Literatur

Stalin und die Musik

Julian Barnes' neuer Roman erzählt von der Absurdität des Lebens im Stalinismus und der Musik: Er erzählt die Lebensgeschichte von Schostakowitsch nach.
Gewandhausorchester mit Thomanerchor
Gewandhausorchester und Thomanerchor beim Weihnachtsoratorium in der Thomaskirche.

Am Anfang stehen wir mit dem russischen Komponisten nachts neben einem Aufzug - den gepackten Koffer zu Füßen, rauchend und mit kreisenden Gedanken. Er wartet auf seine Abholung ins Gefängnis oder in den Gulag und möchte diesen Anblick seiner Familie ersparen. In Spiralen offenbaren sich Muster, langsam setzt sich ein Leben zusammen. In Julian Barnes' neuen Roman „Der Lärm der Zeit“ erfahren wir, wie Schostakowitsch in diese Situation gelangt ist.

Ein Leben für eine Oper?

Er hat eine Oper geschrieben, eine sehr erfolgreiche Oper, über die ein Zeitungsartikel veröffentlicht wurde. Und jetzt rechnet der Komponist mit seinem Tod. Denn Stalin hat den Artikel geschrieben. Die Grammatikfehler, die niemand zu korrigieren wagte, deuten darauf hin, dass er es tatsächlich war. Er hat Schostakowitschs Oper „Lady McBeth von Mzensk“ zwei Jahre nach dessen Uraufführung besucht, ist früh gegangen und hat sie jetzt verrissen.

„Der Komponist hat überhaupt nicht bedacht, was das sowjetische Publikum von der Musik erwartet und in ihr sucht.“ Das reichte, um ihn aus dem Komponistenverband auszuschließen. „Die Gefahr einer solchen Richtung in der Musik liegt klar auf der Hand.“ Das reichte, um ihm die Möglichkeit, zu komponieren und aufzutreten zu nehmen.“ Und schließlich: „Dieses raffinierte Spiel aber kann böse enden.“ Das reichte, um ihm das Leben zu nehmen.

 

Nach einer wahren Begebenheit

Schostakowitsch hat tatsächlich gelebt. Er bat um Abbitte und überlebte den Zeitungsverriss. Bald entwickelte er sich zu einem der wichtigsten russischen Komponisten im 20. Jahrhundert. Immer wieder wurde er mit der Macht, wie er es im Buch nennt, konfrontiert. Und stets versuchte er, seine Ideale bei diesen Begegnungen nicht zu verraten. Nie gelang ihm das ganz. Darüber hat auch der reale Schostakowitsch geschrieben und dabei Details seiner Geschichte im Laufe der Zeit verändert. Der Autor Julian Barnes bleibt nah an dem, was über Schostakowitsch Biographie bekannt ist. Wie auch schon in "Das Ende einer Geschichte" nutzt er ein konkretes Beispiel, um über ein in diesem Fall gesellschaftliches Problem zu reflektieren.

Zwischen Kunst und Politik

Hier untersucht er das Verhältnis zwischen Kunst und Politik in einer totalitären Diktatur. Schostakowitsch verzweifelt in „Der Lärm der Zeit“ an der Unmöglichkeit, im Stalinismus selbstbestimmter Künstler zu sein und am Leben zu bleiben. Er versucht es mir Ironie, liebäugelt immer wieder mit Selbstmord. Und er beneidet Systemkritiker um ihren Tod und die Integrität, die sie nun nicht mehr verlieren können. 

Aber diese Helden, diese Märtyrer, deren Tod oft eine doppelte Befriedigung verschaffte – dem Tyrannen, der ihn befohlen hatte und den Nationen, die von der Ferne zuschauten, die ihr Mitgefühl bekunden und sich dennoch überlegen fühlen wollten-, die starben nicht allein. Infolge ihres Heldentums würden viele andere aus ihrem Umfeld vernichtet werden. Und darum war es nicht einfach, selbst wenn es klar war.

In drei Teilen, die im Abstand von 12 Jahren spielen, erzählt Julian Barnes von emotionalen Tiefpunkten im Leben von Schostakowitsch. Jeder der Teile spielt in einem von Schostakowitsch gefürchteten Schaltjahr und beginnt mit der Versicherung, dies sei nun wirklich „die schlimmste Zeit“.

Wie im Tagebuch blättern

Julian Barnes zeichnet Schostakowitsch als nachdenklichen, neurotischen Menschen, verloren in seinen Zweifeln. Dennoch wirkt das Buch nicht schwerfällig. Barnes' detailreiche Skizzen lassen ihm den Leser ganz nah kommen. Fast wirkt es, als lese man Schostakowitschs Gedanken oder Tagebuch. Durch seine Überlegungen wird der Leser immer wieder zum selbst reflektieren eingeladen: Wie hätte man sich an seiner Stelle verhalten? Die Beschreibung von den westlichen Besuchern, die meinten, das wahre Russland kennenzulernen, scheint immer noch aktuell.

Sie hatten keine Ahnung und keine Fantasie, diese tapferen Humanitätsapostel. Sie kamen in eifrigen Grüppchen nach Russland, mit Vouchern für Hotels, Mittag- und Abendessen ausgestattet, jeder Einzelne vom sowjetischen Staat genehmigt, jeder Einzelne begierig darauf, „echte Russen“ kennenzulernen und in Erfahrung zu bringen „wie es ihnen wirklich ging“ und „was sie wirklich glaubten".

Ein Komponist und seine Zeit

„Der Lärm der Zeit“ ist zuallererst ein politisches Buch. Schostakowitschs Familie wird immer wieder eher anekdotisch erwähnt, seine Arbeit als Komponist spielt keine große Rolle. Trotzdem reichen diese einzelnen Geschichten, um vor dem Auge des Lesers ein vielschichtiges, detailreiches Bild von Schostakowitsch und seiner Zeit entstehen zu lassen.

Mehr hören Sie in der Audiorezension von mephisto 97.6-Redaktuerin Rebecca Kelber: 

Rezension über Julian Barnes' "Der Lärm der Zeit" von Rebecca Kelber
Audio Rezension Julian Barnes

 

 

 

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Der Roman "Der Lärm der Zeit" ist bei Kiepenheuer und Witsch erschienen. Die gebundene Ausgabe kostet 20 Euro.