Festivalbericht: splash! 2018

Stadt aus Staub

Das splash! ist das mit Abstand größte Hip-Hop Festival in Deutschland. Auch bei der 21. Auflage gaben sich wieder zahlreiche prominente Künstler aus In- und Ausland in Ferropolis die Ehre. Mephisto 97.6 berichtet, wie es in der Stadt aus Eisen war.
Beleuchteter Bagger in Ferropolis

Donnerstag, 21:30

Lena: Wir sitzen im Shuttlebus von Gräfenhainichen zum Festivalgelände: die berühmte Ruhe vor dem Sturm. Der Geruch von verschüttetem Bier bereitet uns olfaktorisch schon mal auf die kommenden Tage vor. Trichtersaufen, eine Kultur, die ich bisher aus Unwissenheit verachtete, doch jetzt von Nahen sehen und richtig kennenlernen darf. (Spoileralarm: Samstagabend werde ich mein erstes Dosenstechen erleben.) Moritz und ich sitzen, wie Fler es uns gelehrt hat, mit den coolen Kids ganz hinten im Bus. Sie hören Rin. Vorne haben die rich Kids allerdings bessere Boxen und Casper ist lauter. 

Nimm auf dem Weg all die Hürden in Kauf, Steh' auf, niemand hält mich auf, wie ein Champion.

Casper in "Champion Sound"

Ankunft auf dem Zeltplatz: Mich beschleicht eine Angst, nicht alle Insider zu kennen. Ich kann nicht aus dem Kopf alle Lines spitten. Werden sie mich trotzdem als eine der ihren erkennen?

 

Freitag, 08:00

Moritz: Zielsicher haben wir uns die Nachbarn mit dem schlechtesten Musikgeschmack auf dem ganzen Festival ausgesucht. Eine Nacht mit wenig Schlaf, dafür aber sehr lauter Schlagerdauerbeschallung. Den Dude, der morgens mit einem Megafon vor unserem Zelt auftaucht und uns mitteilt, dass er es für angebracht hielte, wenn wir jetzt aufstünden, hätte es eigentlich gar nicht gebraucht. In den kommenden Nächten verhält sich die Fraktion überraschend ruhig, was mich eigentlich verdächtig gemacht haben sollte. Ich habe mich allerdings nie nach ihrem Wohlbefinden erkundigt. Mittlerweile fühle ich mich schuldig deswegen.

 

Freitag, 15:00

Lena: Mein Highlight des Tages ist das Interview mit Zugezogen Maskulin in ihrem persönlichen Backstage. Obwohl die beiden für Feuilleton und Rapmedien wirklich viele Interviews geben, hat sich keine langweilige Routine eingeschlichen. Grim104 und Testo scheinen immer noch Spaß an absurden Antworten zu haben. So haben sie Beziehungstipps gegeben und mit einem Geständnis überrascht. Am Ende haben sie sich noch Zeit genommen, um mit uns in einem Shooting die neue Mode zu präsentieren. 

grim104, Redakteurin Lena und Testo

 

Als ich letzte Vorbereitungen für das Interview mit Trettmann treffe, wird mir mitgeteilt, dass er starke Rückenschmerzen habe und das Interview absagen muss. Schade! Als ich das Bekannten erzähle, munkeln sie von Starallüren. Ich denke aber eher, dass viele Leute oft unterschätzen, unter wie viel Stress ein Künstler eigentlich steht. Es ist sogar unklar, ob er am Abend auftreten kann. Ich hoffe, dass es ihm bald besser geht.

Alter du siehst ihn so die ganze Zeit auf deinem Handy und dann fährt er vorbei und du denkst: voll der normale Mensch

Ein perplexer Festivalbesucher, als Bonez MC auf einem Quad vorbeifährt

Freitag, 21:00 

 

Moritz: Abseits des großen Festivals können wir am The Corner runterkommen. Die kleine Bühne ist angenehm ruhig und fast schon idyllisch im Wald gelegen. Der Rapper und Produzent Dexter legt hier auf. Ihn treffen wir nach seinem Auftritt auch zum Interview. Als es darum geht einen ruhigen Platz für das Interview zu finden, zeigt sich die Organisation des splash! allerdings wieder von seiner schlechtesten Seite. Zwar haben die Veranstalter zwei Interviewkabinen bereitgestellt, diese liegen allerdings genau zwischen den Hauptbühnen und sind somit zu laut. Als wir das Interview im Backstagebereich führen wollen, stoßen wir auf Widerstand von den Securities. Auch mit Dexter zusammen werden wir nicht reingelassen. Vorschriften und so.  

