Berlinale 2018

Steinfamilie im ewigen Eis

Zweifellos spielt das Naturausbeutung anprangernde Schneewüsten-Epos „Ága“ an einem der spektakulärsten und gefährlichsten Drehorte der Berlinale-Kandidaten − im Nordosten Russlands genauer gesagt. Der meditative Film beruht auf Sagen der Inuit.
Sedna und Nanook
Die Eheleute Sedna und Nanook: Zwischen ihnen liegt viel Unausgesprochenes.

Bevor der Film beginnt, wohnt das Publikum erst einer lokaltypisch musikalischen Darbietung als „Willkommensgruß“ bei: Eine greise Frau in farbenfroh-traditionellem Gewand bespielt eine Art silberne Trillerpfeife; bizarr sakrale Klänge sind zu vernehmen. Nach Ende dieser Performance blickt sie − die vierte Wand durchbrechend − direkt in die Kameralinse und der Anflug eines Lächelns huscht über ihr gutmütiges Gesicht. Die besagte, verschmitzt griemelnde Dame aus der Ouvertüre ist eine der abgehärteten Hauptfiguren in „Ága“ und hört auf den Namen Sedna (Feodosia Ivanova). Zusammen mit ihrem vergesslichen Mann, dem Rentierjäger Nanook (Mikhail Aprosimov), und einem Husky bewohnt sie eine spartanisch eingerichtete Jurte mitten in der eisigen Einöde Jakutiens.

Wie andere Menschen essen, schlafen und reden (bevorzugt über Visionen von Begegnungen mit Tieren) die beiden. Nur der Familienfrieden ist getrübt. Ihre einzige Tochter Ága, die seit einem familiären Zerwürfnis in einer entlegenden Diamantenmine arbeitet, haben sie auf Initiative Nanooks seit langer Zeit nicht mehr gesehen. Dabei zieht es Sedna zu ihrem Kind - wohl auch, weil sie ahnt, dass ihre schwärzlich eiternde Wunde am Bauch ihr nicht mehr genügend Zeit im Diesseits für einen letzten Besuch lässt. 

Lawrence von Jakutien 

Eine der ersten Einstellungen zeigt eine Supertotale dieser lebensfeindlichen und kargen Vegetation. Blendend helles Weiß erstreckt sich vor einem klar blauen Himmel. Entlang der Horizontalen, verschwindend und unbedeutend klein, fährt Nanook auf seinem Hundeschlitten vom rechten Bildrand hinaus zum linken. Eine erhabene Schönheit und große Ruhe strahlt dieses stimmungsvolle Stillleben aus. Gleich zu Anfang wird hier nicht nur die Unterordnung der Bewohner − sowohl Mensch als auch Tier − vor dieser ungezähmten Naturkulisse etabliert; auch das angeschlagene, träge Erzähltempo ist der ewigen Winterlandschaft angepasst. Zu unterschiedlichen Tageszeiten und Wetterbedingungen präsentiert der Film die Tundraebene: Nachts, bei strahlendem Sonnenschein, pastellfarbenen Sonnenauf- und untergängen und undurchdringlichem Schneegestöber. Die imposanten Panoramabilder von Kameramann Kaloyan Bozhilovgar erwecken gar Assoziationen an einen berühmten Monumentalfilmklassiker aus dem Jahr 1962. Und das nicht nur, weil in einem Augenblick der aus der Zeit gefallene Nanook durch sandähnlichen Untergrund stapft. Statt sengend heißer Sandwüsten gibt es in „Ága“ jedoch das extreme Gegenteil, die endlose Weite einer gefrorenen Schneewüste, zu bewundern. 

Aussterbende Kultur - befeuert durch Klimawandel

Hauptdarsteller dieses melancholischen Melodramas sind neben der Sacha-Region die sich liebevoll umeinander kümmernden Eheleute Sedna und Nanook, die weitestgehend abgeschottet von der modernen Außenwelt die Tradition ihrer Jakuten-Vorfahren weiterführen. Ganz aussperren lässt sich das 20. / 21. Jahrhundert aber nicht: Traurige Klaviermusik tönt aus einem Radio in der Jurte. Ein Mitbringsel des Schneemobil fahrenden Sohnes Chena, der ihnen Feuerholz und Brennstoff vorbeibringt. Und das grollende Geräusch über dem ausgestreckt am frostigen Boden liegenden Nanook wird von vorüberziehenden Flugzeugen und Helikoptern verursacht. Wiederholt kollidieren hier zwei völlig verschiedene Lebensrealitäten miteinander. 

