Die Kolumne

Stehenbleiben

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Til Schäbitz über Schuld, Sprache und Nicht-Fahrradbesitzer.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Stehenbleiben - die Kolumne von Til Schäbitz
 

Ich fahre fast jeden Tag mit der Straßenbahnlinie 4 aus Reudnitz auf Arbeit. In jeder dieser Bahnen klebt irgendwo so ein Zettel, auf dem die Anzahl an Sitz- und Stehplätzen steht. Aber hat sich jemals jemand gedacht: „Mh, Mist, alle Stehplätze weg, da warte ich doch mal auf die Nächste.“ Nein.

Berufsverkehr. Ich stehe mal wieder in der Bahn. Ohne es so richtig genau sagen zu können, fühle ich mich wie ein neuer Tafelschwamm - auf das Extremste verdichtet. Ich könnte total aufgehen, bräuchte dazu aber etwas Wasser. Ich habe kein Wasser. Ich bin nicht so einer, der immer eine Flasche mit sich rumschleift, um jedes aufkommende Bedürfnis auch ja sofort befriedigen zu können. 

Der kleine Junge vor mir ist so ein Typ. Heulend versucht er, eingequetscht zwischen Milliarden anderen Bahnfahrern, die Plastefolie von seinem Fanta-Sixpack zu reißen. Seine Mama sieht das. Sie schreit ihn kurz an, nimmt Sprachnachrichten auf, schreit ihn kurz an. Manchmal beides gleichzeitig. Was mich als Empfänger etwas verwundern würde, aber naja, ihre Sache. Den Inhalt verstehe ich eh nicht, sie sprechen nämlich kein Deutsch.

Falls jetzt irgendjemand auch nur daran gedacht hat, zu einem „die Ausländer passen hier eh nicht hin“ auszuholen. Nein. Denken Sie nicht mal dran.

Ich finde es toll, andere Sprachen zu hören. Ich mag das Gefühl, mit Kopfhörern Bahnfahren zu können, ohne irgendwas zu verpassen. Ich würde es ja eh nicht verstehen. Generell verstehe ich lieber kein Wort, als mich dauerhaft von Phrasen besudeln zu lassen. Politischen Phrasen. Ja, die Bundestagswahl rückt näher. Stimmt. Aber das ist noch lange kein Grund, Sätze zu verwenden wie:

  • "Das wird alles auf den Rücken des Steuerzahlers gebunden."
  • "Also ja, damit stellen sie schon einen europapolitischen Geisterfahrer dar."
  • oder „Diese bittere Pille werden sie schlucken müssen.“

Ich kann mir genau eine Situation vorstellen, in der der letzte Satz eine Berechtigung hätte: jemand geht nüchtern in einen Club und fühlt sich gänzlich fehl am Platz. Dann sieht er einen anderen, der wie in Ekstase rumspringt. Er fragt ihn: „Was muss ich machen, um auch so wie sie zu sein?“ Darauf der Andere: „Diese bittere Pille werden sie schlucken müssen.“

Bei dem, was in Leipzig noch so passiert ist, hört der Spaß auf. Letzte Woche wurde am helllichten Tag eine Joggerin im Rosental zusammengeschlagen und anschließend vergewaltigt. Es gibt keine Zeugen. Aus diesem Fall kochte eine Diskussion auf, dass es in Leipzig zu wenig Polizeipräsenz gäbe. Innenminister Ulbig und Oberbürgermeister Jung schieben sich nun gegenseitig die Schuld für das fehlende Fachpersonal zu. Wer ist denn deiner Meinung nach schuld?

Ich habe keine Ahnung. Aber im Ernst, es ist mir völlig egal. Ich bezweifle auch, dass mehr Polizeipräsenz automatisch zu einem höheren Sicherheitsgefühl führt. Oh stimmt, es gibt sogar Studien die das belegen. Aber zurück zum Thema: Der Täter muss gefunden werden. Für Hinweise hat ein Leipziger Unternehmer jetzt 5.000 Euro Belohnung ausgelobt.

Ob sich da jemand meldet?

Mal schauen. Man muss schon ein gewaltiges Arschloch sein, um sich durch die verlockende Kraft des Geldes dann doch plötzlich an etwas erinnern zu können. Aber lieber als Arschloch etwas Richtiges machen, als die bloße Fassade wahren zu wollen.

Stichwort Fassade wahren. Wieso erzählst du solange vom Straßenbahnfahren, um erst später zu den wirklich wichtigen Themen zu kommen?

Herr Weidel, äh, Herr Schäbitz, gehen sie jetzt?

Ich: Ja, ja, das wars jetzt.

Das ist dann auch ‘ne eigenartige Diskussionskultur.

 

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