Konzertbericht: Deerhunter

Soundflächen und fliegende Drumsticks

Roher, ungeschliffener Indie-Rock. Ein viellagiger Sound, der sich über ganze Lieder aufbaut. Und ein zehnminütiges Cover als Höhepunkt des Abends ... Deerhunter überzeugen mit ihrem experimentellen Rock im UT Connewitz.
Vier Bohemes in Theaterumgebung
Die Indie Band Deerhunter im UT Connewitz

Für Deerhunter ist es der erste Auftritt in Leipzig seit elf Jahren. Damals noch ein echter Geheimtipp hat sich die Band insbesondere mit den letzten drei Alben mittlerweile zu einer echten Größe im Indie-Rock entwickelt. Musikritiker weltweit liegen der Band ohnehin zu Füßen.

Das UT Connewitz ist am Dienstagabend gut gefüllt, aber nicht so rappelvoll, wie man es bei einer so hochgelobten Band wie Deerhunter erwarten könnte. Als Support tritt Vorhees auf. Die Musikerin aus Brooklyn steht alleine nur mit einer Loop Station auf der Bühne. Der ambienthafte Synthie-Sound ist dabei eine gute Einstimmung auf die Band. Die Zuhörer zieht Vorhees mit ihrem spacigen Sound voll in den Bann. Teilweise ist dieser so hypnotisch, dass das versonnen lauschende Publikum sogar vergisst zu klatschen. Später arbeitet Vorhees dann als Tontechnikerin für das Konzert von Deerhunter.

Roher und ungeschliffener als auf Platte

Diese lassen sich nach dem Vor-Act dann auch gar nicht lange bitten. Während die letzten Gäste noch am Getränkestand sind, betritt die Band bereits die Bühne: optisch fünf Bohèmes, die sich perfekt ins Ambiente des alten Kinos einfügen.

Anfangs brauchen Band und Publikum noch etwas, um miteinander warm zu werden. Gerade die Ansprachen von Sänger Bradford Cox sorgen für einige Unsicherheit. Irgendwie passt das zur Band. Genau diese Irration fasst wohl zusammen, wie sich viele Menschen fühlen, wenn sie zum ersten Mal die leicht chaotische und überschäumende Musik von Deerhunter hören. 

Live klingen die fünf Musiker um einiges roher und ungeschliffener als das gerade beim eher poporientierten letzten Album "Fading Frontier" der Fall war. Dazu trägt sicherlich auch der Umstand bei, dass die Band nicht optimal abgemischt ist und speziell Bradford Cox teilweise schwer zu verstehen ist. Auf dem Konzert gehen die einzelnen Songs oft ineinander über. Insgesamt erweckt der Auftritt damit eher den Eindruck einer Jamsession. Ein bisschen glaubt man fast einen Einblick zu bekommen, wie die Songs von Deerhunter entstehen.

Der Sound der Band ist viellagig und baut sich über die Songs hinweg auf. Die Shoegaze Anleihen, die sich bereits auf vielen Alben finden lassen, treten live noch deutlicher hervor. Ansonsten verhalten sich die Musiker auf der Bühne so, wie man es aufgrund ihrer Alben erwarten würde: introvertiert, verkopft und ein wenig seltsam. Die große Show und die Rockstarpose lassen sich auf einem Deerhunter-Konzert eher nicht finden. 

Ein Cover als Höhepunkt des Abends

Die Bühne verlassen die Musiker erst nach fast zwei Stunden Spielzeit. Nach anfänglichem Fremdeln haben sich Band und Publikum gefunden. Die Zustimmung der Gäste nach dem Ende des Konzertes ist gar so groß, dass Deerhunter gleich zwei Zugaben spielt. Die zweite ist ein improvisationslastiges Cover von Patti Smiths symbolistisch geprägtem Song "Land". Hierbei spielen sich die Musiker zunehmend in Ekstase. Drummer Moses Archuleta etwa bearbeitet sein Instrument so heftig, dass einer seiner Sticks im Publikum landet.

Nach dieser fast zehnmütigen Noise-Rock Rauscherfahrung entlassen die Gäste die Band dann in den wohlverdienten Feierabend. Und Leadsänger Bradford Cox verspricht hoch und heilig, in elf Jahren wiederzukommen.

 

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Moritz Fehrle, Julia Jochheim
16.06.2018 - 22:56
  Kultur