Fast schon dokumentarisch begleitet die Kamera die Einsiedler in ihrem rauen und kräftezehrenden Alltag: Beim Fischen am zuvor mühsam frei gehackten Eisloch, beim Aufstellen von Tierfallen und Häuten eines erlegten Polarfuchses ebenso wie bei der Zubereitung einer schmerzlindernden Heilsalbe. Übermäßig viele Worte verliert das wettergegerbte Paar dabei nicht. Weil Nanook sich automatisch taub stellt, wenn Sedna versucht, ein Gespräch über die verstoßene Tochter anzufangen, erzählen sie sich vornehmlich gegenseitig weniger Befangendes: Träume von Gestaltwandlern, die einen durch ein Erdloch in ein sternenübersätes Vakuum losgelöst von Raum und Zeit entführen, Legenden von Rentieren und die Beobachtung einer Felsengruppe, die aussieht, als hätte jemand riesige Vater-Mutter-Kind-Figuren aus Stein gemeißelt. Der märchenhafte und mystische Anstrich des Films lässt viele Fragen aufkommen. Wie heißt die unheilbare Krankheit, an der Sedna leidet? Welcher Art ist die Verbindung zwischen ihr und den Tierkadavern mit identischer Verletzung? Ist das auftretende Rentier böses Omen oder Heilsbringer? Antworten darauf muss die Zuschauerschaft selbst suchen, der Film hält nur Andeutungen bereit. 

Musik als gewünschter Gefühlskatalysator  

An einer Stelle bemerkt Nanook gegenüber seiner Frau sinngemäß, dass „Musik durch die Luft reist − wie der Wind.“ In besonderem Maße trifft diese Feststellung auf das Finale von „Ága“ zu, das im Kontrast zum restlichen Film geradezu epische Züge annimmt und gleichzeitig auf jegliche Subtilität pfeift. Das zuvor gewahrte Prinzip des sparsam-unterschwelligen Musikeinsatzes und der starren Einstellungen wird zu diesem späten Zeitpunkt fallen gelassen. Während die hochdramatische Gustav-Mahler-Sinfonie sukzessiv anschwillt, laufen der entfremdeten Tochter beim Anblick des verloren geglaubten Vaters Tränen über das Gesicht. Kein Wort wird gewechselt, nur Blicke werden ausgetauscht. Von den Emotionen überwältigt blickt sie schluchzend gen Öffnung des überdimensionalen Diamantenminenlochs; die letzte und zugleich am weitesten auseinanderklaffende „Wunde“ des Metafilms. Es scheint in diesem Moment so, als ob die von Nanook ausgesendete musikalische Botschaft eine erfolgsversprechende Reise durch die Luft angetreten war und das Herz der Adressatin berühren konnte. 

Fazit: 

Auf „Ága“ trifft vor allem eine Beschreibung zu: bildgewaltig! Die mit dem düsteren Mahler-Klangteppich unterlegte, atemberaubende Kamerafahrt aus den Tiefen der riesigen Diamantenmine bleibt auch nach Verlassen des Kinos im Gedächtnis. Weniger wohlwollend ist die holzhammerartig erzwungene emotionale Wucht der vorherigen Szene zu werten: Das Vorgehen des Regisseurs Milko Lazarov grenzt an Gefühlsmanipulation. Mit Erfolg muss gesagt werden: Im Kinosaal hörte man wiederholt Schluchzer, gefolgt von Taschentücher zücken. Das ansonsten angenehm leise Beziehungsdrama über verlorene Familienbande, Altwerden, Einsamkeit und Kulturüberbleibsel eines vergessenen Way of Life verströmt trotz Ansiedlung in arktischen Gefilden eine erstaunliche Wärme, stellt das Publikum aber angesichts seiner langsamen Erzählweise auch auf eine Geduldsprobe.  

 

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Ága lief im Wettbewerb der 68. Internationalen Filmfestspiele Berlin außer Konkurrenz. Ein regulärer Kinostart ist derzeit noch nicht bekannt.