 

Das Interview haben wir dann eher improvisiert hinter zwei Containern geführt, wo es zumindest etwas ruhiger ist. Gesprochen haben wir unter anderem darüber, dass er mit seiner Musik eine Nische besetzt, die es im Deutschrap so noch nicht gegeben hat, und warum die Moshpits bei Konzerten für die Leute immer wichtiger zu werden scheinen - eine Tendenz der letzten Jahre, die ich auf den großen Bühnen auf dem splash! auch sehr deutlich wahrgenommen habe.

Redakteur Moritz Fehrle im Gespräch mit dem Rapper und Produzenten Dexter
Dexter-Interview auf dem Splash

 

 

 

Nach dem Interview teilen wir uns auf. Lena geht zu Trettmann, der anscheinend wieder fit ist und ich zu Skepta. Wie nicht anders zu erwarten geht das Publikum hier richtig mit und sorgt für einige der größten Moshpits des ganzen Festivals. Nach den Konzerten treffen wir uns wieder. Lena erzählt, dass Trettmann eine abwechslungsreiche Show bot. Dass es extrem voll war, ist auch nicht verwunderlich.

Wir gehen zur Green Stage und hören uns noch FloFilz an. Das Set des Aacheners ist ein sehr entspannter Abschluss des Festivalfreitags.

 

 

Samstag,  18:30

 

Moritz: Zweifellos einen meiner seltsamsten Radiomomente hatte ich am Samstagnachmittag, als ich mich mit dem Leipziger Musiker Der Täubling zum Interview getroffen hatte. Die Kunstfigur, ein "Professor für angewandte Misantrophie" mit Hasenmaske, sorgt mit seiner experimentellen Musik und seinen intelligenten, teils witzigen, teils verstörenden Texten für Aufsehen. Mit seinem Debütalbum letztes Jahr hat der Täubling für einige der überraschendsten und unkonventionellsten Zeilen gesorgt, die mir seit langem untergekommen sind. Aufs splash! scheint das allerdings auf den ersten Blick nicht wirklich zu passen. Für das hedonistische Festivalpublikum scheint mir seine Musik zu düster und aggressiv zu sein. Warum er trotzdem hier auftritt, möchte ich im Gespräch in Erfahrung bringen.

Bei unserem Gespräch tritt der Leipziger in Verkleidung und in seiner Rolle auf. Ihm zur Seite sitzt dabei seine treue Begleiterin Babsi, welche er nach eigener Aussage irgendwann unter seine Fittiche genommen hat. Auch dieses Interview wurde wieder an etwas improvisierter Stelle geführt: Die ungläubigen Blicke der umsitzenden Besucher waren uns in jedem Fall sicher.

Das Interview mit dem Täubling auf dem Splash
Interview Der Täubling

Samstag,  21:00

Lena: Wir kommen gerade noch rechtzeitig, dass wir den letzten Teil von Figub Brazlevics Auftritt sehen können. Der Produzent musste spontan umdisponieren, denn eigentlich sollte er zusammen mit Tek D. spielen. Der ist aber nicht da. Aus der Not wird eine Hip-Hop-Tugend. Denn Figub Brazlevic legt nicht nur chillige Beats auf, er rappt auch selbst. Sobald er das Mic in die Hand nimmt, strömt das Publikum, das es sich vorher noch in der Nähe gemütlich gemacht hat, zur Bühne.

Und dann breakt er auch noch. Die Sichtexot-Crew kommt dazu und macht Stimmung. Ein weiterer Typ zeigt seine Breakdancemoves. Die, vor einer halben Stunde noch leicht lethargisch wirkenden, Leute verbindet auf einmal ein aufregendes Kribbeln - das ist einer dieser so seltenen "realen" Hip-Hop-Momente. Spontan steppt John Known auf die Bühne und rappt ein paar Lines. Für alle eine Freude, die ihn früher am Tag im Backyard verpasst haben. Die Stimmung ist ausgelassen. Es ist leider viel zu schnell vorbei. 

