Berlinale 2018

Singen bis es wehtut

Regisseur Lav Diaz ist vor allem für die ungeheure Länge seiner Filme bekannt. Im Wettbewerb der 68. Berlinale präsentiert er mit "Season of the Devil" einen vier Stunden langen Klagegesang über Gewalt, Unterdrückung und Revolution.
Szene aus "Season of the Devil"
Die Ärztin Lorena gerät in Gefahr

Für die meisten dürfte diese Tatsache wohl erschütternd wirken, aber Season of the Devil (deutscher Titel: In Zeiten des Teufels) gehört mit seinen vier Stunden Laufzeit zu den kürzeren Filmen von Lav Diaz. Der letzte Berlinale-Beitrag des 59-jährigen Regisseurs (A Lullaby to the Sorrowful Mystery) im Jahr 2016 hatte eine stattliche Länge von acht Stunden und selbst das ist noch nicht sein längster Film. Diaz lässt sich zweifellos dem sogenannten Slow Cinema zuordnen, auch wenn er selbst diese Bezeichnung hasst. Das Element der Zeit ist eines der wichtigsten Bestandteile seiner Filme. Diaz sagte einst, dass einer der prägendsten Einflüsse dabei früher sein schier endlos wirkender Weg zur Schule war, der sein Zeitempfinden maßgeblich geprägt hat. Auch in seinem neuesten Film pulverisiert er damit regelrecht die Sehgewohnheiten des Publikums und wagt sich zugleich in ganz neue erzählerische Gefilde vor.

Wann erhebst du dich?

Die Handlung von Season of the Devil setzt im Jahr 1979 in einem kleinen, abgelegenen philippinischen Dorf ein. Die dort lebende Bevölkerung wird von der sogenannten "Civilian Home Defense Force" (CHDF) terrorisiert. Unterdrückung

Szene aus "Season of the Devil"
Kein Entkommen vor der Gewaltherrschaft

und willkürliche Gewalt stehen an der Tagesordnung. Zwei Jahre zuvor hatte der philippinische Diktator Marcos ein Dekret erlassen, mit dem die Bewaffnung der Bevölkerung erlaubt wurde, um den Kommunismus zu bekämpfen. Aus diesem Vorhaben entstand die über 70.000 Personen starke CHDF, die schnell für schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen bekannt wurde. In dem von der CHDF besetzten Dorf will die Ärztin Lorena (Shaina Magdayao) ein Krankenhaus für Arme errichten. Aufklärung und Fortschritt sind den Despoten jedoch ein Dorn im Auge und so gerät Lorena schnell in deren Visier. In der Zwischenzeit verfällt ihr Mann Hugo (Piolo Pascua), ein Poet, in eine Depression, bis er beschließt, seiner Frau hinterherzureisen und ihr zu helfen. Im Dorf wird schließlich auch er mit der alltäglichen Gewalt und der Verzweiflung der Bevölkerung konfrontiert.

Lav Lav Land

Season of the Devil fällt insofern aus dem bisherigen Schaffen des Regisseurs heraus, weil dies sein erstes Musical ist. Wer bei Musical jetzt an La La Land, Les Miserables und Mamma Mia denkt, wird bei diesem Film sein blaues Wunder erleben, denn Lav Diaz wäre nicht Lav Diaz, wenn er nicht eine ganz besondere Vorstellung von einem Musical hätte. Seine "philippinische Rockoper", so hatte er den Film angekündigt, ist ein sogenanntes Sung-through-Musical, es wird also jeder Dialog durchgängig gesungen. Musikalische Untermalung gibt es nicht ein einziges Mal. Diaz reduziert sein Musical lediglich auf die Stimmen und geschundenen Körper seiner Charaktere, im Hintergrund gibt es lediglich Naturgeräusche und der Film ist in Schwarz-Weiß gefilmt. Die Liedtexte sind dabei recht universell gehalten, handeln von Unterdrückung, von gescheitertem Aufbegehren und doch der Hoffnung, dass eines Tages das Leben etwas besser wird. Diaz´ Film ist politisch, richtet sich explizit an die philippinische Bevölkerung und will wach rütteln. Der ganze Film ist ein einziger Klagegesang und beklemmend durch und durch.

Kunst oder Langeweile?

Lav Diaz ist ein begnadeter Regisseur, dagegen lässt sich nichts sagen. Allein die enorme Kunstfähigkeit, seine Bilder zu finden und in Szene zu setzen, ist bemerkenswert. Season of the Devil überzeugt vor allem dann, wenn der Regisseur die bedrückende politische Situation mit märchenhaft-mythologischen Elementen durchkreuzt. So wandelt im Urwald

Szene aus "Season of the Devil"
Ein skurriler Diktator

eine mysteriöse, maskierte Gestalt umher, einer der Soldaten schleicht wie ein Gespenst in den Häusern umher und der grausame Diktator ist ein primitives Ungetüm, das nur unverständliches Zeug schreit und an seinem Hinterkopf ein zweites, bebrilltes Gesicht trägt. Zwischendrin schleicht sich sogar schwarzer Humor ein, denn die Theorie der Banalität des Bösen trifft auch hier auf die Gewalttätigen zu. Das nützt nur alles eher wenig, denn für den Großteil des Publikums ist Season of the Devil wohl schlichtweg ungenießbar.

Natürlich war im Vorfeld klar, womit man es hier zu tun hat, aber wenn man sich über Minuten hinweg ansehen muss, wie jemand die Hühner füttert, Figuren eine Ewigkeit am Tisch sitzen und nichts tun oder in Echtzeit einen Feldweg entlanglaufen, ist Season of the Devil einfach irgendwann kaum noch zu ertragen. Schon gar nicht, wenn man mit dem Werk des Regisseurs ohnehin nicht viel anfangen kann, denn dieses Anti-Musical ist da noch ein Stück heftiger. Season of the Devil wird zum Schmerzkino, zu einer belastenden Wahrnehmung von Zeitdehnung. Es ist ein Kraftakt, diese vier Stunden bis zu dem düsteren, nihilistischen Finale durchzustehen. Mag der Film noch so kunstvoll inszeniert worden sein, er ist in vielen Momenten schlichtweg langweilig und einfach nur anstrengend. Sowohl in der Pressevorführung als auch im öffentlichen Screening verlassen viele Zuschauer*innen das Kino und man kann sie ein Stück weit verstehen.

Fazit

Lav Diaz ist mit Season of the Devil eine beachtliche Regiearbeit gelungen, die mit ihrer radikalen, sperrigen Inszenierung und dem brennend aktuellen Inhalt zweifellos ihre Berechtigung in dem ansonsten eher unbeeindruckenden Berlinale-Wettbewerb hat. Nichtsdestotrotz sollte man genau wissen, worauf man sich hier einlässt, denn dieses Musical endet vor allem mit dem Gefühl von Dankbarkeit dafür, dass es dieses Mal "nur" vier Stunden waren.

 

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Season of the Devil/ In Zeiten des Teufels

Regie und Drehbuch: Lav Diaz

Kamera: Larry Manda

Laufzeit: 234 Minuten

Cast: Piolo Pascual, Pinky Amador, Shaina, Magdayao, Bituin Escalante und andere

Ein regulärer Kinostarttermin ist derzeit unbekannt.

Von Lav Diaz ist bisher auf DVD der Film "Norte" im Vertrieb von ALIVE erschienen, weitere Filme sind über den Streaminganbieter MUBI verfügbar.