Filmrezension: Call Me By Your Name

Star-Crossed Lovers in Bella Italia

Das Indie-Liebesdrama ist für 4 Oscars nominiert. Zu Recht! Anders als in "Moonlight" sieht sich der Protagonist nicht mit Homophobie konfrontiert. Dieser Umstand erlaubt es Guadagnino, sich ganz auf das innere Drama seiner Figuren zu konzentrieren.
Eine lebensverändernde Sommeraffäre beginnt mit einem höflichen Händeschütteln.
Elio (Timothée Chalamet; links) und Oliver (Armie Hammer; rechts) werden einander vorgestellt.

Sommer 1983 Irgendwo in Norditalien“ steht in schwungvollen, handgeschriebenen Lettern über der Eröffnungssequenz. Direkt zu Filmbeginn wird so der verwunschene Charakter dieses malerisch gelegenen Ortes vorweggenommen. Genau dort lässt der 17-jährige Elio (Timothée Chalamet) beim traditionellen Sommeraufenthalt im herrschaftlichen Feriendomizil mit seinem Vater, dem Archäologieprofessor Mr. Perlman (Michael Stuhlbarg), und seiner Mutter Annella (Amira Casar) die Seele baumeln. Die schier endlosen Tage verbringt das intellektuell frühreife, aber noch sehr jungenhafte "Wunderkind" mit Klavierspielen, Lesen und gelegentlichen Schwimmausflügen.

Für Abwechslung in dieser ereignisarmen Idylle sorgt ein alljährlicher Besucher, der den Professor bei dessen sechswöchiger Forschungsarbeit unterstützen soll. Dieses Mal darf der gutaussehende, 24-jährige Doktorant Oliver (Armie Hammer) in Elios Zimmer einziehen. Der amerikanische Sonnyboy, der die Leidenschaft für antike Statuen mit Elios Vater teilt, ist charmant, eloquent und von einer geheimnisvollen Aura umgeben − und das nicht nur, weil er die, seine Gastfamilie amüsierende, Angewohnheit hat, eine Unterhaltung mit einem abrupten „Wir sehen uns“ zu beenden. Auf gemeinsamen Fahrradtouren durch die verführerisch schöne Urlaubsgegend knüpfen die zwei ungleichen Persönlichkeiten Elio und Oliver ein zartes Band gegenseitiger Zuneigung. Eine lebensverändernde Sommerliaison bahnt sich an...

Berauschendes Fest für die Sinne

Luca Guadagnino hat schon in seinen Vorgängerfilmen "I Am Love" (2009) und "A Bigger Splash" (2015) ein wunderbares Gespür für die jeweilige Umgebung, in der seine Beziehungsdramen spielen, bewiesen. Mit der Romanadaption "Call Me By Your Name", dem inoffiziellen Abschlussteil seiner Italien- und Macht des Begehrens-Trilogie, übertrifft er sich in Zusammenarbeit mit Kameramann Sayombhu Mukdeeprom allerdings noch mal selbst: Das verzückte Publikum wird einem sonnendurchflutenden, flirrend-betörenden Bilderrausch ausgesetzt, der einen immersiv in der fast schon unwirklich schönen Landschaft versinken lässt.

Augenscheinlich nicht nur eine filmische Liebeserklärung des italienischen Regisseurs an seine Heimat, sondern auch an die transformative Kraft der Natur: Wie Elio und Oliver, die sich in diesem stillen Paradies langsam näher kommen und schließlich einander mit bedingungsloser Intensität hingeben, verliert sich auch das Publikum in den Naturpanoramen des Films: Man glaubt, die schwüle Hitze bei Tag und die angenehme Brise lauer Sommernächte auf der Haut zu spüren, die leicht salzige Meeresluft riechen und die Süße reifer, frisch von den Obstbäumen gepflückter Pfirsiche und Aprikosen auf der Zunge schmecken zu können. Das veränderte Zeitgefühl dahinschleichender Sommertage in diesem friedlichen "Wunderland" wird durch die langen Filmeinstellungen ohne Schnitt noch zusätzlich unterstrichen. 

"Ist es besser zu sprechen oder zu sterben?"

Neben dieser atemberaubenden Urlaubskulisse − quasi selbst ein Filmcharakter − steht die Beziehungsdynamik zweier Figuren im Fokus: Elio und Oliver. Später werden sie sich mit dem Namen des jeweils anderen anreden. Der Filmtitel − ein Ausdruck ihrer einmaligen Verbindung und großen Intimität. Die Romanze fängt dabei die zwischen qualvoller Erwartung, jugendlicher Verunsicherung und impulsiver Begierde schwankenden Aspekte "erster Liebe" und "sexuellen Erwachens" auf brillant-lebensnahe Weise ein. Stets wird den leisen, subtilen Tönen gegenüber den aufdringlich theatralischen der Vorzug gewährt.

Exemplarisch veranschaulicht wird dieses Understatement in einer Schlüsselszene des Films − Elios scheues, etwas ungelenk vorgetragenes "Liebesgeständnis" und zugleich bedeutungsvoller Coming-out-Moment in Anwesenheit von Oliver. Bewusst hält sich die Kamera in dieser Plansequenz im Hintergrund; statt entblößender Nahaufnahmen wird ihr "nervöser Tanz" gegenseitiger Anziehungskraft aus der Distanz gefilmt. Offenkundig schwingt hier immer ein großer Respekt Guadagninos für die Gefühlswelten seiner verletzlichen Figuren mit. Allein durch Körpersprache und pointiertem Dialog wird ein nicht zu leugnendes, erotisches Knistern zwischen den jungen Männern erzeugt. 

