GameCheck: Sea of Solitude

Die Monster des Alltags

Allein auf einem kleinen Boot und gejagt von düsteren Monstern wird die junge Kay mit ihren tiefsten Ängsten konfrontiert. Das Indie-Game "Sea of Solitude" beweist, dass Videospiele längst nicht mehr nur etwas für eingefleischte Nerds sind.
Die Protagonistin Kay trifft in einer Schneewelt auf einen weißen Wolf.
Während ihrer Reise trifft Kay auf allerlei interessante Wesen.

Das Adventure "Sea of Solitude" ist ein Spiel über das Leben – ein Spiel, das sein Publikum dazu animieren möchte, sich mit Themen zu beschäftigen, die die Computerspielebranche für gewöhnlich eher stiefmütterlich behandelt. Themen wie Einsamkeit, Depression oder Mobbing. Dafür versetzt es die Spielenden in die junge Frau Kay. Sie ist so einsam, dass sie das Gefühl hat, ein Monster geworden zu sein. Um wieder zu einem Menschen zu werden, muss sie sich mit ihren psychischen Problemen auseinandersetzen.

Die Rezension zum Nachhören:

Eine Rezension von Jannik Stein
GameCheck: Sea of Solitude von Jannik Stein

Eine Bootstour durch die Stadt

Ganze Straßen stehen unter Wasser, auf denen Kay mit ihrem Boot tuckert.
Ganze Straßenzüge wurden von den Wassermassen überflutet.

Anfangs scheint Kay jedoch noch keine Ahnung davon zu haben, wie sie zu sich selbst zurückfinden kann. Denn sie erwacht auf einem kleinen Motorboot und ist umgeben von Finsternis und schier endlosen Wassermassen. Ein innerer Monolog berichtet von ihrer Einsamkeit. Nur Eines ist sicher: Kay möchte nicht länger einsam und traurig sein. Ohne recht zu wissen, wohin es sie tragen wird, begibt sie sich mit ihrem Boot auf eine Reise durch ihr Inneres. Dabei muss sie sich ihren innersten Ängsten stellen und die Monster in sich bekämpfen, während sie auf allerlei Wesen trifft, die ihr mal helfen, ihr mal an den Kragen wollen oder mitunter selbst ihre Hilfe benötigen. Besonders wird das Ganze u.a. durch die Eigenarten der Welt, in der sich das Geschehen abspielt. Kay ist mit ihrem Kahn nämlich nicht etwa auf einem der Weltmeere unterwegs, sondern tuckert während ihrer Suche nach dem Ursprung ihrer Ängste durch die Gassen einer versunkenen Stadt.
Kays Umgebung ist einem stetigen Wandel unterlegen, da ihre Aktionen den Wasserpegel steigen oder sinken lassen, was den jeweiligen Gefühlszustand der Protagonistin dynamisch untermalt. Ähnlich wie Kay sind die Spielenden – vor allem im ersten Drittel der Handlung – dazu aufgerufen, das Geschehen zu interpretieren und sich dadurch einen Zugang zur Geschichte des Spiels zu verschaffen. Das ist wichtig, da sich die Story meist auf zwei Ebenen abspielt: einer metaphorischen – der Welt des Spiels – sowie einer konkreten – der Welt der Vergangenheit. Und diese Unterteilung verströmt einen besonderen Charme. Denn der latente Hang zum Surrealen verleiht "Sea of Solitude" eine einzigartige Atmosphäre, die einen Großteil des Reizes ausmacht, den das Spiel ausstrahlt.

Ein Drahtseilakt

Kay ist umhüllt von Dunkelheit und Verderbnis.
Verderbnis umhüllt Kay.

Im Zusammenspiel mit Kays konkreten Erinnerungen bieten die häufigen Mehrdeutigkeiten großes Potential für eine sehr bewegende Geschichte, welche im Übrigen in drei Teile unterteilt ist und verschiedene Konflikte thematisiert. Dadurch, dass Kay immer wieder auf Auszüge aus ihrer eigenen Vergangenheit gestoßen wird, klärt sich nach und nach auf, warum die junge Frau so sehr mit sich selbst zu kämpfen hat. Im ersten Teil des Spiels funktioniert dieser Ansatz auch außergewöhnlich gut, als Kay erfährt, wie sehr ihr kleiner Bruder unter dem Mobbing seiner Mitschüler zu leiden hatte und wie wenig sie selbst ihm dabei zur Seite stand. Hier offenbart "Sea of Solitude" all seine Stärken: Die mehrdeutige Welt berührt auf eine höchst emotionale Weise, während die Happen aus Kays Erinnerung genügend Konkretes bieten, um die Handlung angemessen einordnen zu können. Leider schafft das Spiel es jedoch nicht, diesen Balanceakt zwischen Traumartigem und Greifbarem erfolgreich aufrechtzuerhalten, und es drängt sich der Eindruck auf, dass "Sea of Solitude" ein besseres Spiel geworden wäre, hätte man sich nicht für eine Dreiteilung der Geschichte entschieden. Die beiden nächsten Abschnitte befassen sich nämlich mit zwei Themen, die viel zu oberflächlich behandelt werden und denen darüber hinaus etwas weniger Eindeutigkeit gut zu Gesicht gestanden hätte. So ist das Geschehen einfach vorherzusehen und die eigentlich großartige Herangehensweise an das Geschichtenerzählen wird untergraben – was übrigbleibt, berührt daher nur selten und wirkt mitunter leider ziemlich platt.

