Berlinale 2018

Selbstfindung im Mercedes

Am Freitag feierte „Las Herederas“ auf der Berlinale seine Weltpremiere. Die Koproduktion aus Paraguay, Uruguay, Deutschland, Brasilien, Norwegen und Frankreich läuft im Wettbewerb um den begehrten goldenen Bären.
Beim Autofahren eröffnet sich Chiquita ein neues Leben.

Der Blick fällt durch den schmalen Türspalt in das große Wohnzimmer. Hier sieht sich grad ein Ehepaar begleitet von der Haushälterin das Mobiliar an. Fast alles in diesem Zimmer steht zum Verkauf. In dem Haus, zu dem das Wohnzimmer gehört, wohnen Chela (Ana Brun) und Chiquita (Margarita Irún). Die beiden Damen sind schon seit Jahren ein Paar, doch jetzt hat Chela einen großen Berg Geldschulden vor sich, weshalb viel von der Einrichtung des großen, lichtdurchfluteten Hauses verkauft werden muss. Chela lebt in dem Haus seit ihrer Geburt, die meisten Einrichtungsgegenstände gehören ihr. Verständlich also, dass ihr diese Trennung deutlich weniger leicht fällt als Chiquita. 

Zwischen Alltag und Neuanfang

Die Rollenverteilung in ihrer Beziehung, die sich über die Jahre manifestiert hat, beginnt nun langsam aufzubröckeln. Chiquita ist aktiv, lebenslustig, will viel mit den gemeinsamen Freunden unternehmen. Chela hingegen ist passiver, liegt oft und lang im Bett oder zieht sich tagelang zurück, um zu malen. Chiquita verpflegt sie dann immer sehr liebevoll, bringt ihr Tee und Kuchen und ist auch diejenige von den beiden mit einem Führerschein. Wer in dieser Beziehung von wem abhängig ist, wird also schnell klar. Doch Chelas Leben ändert sich drastisch, als Chiquita wegen ihrer Schulden für kurze Zeit ins Gefängnis muss. Langsam aus ihrer Lethargie erwachend, entdeckt Chela die Außenwelt. Dabei fährt sie im alten Mercedes ihres Vaters erst nur ihre Nachbarin zum Bingo-Abend mit Freundinnen und dann nach und nach immer mehr Menschen zu ihren Terminen. Darunter auch die jüngere Angy, die mit ihrer Offenheit vergangen geglaubte Sehnsüchte und Fantasien in Chela weckt. 

Eine grandiose Darstellung trägt den Film 

Regisseur Marcelo Martinessi gelingt mit „Las Herederas“ ein Highlight im Berlinale Wettbewerb. Das Porträt einer Frau, die ihrem eingestaubten Alltag für kurze Zeit entfliehen kann, nimmt das Publikum trotz sehr langsamer Erzählung mit. Das liegt vor allem an der tollen Hauptdarstellerin Ana Brun. Sie spielt Chela so facettenreich, wie es durch Dialoge allein gar nicht erzählbar gewesen wäre. Aus der passiven Ausgangslage entwickelt sie ein akzentuiertes Spiel, in dem erst der Frust über die Beziehung zu Chquita, die Trauer und Wut über den Verlust nostalgisch aufgeladener Erinnerungsstücke, dann die Neugierde, die Unsicherheit auf das, was da vor ihrer Haustür wartet und zu guter Letzt, die Leidenschaft und Begierde, die sie für ihre neu gewonnene Freundin Angy entwickelt, emporkommt. Bis sie dann am Ende zu einem neuen Selbstbewusstsein findet, verleiht Brun ihrem Charakter eine bemerkenswerte Entwicklung.

Langsame Erzählung

Der Rest des Films hält sich dabei die ganze Zeit über eher im Hintergrund. Die Kamera beobachtet in beinahe andächtigen Bildern, meist aus der Perspektive von Chela, das Geschehen mit Ruhe und langen Einstellungen. So bekommt Brun den nötigen Platz ihr Spiel zu entfalten. „Las Herederas“ bleibt so ein ruhiger, sehr bedachter Film. Abwechslung bringen da die Szenen aus dem Gefängnis, in dem Chiquita die meiste Zeit des Films über sitzt. Hier ist es laut, ungeordnet. Hier wird geflucht und körperliche Auseinandersetzungen sind an der Tagesordnung. Ein starker Kontrast zu Chelas Welt, die sich bei den Besuchen bei Chiquita wie ein Fremdkörper fühlt. 

 

Fazit

„Las Herederas“ ist ein intimes Bild des Zusammenlebens und des Alleinseins. Dank der tollen Leistung von Ana Brun verfällt der Film nie seiner Trägheit und bietet so ein meditatives und gleichzeitig fesselndes Kinoerlebnis. 

 

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"Las Herederas"

Regie: Marcelo Martinessi

Drehbuch: Marcelo Martinessi

Kamera: Luis Armando Arteaga

Darsteller: Margarita Irún

                  Ana Brun

                  Ana Ivanova