er versteht schnell oder es interessiert ihn nicht. Er drückt mir ohne Rückfragen den Stempel aufs Handgelenk. Vielleicht hat er auch einfach keine Lust mich anzuschreien, denn die Vorband lässt zivilisierte Konversation eh nicht zu.

Ein Haus aus Sound

Bei dieser Vorband handelt es sich um Kaleidobolt aus Finnland. Die spielen auch Psychedelic-Rock. Nur irgendwie mehr auf die Fresse. Mit jedem Song stellen sie eine neue Wand aus Bass- und Gitarrensound senkrecht auf, sodass am Ende des Auftritts ein massives Haus aus Rock und Geilheit steht. Gekrönt wird das neue Haus durch das Drumsolo-Dach vom Schlagzeuger Valtteri Lindholm. Als er auf seinem demolierten Schlagzeug (in der Bassdrum klafft ein großes Loch und das locker hängende Schlagfell schwingt bei jedem Ton wild hin und her) zu körperlichen Höchstleistungen ansetzt, löst das beim Publikum Begeisterungsstürme aus. Man merkt, hier steht mehr Talent auf der Bühne als in den Top 10 der deutschen Single-Charts. Würden die Jungs nicht so ein verschwurbeltes Musik-Genre spielen, wären sie vielleicht Stars.

Die beste Note deines Lebens

Zeit für Radio Moscow. Die drei Jungs kommen auf die Bühne, sagen nichts und ballern direkt die ersten 120 Noten der Partitur ins Trommelfell der Zuhörer. Ein Back-Drop gibt es nicht. Die Beleuchtung ist die meiste Zeit in dezentem Blau gehalten. Es soll kein Zweifel daran entstehen, dass hier die Musik im Vordergrund steht. Die Befürchtung, das Konzert könne zur One-Man-Show verkommen, ist verflogen.

Hier entsteht Großes. Die Energie zischt durch den Raum. Niemand, wirklich niemand verlässt den Raum. Jede verpasste Note könnte die beste deines Lebens sein. So fühlt es sich an, wenn Griggs die Geister der 60er Jahre auferstehen lässt. Seine Bandkollegen Paul Marrone und Anthony Meier arbeiten ihm gut zu, haben dabei aber auch ihre eigenen Glanzmomente. Doch in den stillen Passagen mit dem Fokus auf den Gesang, zeigen die Bandkollegen fast ehrfürchtig, wer hier die Gitarre in der Hand hat und treten einen großen Schritt nach hinten. So zum Beispiel beim Song "250 Miles".
 

Tanzbar untanzbar

Wurden zum Anfang gerade Songs vom neuen Album „New Beginnings“ gespielt, werden zum Ende vor allem die älteren Songs bedient. Die erwähnte Energie kulminiert gerade mit den „Brain Cycles“-Klassikern in unvergleichlicher Weise. Ich habe nicht erwartet, dass Radio Moscows Musik in irgendeiner Form tanzbar sein könnte. Aber hier senden die Gitarrenseiten irgendeine Form von elektrischen Signalen aus, die meine Muskeln auf eine ungewohnte Art und Weise reagieren lassen. Ob das wie Tanzen aussieht, weiß ich nicht, aber es fühlt sich so an: Von beiden Seiten marschiert eine kleine Frauschaft auf hohen Schuhen von meinen Fingerspitzen, die Arme hoch über die Schultern. Bis sie auf meinen Schulterblättern zu stehen kommen und mein Kreuz nach hinten ziehen. Mein Chiropraktiker wäre bei dieser Körperhaltung stolz auf mich. Ich kann nicht anders als nach oben starren und mich den komplexen Rhythmen hingeben.

Fazit

Nach der Radio Moscow – Show fühle ich mich wie von Gitarrengöttern geküsst. Selten habe ich einen dunklen Raum, allein durch Musik in so viele Farbe erstrahlen sehen. Wer nicht unbedingt Texte in seiner Musik braucht und schon immer das Jimi Hendrix Experience erleben wollte: Die Jungs aus Iowa sind das, was ihr braucht.

 

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Janek Kronsteiner
25.10.2017 - 11:56
  Kultur