Der Täubling betritt die Bühne. Es folgt eine Show, die das Publikum überfordert und fasziniert. Für uns ist eins der Highlights des Festivals. Er und Babsi, die ihn auch auf die Bühne begleitet, erzielen selbst mit kleinen Gesten, dem Abaschen seiner Zigarette oder einem Zucken der Augen, ungeheure Wirkung. Aber der Täubling scheut sich auch nicht vor dem großen Spiel. Er isst eine Handvoll Zitronen, die ihm vorher Babsi geschnitten hat. Den Rest wirft er in die Menge. Auf dumme Reinrufe reagiert er kühl und herablassend. Als jemand etwas von seinem Sekt möchte, kippt der Täubling sein Glas auf dem sandigen Boden, vor den Füßen des Durstigen, aus. Babsi wird als Schemel zum Fußablegen benutzt. Der Täubling rappt aber auch ziemlich gut und macht sich das ein oder andere Mal über seine Rapperkollegen lustig.

Nein, ich hab nicht gegähnt, ich habe versucht dir ins Gesicht zu kotzen.

Der Täubling "September"

 

 

Nach dieser krassen Show müssen wir alle erst mal entspannen. Der Negroman tritt danach auf und hilft beim Runterkommen. Insgesamt ist die Green Stage am See wie ein liebevolles kleines Festival versteckt auf einem stressigen großen Festival und für mich der perfekte Ort an diesem Tag. Wir hängen noch mit ein paar Freunden und Bekannten ab, die wir dort getroffen haben. Das verstärkt das familiäre Gefühl noch mehr. 

 

 

Sonntag, 03:00

Lena: Gegen späteren Abend zieht es mich zum Backyard. Dort sollen hoe_mies den ganzen Abend, das Programm gestalten. Hoe_mies beschreiben sich selbst als "Community Space und eine Hip-Hop Partyreihe, die eine Plattform für weibliche, nicht-binäre und transgeschlechtliche Acts bietet und dadurch die männliche Dominanz im Hip-Hop aufbricht." Das interessiert mich natürlich sehr, denn die männlichen Acts dominieren schon das gesamte Festival. Ich dränge mich also ganz nach vorne, um die Djs zu sehen, die Musik völlig auskosten zu können und Platz zum Tanzen zu haben. Die Musik ist ganz gut zum Booty shaken. Ich bin zwar alleine und fühle mich nicht so ganz sicher, wie auf der Green Stage, habe aber trotzdem Spaß. Als ich dann aber mir die Djs und ihre große Entourage auf der Bühne genauer ansehe, vergeht mir meine Stimmung. Alles Leute, die aussehen, wie Instagrammodels, die einen hippen Lifestyle verkaufen wollen. Ab und zu kommt mal eine Frau nach vorn und shakt ihren Booty kurz Richtung Publikum. Alles natürlich mit Smartphones festgehalten. Ich habe das Gefühl, dass mehr Wert auf Instastorys und teure Outfits gelegt wurde, als auf eine coole Show. Allgemein sind dann doch wieder recht viele Tracks von Männern zu hören. Später habe ich auch noch erfahren, dass sogar Frauenarzt, der ja für seine frauenverachtenden Texte bekannt ist, gespielt wurde. Wie damit "die männliche Dominanz im Hip-Hop" aufgebrochen werden soll, ist mir nicht so ganz klar. Vielleicht hatte ich zu hohe Erwartungen, aber ich bin relativ enttäuscht.

Auf dem Weg vom Infield zum Campinggelände kommen wir noch an einer veganen Burgerbude vorbei. Die Leute, die dort arbeiten, liefern eine beeindruckende Show zu dem Titelsong von Will Smiths "Prinz von Bel Air" ab. Die gut eingeübt wirkende Performance macht Laune. Mit diesen vielen Eindrücken des Tages schlafen wir in unseren Schlafsäcken eingemummelt ein.

