Im Gespräch: Lukas Bärfuss

Sehen und gesehen werden

In dem für den Preis der Leipziger Buchmesse nominierten Roman „Hagard“ von Lukas Bärfuss jagt ein Mann eine Frau durch Zürich – und nach einer Erklärung für seine Obsession.
Lukas Bärfuss zu Gast auf unserem Roten Sofa
Lukas Bärfuss zu Gast auf unserem Roten Sofa

Ein Mann – gelangweilter Immobilienmakler und eigentlich auf dem Weg zu einem Geschäftstermin.  Eine Frau – scheinbar gesichtslos und gekleidet in pflaumenblauen Ballerinas. Ein Blick – dann 36 Stunden Verfolgung durch die Straßen der größten Stadt der Schweiz. Das ist Ausgangssituation für „Hagard“. Ein eigenwilliger Romantitel, der zwar zu keinem Zeitpunkt in dem Buch von Lukas Bärfuss auftauchen wird und dennoch allgegenwärtig ist. Im Französischen steht das Wort für verstört oder verängstigt. In der englischen Sprache ist der Begriff haggard zu finden, der sich am besten mit ausgezehrt, mitgenommen, hager übersetzen lässt.

Zwischen diesen Polen bewegt sich auch Philipp. So lautet der Name des Verfolgers, der zunächst aus Neugierde beschließt, jener Unbekannten nachzustellen, bis er in einen Zwang verfällt. Von hier an wird er einen kompletten sozialen Abstieg absolvieren: erst schlaflos, dann schuhlos und schließlich durchnässt auf der Straße liegend. Eine kränkliche Figur, die mit jeder Seite mehr verblasst.  Ein Stalker, dem das Objekt der eigenen Begierde unbekannt bleiben wird. Ein Getriebener, vor dem stets die große Frage steht: Warum mache ich das hier eigentlich? Warum tue ich mir das an? Warum will ich das?

Mit Stalking zum Erfolg

Mit diesem Szenario hat es Bärfuss in der Kategorie Belletristik auf die Nominiertenliste für den Preis der Leipziger Buchmesse geschafft. Er schließt damit an das inoffizielle Überthema des diesjährigen Wettbewerbs an: die Suche. Diese findet sich bei allen fünf Nominierten wieder. In ihrem Beitrag „Sie kam aus Mariupol“ sucht etwa die Autorin Natascha Wodin nach ihrer Familienvergangenheit, Steffen Popp forscht in dem Gedichtband „118“ nach den Elementen, aus den die Welt gebaut ist. Mit Anne Webers nominierten Roman „Kirio“ sucht ein Buch sogar nach seinem eigenen Erzähler.

Auf dem Roten Sofa

Im Interview mit unserer Moderatorin Eva Wittekind hat Lukas Bärfuss beschrieben, dass das Schreiben aus der Sicht eines Stalkers zum Begreifen führt. Die Gefühlslage des Stalkers führt aus unserer Welt heraus hinein in eine neue Welt. Bärfuss empfindet es als großes Privileg, sich als Autor in Leben einzufühlen, die man sonst nicht kennt. Auf der anderen Seite ist es schwierig, die Distanz zu überwinden, sich Scheusalen und ihren Gedanken zu nähern.

Lukas Bärfuss, der in Zürich lebt, hat versucht, diese Stadt kleinteilig einzufangen und ihre Scheußlichkeit darzustellen. Gleichzeitig ist er der Meinung, dass die Geschichte in jeder anderen Stadt spielen könnte, da in der Nahaufnahme jede Ort – egal ob Leipzig oder Hoyerswerda – so scheußlich wirken kann.

Lukas Bärfuss im Gespräch mit Moderatorin Eva Wittekind
Lukas Bärfuss
 

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Lukas Bärfuss, geboren 1971, ist Dramatiker, Romancier und Essayist. Er lebt in Zürich und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Für seine Arbeiten wurde er bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, darunter der Mühlheimer Dramatikerpreis und der Schweizer Buchpreis.

Bärfuss gehört zu den fünf Nominierten für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik. Hagard ist sein dritter Roman.

Das Buch ist im Wallstein-Verlag erschienen und kostet 19,90 Euro.