Asexualität

Sex sells?

"Die schönste Nebensache der Welt" und andere bekannte Floskeln spiegeln wider, wie präsent Sex in unserer Gesellschaft ist. Und auch, als wie selbstverständlich Verlangen betrachtet wird. Es gibt aber auch Menschen, für die das nicht normal ist.
Asexualität schließt körperliche Nähe und romantische Gefühle für andere Menschen nicht aus
Asexualität schließt körperliche Nähe und romantische Gefühle für andere Menschen nicht aus

Asexualität ist eine sexuelle Orientierung wie jede andere auch. In Gesellschaft und Wissenschaft wurde Asexualität in den letzten Jahren vermehrt betrachtet. Allerdings gibt es immer noch nur wenige Arbeiten in diesem Themenfeld, sagt Heinz-Jürgen Voß, Professor für Sexualwissenschaft und sexuelle Bildung an der Hochschule Merseburg.

[Asexualität] ist gerade dadurch gekennzeichnet, dass die Person kein Begehren nach in irgendeiner Weise gearteter Sexualität mit einem anderen Menschen zeigt. Also sie möchte nicht irgendwie Sexualität, Intimität mit anderen Menschen eingehen.

Heinz-Jürgen Voß

Der Verweis auf andere Menschen ist bei der Definition wichtig, denn Asexualität schließt beispielsweise weder Selbstbefriedigung noch Anziehung zu anderen Menschen aus. Asexuell zu sein heißt eben nur, dass sexueller Kontakt mit anderen Menschen nicht gewünscht wird. Man geht davon aus, dass etwa ein bis zwei Prozent der Bevölkerung in Deutschland asexuell sind. Eventuell gibt es aber auch mehr Menschen, die sich einfach keinem „Definitionszwang“ unterwerfen möchten. Nicht zu verwechseln ist Asexualität mit Aromantik. Romantik bezieht sich auf den Wunsch nach emotionaler Nähe zu einem Partner oder einer Partnerin. Bei Aromantik ist demnach kein Bedürfnis nach romantischen Beziehungen da.

Gar keine körperliche Nähe?

Wie in jedem Bereich menschlichen Daseins gibt es aber natürlich mehrere Facetten, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich sind. Die Leipzigerinnen Kerstin und Malou sind asexuell und haben mit mephisto 97.6 über ihre Sexualität gesprochen.

Ich bin ein Mensch, ich brauche ganz viel körperliche Nähe von anderen Menschen. Aber halt nicht auf einer sexuellen Ebene. Ich denke nicht daran, wenn ich einem Menschen nahe bin.

Kerstin

Im Gegensatz zu Kerstin kann Malou sich sexuellen Kontakt mit einem anderen Menschen schon irgendwann vorstellen. Sie bezeichnet sich als demisexuell, eine Unterform von Asexualität. Sie hat das Bedürfnis nach körperlicher Nähe und vielleicht auch Sex – aber erst, wenn sich eine emotionale Verbindung aufgebaut hat. Für Malou ist das ein längerer Prozess.

Dass man mit demjenigen wirklich Zeit verbringen möchte und die Zeit dann auch am besten nie enden sollte. Eben so dieses Klassische "wenn man verliebt ist" und so. Aber man will halt nicht gezwungenermaßen mit demjenigen ins Bett. Das sind Gedanken, die sind mir dann eben erst mal noch total fern. Das ist was, das stößt mich regelrecht ab, das kann ich mir nicht vorstellen. Das dauert eine ganze Weile.

Malou

Auch Kerstin empfindet es als abstoßend, wenn andere Menschen ihr gegenüber sexuelles Verlangen haben. Um Beziehungen dadurch nicht zu belasten, findet sie es wichtig, dass Thema früh anzusprechen. Doch auch um sich auszutauschen, spricht sie mit engen Freunden über ihre eigene und deren Sexualität.