 

Sonntag 14:30

Moritz: Ein Boxermischling prescht über den Strand und jagt Stöckchen hinterher. Die Energie der jungen Hündin bildet einen größtmöglichen Kontrast, zu den anderen übermüdeten und vollends mit Staub bedeckten Festivalbesuchern, mit denen ich am Strand nahe der Green Stage sitze. In Ferropolis ist es so trocken, dass die Luft mittlerweile zu einem nicht unerheblichen Anteil aus Sand und Staub zu bestehen scheint. Klügere oder erfahrenere Festivalbesucher als ich haben für die Konzerte auf der Seebühne ein Tuch mitgenommen, mit dem sie sich vor dem aufwirbelnden Sand zu schützen versuchen - eine Maßnahme, die ich jeder und jedem nahelegen kann. Bei mir steigt die Sehnsucht nach einer Dusche und meinem Bett. Allerdings steht am Abend mit Vince Staples noch das Konzert an, auf das ich mich auf dem Festival mit Abstand am meisten freue. Bis dahin ist es mein Plan mich mit einem Buch in die Nähe der Green Stage zu setzen, mir einige Beat-Sets anzuhören und einen entspannten letzten Tag zu verbringen.

 

 

Fazit

Moritz und Lena: Das überwiegend sehr junge Publikum war zwar ersichtlich triebgesteuert, verhielt sich aber überraschend wenig asozial. Auch der Zeltplatz sah am letzten Tag nicht so apokalyptisch aus, wie wir es bei vergleichbaren Festivals schon erlebt haben. Musikalisch konnte das splash! wieder mit einem breiten Line-Up aufwarten. Nostalgiker mögen bemängeln, dass 2018 die Anzahl von Hip-Hop Legenden und Oldschool Rappern recht niedrig war. 

Die schöneren Konzerte auf dem splash fanden sich auf den kleineren Bühnen. Hier kammen die Künstler atmosphärisch sehr viel besser zum Tragen als auf den sehr anonymen großen Bühnen. Es lohnt sich, sich vielleicht nicht zu viele Programmpunkte zu machen, sondern sich mal für einige Stunde zu einer dieser kleineren Bühne zu setzen und sich überraschen zu lassen. Lena hat auf diese Weise etwa den Produzenten Figub Brazlevic für sich entdeckt.

Am splash! zu bemängeln ist die verbesserungswürdige Organisation. Die Kommunikation zwischen den Securities und den Veranstalter scheint sehr schlecht zu sein. Oft hat man den Eindruck die einzige Anweisung sei: "Setz dich hier hin und lass niemanden rein!" Auch Künstler, mit denen wir gesprochen haben, haben uns berichtet, dass das splash! hier wenig kooperativ sei und wenig Wertschätzung für die Arbeit zu spüren sei. Ein bisschen kann man es den Veranstaltern angesichts der Größe des Events allerdings auch nachsehen.

Positiv zu vermerken ist, dass die Idee kleinere Stages von Labels hosten zu lassen, hervorragend funktioniert. Hier entstehen sehr schöne Momente, die Musiker wirken entspannter und es entsteht ein übergreifender künstlerischer Rahmen. Gerade die von Sichtexot bespielte Green Stage am Samstag möchten wir als ein Highlight des Festivals herausheben. Und so verlassen wir das Festivalgelände gestresst, aber zufrieden - und über und über mit Staub bedeckt.

 

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Das 21. Splash! im Überblick

Wo? Gräfenhainichen, ca 50km von Leipzig entfernt

Wann? 06. bis 08. Juli

Genre Hip-Hop

Line Up: Action Bronson, Antilopen Gang, Casper, Dendemann, Denzel Curry, Dexter, Goldlink, GZUZ, Haftbefehl, J. Cole, Karate Andi, Lil Uzi Vert, RIN, Savas & Sido, Skepta, Trettmann, Tyler the Creator, Vega, Vince Staples, Zugezogen Maskulin und viele weitere

http://splash-festival.de/ 

Die Highlights unserer Redakteure:

1. Der Täubling

2. Figub Brazlevic

3. Dexter [DJ Set]