100. Katholikentag in Leipzig

Seht, da ist der Besucher

Der 100. Katholikentag mit über 32.000 Teilnehmern und über 4,5 Millionen Euro staatlich gefördert, beeindruckt durch viele Zahlen. Doch wie ist es zwischen den 1000 Veranstaltungen zu wählen? Tim Vogel hat die Besucherin Beatrix begleitet.
Beatrix lauscht aufmerksam der Podiumsdiskussion zu Religion und Entwicklungshilfe
Beatrix lauscht aufmerksam der Podiumsdiskussion zu Religion und Entwicklungshilfe

Ein grüner Schal flattert im Wind. Beatrix hat ihn sich wie so viele Besucher des Katholikentages um den Hals gehängt. Ein wenig gehetzt eilt sie die Steintreppen des Neuen Rathauses hinauf zu Raum 257. Dort findet gleich eine Podiumsdiskussion über Religion und Entwicklungszusammenarbeit statt. Die 59-jährige Lateinlehrerin aus Lüdenscheid hofft, nicht schon wieder von einem „Halle voll“ Schild zu stehen. Denn zu dieser Veranstaltung zu gehen, war eine gut abgewogene Entscheidung:

Einerseits muss man erstmal schauen, wo man zeitlich gesehen überhaupt hinkommt und noch einen Platz bekommt. Andererseits ist es immer Abwägen von mehreren Alternativen die man bei über 1000 Veranstaltungen auf dem Katholikentag hat!

Beatrix 

Das Smartphone als ständiger Begleiter

Diesmal hat Beatrix Glück: Zwar füllen schon über 100 Menschen den Raum, doch in der ersten Reihe ist noch ein Platz frei. Aufmerksam folgt sie der Diskussion über die Agenda 2030 – ein Plan der katholischen Kirche für Entwicklungshilfe. Auf dem Podium diskutiert ein Kardinal mit einer UN-Mitarbeiterin, einem Vertreter des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) sowie ein Vertreter von Misereor.

Obwohl Beatrix nicht zur Generation der "Digital Natives" gehört, ist ihr Smartphone ständiger Begleiter: Hier schlägt sie die Lebensläufe der Diskutanten auf dem Podium nach, liest die zusammenfassende Erklärung zur Agenda 2030 oder schaut wo es als Nächstes hingeht. Nach anderthalb Stunden ist die Veranstaltung vorbei. Doch auf dem Katholikentag ist nach der Veranstaltung vor der Veranstaltung: Beatrix straffes Programm sieht als Nächstes eine Podiumsdiskussion zur großen Transformation vor. Dass sei eine von vielen Menschen erwartete große Veränderung unter Berücksichtigung der endlichen Ressourcen auf der Welt, weiß Beatrix, die sich schon vorher mit dem Thema befasst hat. Diese radikale Umwälzung beträfe das gesamte menschliche Handeln, egal ob Energieversorgung, Nahrung oder Abfallverwertung.

Kein Verständnis für Kritik an Finanzierung

Gemächlichen Schrittes bahnt sich Beatrix ihren Weg durch die bunte Leipziger Innenstadt. Als sie an einer Protestaktion gegen die öffentliche Finanzierung des Katholikentags vorbeikommt, hat sie dafür nur wenig Verständnis. Denn schließlich werden genauso andere Großveranstaltungen musikalischer oder sportlicher Natur durch den Staat unterstützt. Die gläubige Katholikin hat schon einige Katholiken- und Kirchentage erlebt. Nach Leipzig ist sie gekommen, weil es es terminlich und zeitlich günstig für sie lag.

Viel zu sehen! 

Eine Gruppe von Sängern auf dem Burgplatz hat Beatrix Aufmerksamkeit erregt. Nachdem sie einige Augenblicke den fast schon karibisch klingendem Gesang zuhört, schlendert sie weiter an den vielen Ständen vorbei, die so viel Unterschiedliches anbieten: Eine mit einem Fahrrad betriebene Smoothiemaschine, Informationen über die Missionsarbeit der katholischen Kirche und überall werden die knallgrünen Schals verkauft.

Nach der Ablenkung erläutert Beatrix schließlich doch noch warum sie auf den Katholikentag gekommen ist:

Ich liebe grundsätzlich diese Mischung zwischen einmal religiösen und politischen Veranstaltungen. Zwischen den spannenden Podiumsdiskussionen zu Themen die mich sehr interessieren. Aber auch die Großveranstaltungen wie diesen Gottesdiensten. Und dazu noch die wundebaren Kulturangebote, vor allem gegen Abend.

Beatrix, Besucherin des Katholikentages

Gute Organisation

Nun beschleunigt Beatrix ihre Schritte. Denn man kann nie sicher sein, wie beliebt eine Veranstaltung ist und ob dann doch nicht das Schild „Halle voll“ droht. In wenigen Minuten ist Beatrix an ihrem Ziel, dem Opernhaus, genauer gesagt dem Konzerfoyer angekommen. Hier zeige sich die gute Organisation des Katholikentages meint Beatrix, ein Großteil der Veranstaltungen findet im Innenstadtring statt und ist so leicht zu Fuß zu erreichen. Tatsächlich scheint die Podiumsdiskussion zur Bedeutung der Kultur in der großen Transformation nur wenige Besucher anzuziehen. Gerade einmal 20 Teilnehmer verteilen sich zwischen vielen leeren Stühlen. Trotzdem scheint für Beatrix die Diskussion spannend zu sein. Wieder sucht sie nach ergänzenden Informationen.

Nach der Veranstaltung ist vor der Veranstaltung

Nach der Veranstaltung diskutiert sie noch lange mit einer Vertreterin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung. Am Ende zieht Beatrix ein positives Fazit: "Das war jetzt noch ein prima weiterer Aspekt beim eigentlich selben Thema wie der Veranstaltung davor. Das mir jetzt klar geworden ist, dass Kultur besser mit eingebunden werden muss."

Doch jetzt schweifen Beatrix Gedanken schon zur nächsten Veranstaltung – einem Konzert. Das wird in jedem Fall gut besucht sein. Hoffentlich bekommt sie noch einen Platz. So verschwindet sie zügigen Schrittes in einem Meer aus grünen Schals auf dem Katholikentag in Leipzig.

mephisto 97.6 Redakteur Tim Vogel hat beim Katholikentag die Besucherin Beatrix begleitet:

"Seht, da ist der Besucher" - Eine Reportage von Tim Vogel
Seht, da ist der Besucher

 

 

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Tim Vogel
31.05.2016 - 12:56