Wahrnehmung von außen

Malou hat bei solchen Gesprächen schon negative Erfahrungen gemacht. Das habe aber auch damit zu tun, dass ihre Freunde in der damaligen Situation einfach noch nichts von Asexualität gehört hatten. Deshalb findet sie den Dialog sehr wichtig. Denn viele Menschen machen sich keine Gedanken über Asexualität. Vielleicht auch, weil sie nicht sichtbar ist, meint Kerstin

Wenn jetzt Leute homosexuell sind, dann ist das auch was, was ausgelebt wird, eine Sexualität. Aber irgendwie eine Sexualität, die nicht da ist, nicht vorhanden ist, die sieht ja auch keiner. Die nimmt man nicht wahr. Und deshalb ist das glaube ich schon eher gar nicht so präsent.

Kerstin

Durch mangelnde Repräsentation würde der eigene Findungsprozess erschwert, meint auch Malou. Denn im Alltag würde man oft nur mit typischen Paarbeziehungen konfrontiert.

Bildung und Aufklärung

Sichtbarkeit und Repräsentation sind auch für Heinz-Jürgen Voß von der Hochschule Merseburg wichtige Themen. Der Master Angewandte Sexualwissenschaft in Merseburg ist der einzige Studiengang dieser Art im deutschsprachigen Raum. Das verweise auf die ausbaufähige Ausbildungssituation in diesem Bereich, meint Voß.

In allen gesellschaftlichen Bereichen, wo Menschen mit Menschen zu tun haben – sei es in der Schule, im Kindergarten, in der Kindertagesstätte, sei es aber auch zum Beispiel in Justizvollzugsanstalten – überall spielt Sexualität in gewisser Weise eine Rolle. Und deshalb müssten eigentlich Menschen dafür ausgebildet sein, auch konkret in solchen Situationen mit Sexualität umgehen zu können. Und das passiert bisher nicht.

Heinz-Jürgen Voß

Professionelle Ausbildung ist der eine Weg, aber auch andere Projekte klären auf. In Leipzig etwa arbeitet der RosaLinde e.V.. Dieser will mehr Wahrnehmung und Dialog zu verschiedenen Sexualitäten schaffen. Er schickt Teams von jungen Ehrenamtlichen zwischen 18 und 27 Jahren in Schulklassen – dort bieten sie Workshops an. Das Ansprechen und Benennen kann sehr hilfreich sein. An Begriffen oder Konzepten könne man sich in der Identitätsfindung orientieren. Das wisse man etwa von Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit, sagt Stefanie Krüger. Sie ist bei RosaLinde zuständig für das Bildungsprojekt Liebe bekennt Farbe. Diese Begriffe seien zwar nicht absolut, aber:

Erst mal hilft es Leuten, wenn sie merken, es gibt einen Begriff, da falle ich drunter, ich bin nicht die einzige Person. Es gibt noch andere Menschen, die sind genau so oder ähnlich wie ich und mit denen kann ich mich austauschen.

Stefanie Krüger

Den Radiobeitrag zum Nachhören von mephisto 97.6 Redakteurin Kaja Weber finden Sie hier:

Ein Beitrag zum Thema Asexualität von mephisto 97.6-Redakteurin Kaja Weber

Abmoderation: Lars-Hendrik Setz

Ein Beitrag zum Thema Asexualität von mephisto 97.6-Redakteurin Kaja Weber
 

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Der RosaLinde e.V. Leipzig hat gerade eine neue Gruppe zum Thema Asexualität gegründet. Das erste Treffen findet am 29. März um 19 Uhr und danach jeden vierten Mittwoch im Monat statt. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

Ebenso informieren und austauschen kann man sich im AVEN-Forum (Asexual Visibility and Education Network, die deutsche Version finden Sie hier).

Einen weiteren Einblick bietet das Buch Understanding Asexuality von Anthony F. Bogaert oder etwa die Videoreihe Frag ein Klischee – eine Asexuelle von hyperbole TV: