Audioguide

Selbstversuch im Grassimuseum

Im Grassimuseum gibt es einen Audioguide für sehbehinderte und blinde Besucher. Dieser und ein Tastheft sollen einen gefahrenlos durch die Dauerausstellung "Von Antike bis zum Historismus" führen. Ob das so gut klappt, musste ich ausprobieren.
Außenansicht Grassi Museum
Das Grassi Museum für Völkerkunde Leipzig

Der Audioguide im Grassimuseum bietet für Besucher zu einigen Werken ein Paar Hintergrundinformationen. So zum Beispiel ist die aus 55 Teilen bestehende Akfigur - ihre Beine, Arme und Kopf lassen sich bewegen - rund 500 Jahre alt. Der Guide gibt auch eine genauere Vorstellung darüber, wie der Raum aufgebaut ist, gibt Anweisungen, wie man in den nächsten Raum gelangen kann, und weist sogar auf potenzielle Gefahrenzonen hin.

Claudia Hoenicke war mit an der Entwicklung des Audioguides beteiligt und meint, dass dieser einem die Chance geben soll, sich individuell durch die 30 Räume der Ausstellung zu bewegen.

Wenn man eher individuell ein Museum besuchen möchte, ob in Begleitung oder eben alleine, dann denke ich, dass der Audioguide einen sehr guten Überblick über die Ausstellung gibt – auch mit sehr schönen Beschreibungen.

Claudia Hoenicke

Das Tastheft gibt einem eine zusätzliche Hilfe zur Orientierung. Es stellt die Raumverteilung dar und gibt an, wo Vitrinen oder andere Hindernisse stehen. Das sorgte für mich persönlich eher für Verwirrung, da für mich zu viele Informationen auf einmal existierten. Es werden außerdem vier Werke im Anhang des Tasthefts mit taktilen Hilfen dargestellt. Meint so viel, dass Bilder oder Skulpturen auf eine Art Plastik erhoben dargestellt sind, sodass man mit den Fingern Formen, Konturen und Details ertasten kann.

Renate Lehmann, Mitglied des Deutschen Blinden und Sehbehindertenverbands Sachen (DBSV), hat den Audioguide in Begleitung ihres Mannes getestet. Sie findet die Beschreibungen sehr anschaulich – auch die Wegbeschreibungen. Allerdings hat sie auch etwas Kritik zu vermerken:

Theoretisch kann man alleine als Blinder gehen, aber ich würde es nicht empfehlen, weil es viel zu gefährlich ist. Da stehen so viele Vitrinen, deshalb sollte man doch lieber mit einer Begleitperson gehen. Aber wer es sich zutraut, der kann’s schon machen.

Renate Lehmann, Mitglied des DBSV

Es wäre doch etwas schwieriger für Sehbehinderte, vor allem was das Konzentrieren und die Stolperfallen betrifft. Aber ein sehr wichtiger Schritt für die Integration von Sehbehinderten sei es auf jeden Fall.

Der Selbstversuch

Jetzt hatte ich schon viele Dinge von diesem Audioguide gehört und musste es selber ausprobieren! Ich stehe im Raum eins mit Augen zu, mit dem Tastheft und dem Audioguide bewaffnet. Ich drücke auf die Zahl eins (die einzelnen Zahlen sind mit Braille-Schrift gekennzeichnet, ich habe mir vorher allerdings die Tastatur genauer angeschaut) und eine angenehme Männerstimme erklärt mir die Raumaufteilung, welche Farben die Wände und das Parkett haben und wo der Durchgang zum nächsten Raum ist. Der Sprecher erzählt außerdem, was hier ausgestellt ist – zum Beispiel ein Bronzespiegel – und gibt mir ein ungefähres Bild, wie es in dem Raum aussieht. Zum nächsten Raum gelange ich ganz gefahrenlos, da ich nur durch den einen Durchgang hindurch muss und schon da bin. Diesmal erzählt eine Frauenstimme mir etwas über Brunnen und Säulen. Sie berichtet auch von der Geschichte von Tristan und Isolde, die auf einen alten Wandteppich bestickt sind. Die Bilder und Farben werden so detailliert beschrieben, dass ich einfach nicht anders kann, als die Augen zu öffnen. Durch den Audioguide werde ich auf Dinge aufmerksam gemacht, die ich sonst wahrscheinlich übersehen hätte. Auch Renate Lehmann ist dieser Wandteppich in Erinnerung geblieben. Es tönt leise ritterliche Musik und eine angenehme Atmosphäre wird geschaffen.

Einen Haken gibt es dann doch...

Ich fand’s sehr gut beschrieben – also die einzelnen Exponate. Und auch die Wegbeschreibungen sind an sich gut. Aber wie gesagt: Es ist als Blinder dann doch etwas schwierig.

Renate Lehmann

Ich selbst hatte auch meine Schwierigkeiten mit den Wegen von Raum zu Raum. Man musste alte schwere Lesetische umgehen und währenddessen noch aufpassen, keine gotischen wertvollen Fenster zu zertrümmern.

Also nach dem Motto: Augen zu und durch klappt es nicht so ganz, denn spätestens im Raum 20 hört der Spaß auf. Vor mir befindet sich laut Audioguide ein Raum mit dreizehn unregelmäßig verteilten Glasvitrinen. Klingt schon mal nicht ganz ungefährlich. Ich soll nun vier Meter geradeaus und dann drei Meter nach rechts gehen – sprich vier große Schritte nach vorn und drei zur Seite (dachte ich mir jedenfalls). So weit, so gut…
Aber dann steht vor mir plötzlich eine Glasvitrine mit irgendeinem wertvollen Porzellanstück drin – und der Alarm wird ausgelöst.

Es ist also doch nicht so einfach, wie ich dachte. Es könnte aber auch daran liegen, dass ich generell Entfernungen schlecht einschätzen kann. Was bei mir aber gut funktioniert hat, war das Vorstellen der beschriebenen Werke. Es hat Spaß gemacht, sich das Beschriebene innerlich vorzustellen, danach die Augen zu öffnen und zu sehen, wie die Fantasie mit einem durchgegangen ist.

Fazit

Es war definitiv einen Versuch wert, sich mit geschlossenen Augen durch die 30 Räume der Ausstellung zu wagen. Aber gut geklappt hat es bei mir leider nicht. Mit einer Begleitperson würde es dann wahrscheinlich schon wieder ganz anders aussehen. Man könnte sich ausschließlich den Beschreibungen und Informationen widmen und nicht ständig darauf aufpassen, was einem im Weg stehen könnte. Mir als Sehende ist durch den Audioguide wesentlich mehr an Bildern, Skulpturen, Möbeln und anderen Dingen aufgefallen, als wenn ich alleine durch das Museum gegangen wäre. In jedem Raum gab es etwas Kleines zu entdecken. Somit bietet der Audioguide des Grassimuseums für Sehende und Sehbehinderte, eine schöne Variante die Dauerausstellung „Von Antike bis zum Historismus“ mal ganz anders zu besuchen.

Den Beitrag zum Nachhören von mephisto 97.6-Redakteurin Ella Kreße finden Sie hier:

Ein Beitrag von Ella Kreße
 

Kommentieren

Ella Kreße
12.10.2017 - 12:10
  Kultur