Filmrezension: Battle Of The Sexes

Stellvertreterkampf auf der Mattscheibe

Das Erfolgsgespann hinter dem Indie-Hit „Little Miss Sunshine“ nimmt sich den absurd klingenden, jedoch wahren Umständen eines Showmatches an, das als „Kampf der Geschlechter“ (Tennissport-)Geschichte schrieb.
„Emanze gegen Macho“: Billie Jean King und Bobby Riggs spielen sich auf einer Pressekonferenz gegenseitig die Bälle zu.

USA, 1973: Der selbstgefällige Vertreter des amerikanischen Tennisverbands Jack Kramer (Bill Pullman) spricht sich vehement dagegen aus, das ausgeschriebene Preisgeld der weiblichen Gewinner bei Profi-Turnieren endlich dem der Männer anzupassen. Das Gehalt der Tennisspieler liegt − Skandal! − um ein Achtfaches höher (1.500 $ gegenüber 12.000 $). Prompt reagiert die momentane Nr. 1 des Damentennis und Verfechterin geschlechtergerechter Entlohnung Billie Jean King (Emma Stone): Sie zieht die Reißleine. Kurz entschlossen stellen sie und ihre Mitstreiterinnen eine eigene Turnierserie auf die Beine und gründen die WTA (Woman's Tennis Association).

Mitten in diese emanzipatorische Aufbruchsstimmung hinein bringt sich der abgehalfterte Ex-Tennis Star und gewohnheitsmäßige Spieler Bobby Riggs (Steve Carell) ins Gespräch. Dieser trägt die sexistisch-herabwürdigenden Äußerungen aus dem (Funktionärs-)Hinterzimmer − einige Gangarten dreister formuliert − nach Außen, ins Rampenlicht der medialen Öffentlichkeit. Riggs, mit seinen 55 Jahren nicht mehr der Jüngste, wettet, dass er die weltbesten, nur halb so alten Tennisspielerinnen locker in die Tasche steckt. Nach einigem Zögern nimmt Billie seine Herausforderung an und es kommt zum, mit Spannung erwarteten, Showdown „Mann vs. Frau“ auf dem Tennisplatz...

„Chauvinisten-Schwein gegen beinbehaarte Feministin“

Wenn sie [Billie J. King] jemals ihre Haare bis zu den Schultern wachsen lassen und ihre Brille abnehmen würde, dann hättest du jemanden im Konkurrenzkampf um einen Hollywood Screen Test.

Dieses objektivierende, chauvinistische Zitat stammt nicht etwa von dem Medienzirkus-„Clown“ Bobby Riggs, sondern stellt eine reale Audioaufnahme des ABC-Sportkommentators Howard Cosell während der Live-TV-Ausstrahlung des „Battle Of The Sexes“ im Houston Astrodome Stadion dar. Dem Film gelingt es eindrucksvoll, aufzuzeigen, wie fest der Sexismus in den Köpfen der Amerikaner und Amerikanerinnen in den 70ern verankert war und bis heute in Teilen der Gesellschaft, nicht nur der USA, leider noch immer ist. Die Geschlechterungleichheit wurde bei Weitem nicht nur von „schwarzen Schafen“ wie Riggs vertreten; er war nur die Spitze des Eisbergs. Außerdem entbehrt Cosells flapsiger Spruch im Kontext des Films nicht einer gewissen Ironie: Denn gerade für eine auch optisch überzeugende Darstellung der heute 73-jährigen Tennis-Ikone musste die wieder einmal bezaubernde Hauptdarstellerin Emma Stone u.a. eine unvorteilhafte Brille aufsetzen und obendrein ihre Haare kurz schneiden und färben lassen.

Den Filmproduzenten kann man, von den vorhandenen Qualitäten des Films ganz abgesehen, indes ein Lob aussprechen, dass sie sich gerade diese bis heute nachhallende, Diskussionen anregende Episode des Tennissports herausgepickt haben. Der Zuschauer wird beim Reflektieren des Films unterschwellig dazu angeregt, Parallelen und Vergleiche zwischen der Situation der Tennisspielerinnen vor über 40 Jahren und der Gegenwart zu ziehen: Hat sich in Sachen fairer Vergütung beider Geschlechter genügend verbessert? Wie in einem Promo-Interview zum Film bekannt wurde, sehen sich auch am Filmprojekt unmittelbar Beteiligte mit dem Problem der Ungleichbehandlung konfrontiert. So erklärte Stone, die sich nach ihrem Oscar-Gewinn für „La La Land“ auf ihrem bisherigen Karrierehöhepunkt befindet, dass ihre männlichen Schauspielkollegen aus Solidarität sogar teils auf Gagenanteile verzichtet hätten, damit eine gendergerechte Bezahlung möglich gewesen sei.

Eine weibliche Understatement-Version von "Rocky"

„Battle Of The Sexes“ ist weniger ein pathetischer Sportfilm die wenigen Spielsequenzen werden für echte Tennis-Experten eher wie Slow-Motion aussehen sondern mehr ein einfühlsames Biopic-Charakterporträt zweier polarisierender, gegensätzlicher Kontrahenten. Gleichzeitig ist der Film auch die Momentaufnahme einer verunsicherten Gesellschaft im Umbruch − neben der Frauenbewegung wird die noch unterdrückte sexuelle Revolution in den Fokus gerückt.

Die Filmemacher verwenden viel Zeit darauf, die zwei Hauptcharaktere King und Riggs genau zu studieren und für das Publikum greifbar zu machen. So unterschiedlich ihre Überzeugungen auch sein mögen, teilen die beiden selbstbewusst auftretenden „Alphatiere“ neben ihrer Tennisleidenschaft eine weitere Gemeinsamkeit: Jeder hat im privaten Bereich seine inneren Konflikte auszutragen; die Diskrepanz zwischen öffentlichem und privatem Auftreten ist immens. Während Bobby Riggs infolge seiner pathologischen Spielsucht von seiner Noch-Ehefrau des Hauses verwiesen wird und er das verloren gegangene Familienkonstrukt wiederherzustellen versucht, lernt die verheiratete Billie in einem Beautysalon die charismatische Friseurin Marilyn kennen und muss fortan mit ihrer neu entdeckten Homosexualität umgehen.

Ihre Szene der ersten Begegnung sticht in ihrer inszenatorischen Brillanz klar hervor. Die dynamische Kamera fängt in vielen extremen Nahaufnahmen die intensiv ausgetauschten Blicke der beiden Frauen ein, zwischen denen es heftig zu knistern scheint. Untermalt wird die intime Sequenz mit einem einzigartigen Sound-Mix aus meditativ-entspannender Musik, Scherengeräuschen und den flüsternden Stimmen der Gesprächspartner. All das ist, wie das Regie führende Ehepaar erklärte, darauf ausgelegt, einen ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response)-ähnlichen Zustand beim Publikum hervorzurufen. Herausgekommen ist dabei die wahrscheinlich beste Haarschnitt-Szene der Filmgeschichte.

Ladies (and Gentlemen), assemble!

Neben einem tollen Soundtrack und Bildern, die ein treffendes „Seventies Feeling“ heraufbeschwören, kann auch die Darstellerriege durch die Bank weg überzeugen. Allen voran Emma Stone („Birdman“) als von Selbstzweifeln und dem Wunsch, als Frau Ernst genommen zu werden, angetriebene Billie Jean King, sowie Steve Carell („Foxcatcher“), der seinen Bobby Riggs als „sympathisches Arschloch“ mit Aufmerksamkeitsdefizit auslegt, und zunächst für einige Lacher im Kinosaal sorgt. Als Dritte im Bunde spielt sich Andrea Riseborough („Nocturnal Animals“) als Billies heimliche Love Interest in den Vordergrund, die deren seelische Verbundenheit und gegenseitige Anziehungskraft wunderbar auf den Punkt bringt.

Auch wenn das finale, pompös zelebrierte Aufeinandertreffen der Tennisgrößen selbst für Kenner des Spielausgangs sehr abwechslungsreich und unterhaltsam gestaltet ist, sind es insbesondere ruhigere, kammerspielartige Szenen, die deutlich machen, mit welchen mächtigen Institutionen Billie ihren feministischen Standpunkt auszufechten hat. Was man dem Film zum Vorwurf machen muss, ist, dass er den charakterlichen Tiefgang bei wichtigen Nebenfiguren vermissen lässt. So bleibt nicht nur eine eigentlich ungemein spannende Dreierbeziehungskonstellation wegen Billies blassem Ehemann letztendlich unterentwickelt, sondern bspw. auch die Entscheidung von Riggs erwachsenem Sohn, seinen Vater während des Tennis-Schaukampfes nicht vor Ort zu unterstützten, bleibt ohne weitere Erklärung.

Fazit

„Battle Of The Sexes“ ist ein kurzweilig-hoffnungsvolles Kinoerlebnis, das die Gender-Problematik auf unterhaltsame Weise aufgreift, und dabei größtenteils die Balance zwischen komödiantischen und ernsten Tönen hält.

 

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Battle Of The Sexes − Gegen jede Regel:

Kinostart: 23.11.2017

FSK: 0

Laufzeit: 121 Minuten

Regie: Jonathan Dayton, Valerie Faris

Cast: Emma Stone, Steve Carell, Andrea Riseborough, Sarah Silverman, Bill Pullman und andere.