Großstadtmonotonie

Unter der Wasserfläche befindet sich ein unheimliches Monster.
Ein unheimliches Monster lauert unter der Wasseroberfläche

Da ist es umso ärgerlicher, dass das Gameplay von "Sea of Solitude" kaum mehr als ein Mittel zum Zweck zu sein scheint. Denn leider kann die geringe Bandbreite an Aufgaben, denen man bei Kays Reise gegenübersteht, die Schwächen im Storytelling nicht wettmachen – im Gegenteil. Schon sehr schnell hat sich das Repertoire erschöpft und was folgt, ist ständige Wiederholung. So sind die Spielenden durchgehend damit beschäftigt, die mysteriösen Leuchtkugeln abzuschießen, die Kay von einem unbekannten Mädchen erhalten hat und die ihr den Weg zum nächsten Ziel aufzeigen. Am entsprechenden Punkt angekommen, muss Kay meist auch gleich jemandem zu Hilfe eilen und die jeweilige Person von der sogenannten "Verderbnis" befreien – dunkle Rauchschwaden, die alles in ihrer Mitte umhüllen und gefangen halten. Doch glücklicherweise hat Kay nicht nur die mächtigen Leuchtkugeln, sondern ebenso einen besonderen Rucksack: Mit diesem kann sie die Verderbnis nämlich aufsaugen und die Gefangenen somit retten. Hat sie alle Rauchschwaden in einem Abschnitt beseitigt, geht es weiter und das Ganze beginnt von vorn. Unterbrochen wird dieses Muster hin und wieder von den bösartigen Schattenwesen, die Kay das Leben schwer machen wollen. Doch auch in diesen Fällen kann sie sich auf ihre allmächtigen Leuchtkugeln verlassen: In dem Kay die Schattenmonster unter den Lichtkegel der Kugeln lockt, können die Fieslinge besiegt werden. Abwechslung bieten lediglich diejenigen Passagen, in denen Kay von einem zum anderen Ufer schwimmen muss, ohne von dem schlangenartigen Monster gefressen zu werden, das dort auf sie lauert, sowie die etwas langwierigeren Boss-Kämpfe. Zum Ende eines jeden der drei Abschnitte muss Kay sich der Wurzel eines ihrer Probleme stellen. Hier verbinden sich alle vorigen Spielelemente in einem längeren Kampf.

"Sea of Solitude" bietet ein beeindruckendes Spiel aus hell und dunkel.
Die Optik des Spiels trägt viel zur Atmosphäre bei.

So muss sie etwa Leuchtkugeln einfangen, die von den Rauchschwaden festgehalten werden, während ihr eine Horde von Schattenwesen an den Kragen will. Dadurch bekommt man zwar das Gefühl, etwas Neues zu tun, im Prinzip ändert sich jedoch nichts am Spielgeschehen. Leider ist all das nicht mehr als Genre-Standard, was dazu führt, dass das Spielen zu einer stumpfen Abfolge der immer gleichen Muster verkommt, statt als einzigartige Erfahrung im Gedächtnis zu bleiben – obwohl dafür genügend Potential vorhanden gewesen wäre. Denn rein optisch hat sich "Sea of Solitude" nichts vorzuwerfen. Der leicht comic-artige Look verleiht den Arealen genau die Stimmung, die es braucht, um (Alp-)Traum und Realität zu verbinden. Hinzukommt die Liebe fürs Detail bei der Gestaltung der überschwemmten Straßenzüge und den Charakteren. Geschmackssache ist lediglich die Audioausgabe – denn vertont wurde das Spiel allein auf Englisch, jedoch mit deutschem Akzent. Der soll vermutlich den persönlichen Bezug des Berliner Studios zum Inhalt des Spiels verdeutlichen, kann aber für Einige durchaus irritierend sein.

Fazit

Bewertet man "Sea of Solitude" allein anhand einer Aufstellung von Stärken und Schwächen, so lässt sich nicht mehr als "Mittelmaß" festhalten. Zwar sieht das Spiel toll aus und hat hier und da auch seine emotionalen Momente, doch stehen dem zu viele Nachlässigkeiten beim Gameplay und der Komposition der Geschichte gegenüber. Trotz seiner recht kurzen Spieldauer von etwa drei Stunden fühlt sich "Sea of Solitude" insgesamt ziemlich zäh an. Und dennoch ist das Besondere an dem Spiel nicht die Summe, die sich aus der Addition aller relevanten Faktoren ergibt, sondern das, was seine reine Existenz für das Medium "Videospiel" bedeutet. Dass ein Spiel wie "Sea of Solitude" von "EA" und damit von einem der Big-Player der Branche herausgegeben wurde, veranschaulicht nur allzu gut, welche Entwicklung Computerspiele genommen haben. Längst sind sie nicht mehr nur Bestandteil ewig dunkler Zocker-Höhlen, sondern haben sich als Teil unserer Gesellschaft etabliert und nehmen immer unterschiedlichere Facetten an. Denn auch die großen Publisher haben erkannt, dass Spiele inzwischen reif genug sind, um 'erwachsene' Themen zum Inhalt haben und trotzdem Absatz finden zu können.

Der Trailer zum Spiel:

 

Kommentieren

Sea of Solitude

Plattform: PC, PlayStation 4, Xbox One

Entwickler: Jo-Mei Games

Herausgeber: Electronic Arts