Übertriebenen Kitsch und oberflächliche Klischees sucht man in "Call Me By Your Name" vergebens. Der gemächliche, aber nie langatmig wirkende Erzählrhythmus erlaubt es, den "steinigen Weg" des Paares zu der Akzeptanz ihrer gleichgeschlechtlichen, zehrenden und doch perspektivlosen Liebe genau nachzuzeichnen. Dem ersten Kuss oder Beischlaf geht ein langes, vor Funken nur so sprühendes "Vorspiel" von mehrfacher Zurückweisung (der vorsichtige Oliver) und zunächst zögerlichen bzw. später hartnäckigeren Annäherungsversuchen (der forsche Elio) voraus: Kontinuierlich werden Grenzen ausgelotet, sich in Streitgesprächen über Musik und Literatur intellektuell gemessen und in neckischer Art aufgezogen.

Schmerz, lass herein, und Liebe, flieh hinaus!

Ab einem gewissen Zeitpunkt wünscht man sich − ähnlich wie der vor Sehnsucht still vor sich hin leidende Elio − dass sich die zwei Verliebten doch bald zusammenraufen und einfach dem Bauchgefühl gefolgt wird. Denn das ist von Anfang an vorgegeben: Elio und Oliver werden zumindest vorläufig getrennte Wege gehen müssen (der Autor der Vorlage André Aciman arbeitet nach Vorbild der "Before"-Filmtrilogie bereits an einer Fortsetzung). Hatte Elio zu Beginn ihrer Begegnung auf Olivers Frage, was man hier zu tun pflege, mit einem gelangweilten „Warten, dass der Sommer zu Ende geht“ geantwortet, ist tatsächlich das genaue Gegenteil eingetreten: Ihre auf den zur Neige gehenden Sommer begrenzte Zeit trauter Zweisamkeit ist kostbar geworden.

"O Oliver, Oliver, wherefore art thou Oliver?"
 

Oscar-würdiges Schauspiel von Chalamet

Natürlich steht oder fällt eine Romanze mit seinem Film-Liebespaar. Und was bleibt im Fall von "Call Me By Your Name" zu sagen? Nicht nur sind die zwei Leinwandpartner Chalamet und Hammer perfekt gecastet. Von Anfang an herrscht zwischen den beiden eine perfekt ausbalancierte, erotisch aufgeladene Chemie − allein über verstohlene Blicke und kleine Gesten kommunizieren sie so viele widersprüchliche Emotionen, dass man sich am liebsten das Blinzeln verkneifen möchte. Armie Hammer ("Codename U.N.C.L.E.") lässt hinter Olivers selbstbewusster, unnahbarer Fassade einen zutiefst verunsicherten Menschen durchscheinen, der zwischen Verantwortungsgefühl und erotischer Anziehung zu Elio hin und her gerissen ist. Gegen Ende des Films hat zudem Michael Stuhlbarg ("Shape of Water") als Elios verständnisvoller Vater seinen verdienten, großen Auftritt. Sein bewegender Monolog gehört zu den einfühlsamsten Eltern-Kind-Momenten der Filmgeschichte.

Die klare Stand-Out-Performance des Films liefert jedoch Newcomer Timothée Chalamet ("Interstellar"), der seine aufgeweckte Figur Elio mit größtmöglicher Natürlichkeit darstellt. In der Rolle eines sensiblen Jugendlichen, der sich zum ersten Mal Hals über Kopf verliebt, kanalisiert Chalamet subtil dessen inneres Gefühlschaos nach außen: Von der anfänglichen Verwirrung angesichts des aufkeimenden homosexuellen Begehrens über die nervöse Unbeholfenheit beim Flirten und Verführen seines Schwarms bis zum ekstatischen Hochgefühl totaler Erfüllung in der Beziehung. 

Eine die Erinnerung verzerrende Rückblende gibt es in "Call Me By Your Name". Gefilmt ist dieser sekundenlange Flashback in einer satt orange-schwarzen Bildästhetik, die an ein Fotonegativ denken lässt. In der die minutenlange Schlusseinstellung (unbedingt während des Abspanns im Kinosessel sitzen bleiben) begleitenden, bittersüßen Sufjan Stevens Ballade "Visions of Gideon" ist immer wieder mantrahaft "Is it a video?" zu hören. An der Seite von Elio stellt man sich selbst diese Frage. Und ruft sich wehmütig die eigene Oliver-Begegnung wieder ins Gedächtnis. Jetzt nur noch ein verblasstes Polaroid oder Film vor dem geistigen Auge.

Der Filmsoundtrack inklusive des Oscar-nominierten Songs "Mystery of Love" zum Nachhören:

 

Fazit:

Nennen wir die poetisch-sinnliche Coming-of-Age-Romanze "Call Me By Your Name" ausnahmsweise bei ihrem Namen: ein mit virtuoser Leichtigkeit inszeniertes Meisterwerk! Äußerst behutsam und gefühlvoll schildert Auteur Guadagnino in schwelgerischen Bildern der blühenden Landschaft Italiens eine universelle Liebesgeschichte zwischen zwei jungen Männern − klug, erotisch, triumphierend und herzzerreißend zugleich.

Zur Feier dieses exquisiten Stück Kinos wollen wir jetzt auch am liebsten ausgelassen zu „Love My Way“ von The Psychedelic Furs abtanzen − wenngleich Armie Hammers anbetungswürdig gedankenverlorene, GIFs produzierende „Tanzeinlage“ (in Wahrheit musste er beim Drehen ohne Musik performen) natürlich unerreicht bleibt: There’s an Armie on the Dancefloor!

 

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"Call Me By Your Name"

Kinostart: 01. März 2018

FSK: 16

Laufzeit: 132 Minuten

Regie: Luca Guadagnino

Cast: Timothée Chalamet, Armie Hammer, Michael Stuhlbarg, Amira Casar, Esther Garrel und andere