Im Gespräch: Anke Stelling

Schwierige Mutterliebe

Sexualität und Liebe sind schon im Alltag oft kompliziert. Aber was passiert, wenn die Liebe einer Mutter zu ihrem Sohn zu einem sexuellen Verhältnis wird? Das beschreibt Anke Stelling in ihrem neuen Roman "Fürsorge" – ganz ohne Skandal.
Anke Stelling zu Gast auf unserem Roten Sofa
Moderatorin Eva Wittekind im Gespräch mit Anke Stelling

Nadja ist wunderschön. Ihr Körper ist durchtrainiert aber auch kaputt. Nadja war Berufstänzerin, doch nach Ende ihrer Karriere weiß sie nicht, was sie mit sich und ihrem Leben anfangen soll. Wenn sie etwas isst, entledigt sie sich dessen kurz darauf wieder über der Kloschüssel. Tabletten jedoch gehören zu ihrer täglichen Mahlzeit. Nadjas Beziehung zu dem Komponisten und Drogenjunkie Daniel ist erkaltet. Ihr Sohn Mario lebt seit seiner Geburt bei Nadjas Mutter. Bis auf ein paar Telefonate kennen Mutter und Sohn sich nicht. Doch als Nadja ihre Mutter nach vielen Jahren besucht, entwickelt sich zwischen Mutter und Sohn ein sexuelles Verhältnis. Nur die Erzählerin, eine entfernte bekannte von Nadja und selbst Mutter, nimmt dieses Verhältnis wahr. Sonst scheint sich niemand dafür zu interessieren.

Missbrauch und Liebe

Als Nadja das Verhältnis mit ihrem Sohn initiiert, fühlt sie sich erfüllt, befreit und belebt. Sie fühlt sich geliebt und liebt das erste Mal wirklich selbst. Ja, Nadja, die Sex mit ihrem Sohn hat, entwickelt dadurch Leidenschaft und Emotionen. Über diesen Umstand und die Nüchternheit, mit der der Roman das Verhältnis beschreibt, vergisst man schnell, um was es sich hier eigentlich handelt. Missbrauch.

Nadja weiß nicht, was Liebe ist. Nadja ist verhornt und verhärtet, rücksichtslos, seelenlos, selbstbezogen und grausam. Woher nimmt sie mit einem Mal so viel Gefühl? Hat der Sex sie verändert? Sex mit jemandem, den man liebt?

Nadja ist es, die das Verhältnis beginnt. Nadja ist es, die tagelang in Marios Bett liegt und nur darauf wartet, dass er sich wieder zu ihr legt, um mit ihm schlafen zu können. Man kann es brillant oder feige nennen, dass Stelling sich in ihrem Roman den Thematiken Missbrauch und Ausnutzung nicht ein einziges Mal stellt. Brillant deshalb, weil es dadurch möglich ist, die Figur Nadja hinzunehmen, ohne sie unmittelbar als grauenhafte Mutter abzustempeln. Feige, weil sich der Roman dadurch allen möglichen Problemstellungen und Konflikten komplett entzieht. Es gibt keinen Konflikt. Es gibt nur Geschehnisse.

Mütterlichkeit und Fürsorge

Inmitten all dieser Geschehnisse stehen Mütterlichkeit und eben Fürsorge. Gesellschaftlich scheinen die Rollen in einer Familie klar verteilt. Die Mutter kümmert sich fürsorglich um ihr Kind. Ein einfaches System. Stelling stellt die Einfachheit dieser Rollenbilder und diese Art Mütterlichkeit in Frage. In dem Roman ist es Nadja, die der Fürsorge bedarf und auf perfide Art und Weise eben auch erhält. Kann man in diesem Zusammenhang noch von Mütterlichkeit sprechen und was ist Mütterlichkeit überhaupt?

Der minderjährigen Mandy, die rauchend […] mit der […] Fanta nuckelnden Chantal darin auf eine Horde gleichaltriger Jungs beim Kampfhundtraining zuschiebt, wollen wir [die Mütterlichkeit] nicht so recht zuerkennen. Wohingegen die fünfunddreißigjährige Franziska mit der gefilzten Mütze ihren Birnendirektsaft nuckelnden Anton in den schwarzen Volvo setzen und losfahren kann, ohne dass wir uns bewusst machen, dass tausendmal mehr Kinder im PKW ihrer Eltern ums Leben kommen als Zuschauer beim Kampfhundtraining von Transferleistungsempfängern.

Es ist ein interessantes Gedankenspiel um Vorurteile, was Stelling im letzten Teil des Romans anreist. Ein Gedanke, der aber eben leider nur angerissen wird wie so viele Themen. Drogen, Leistungsdruck, Mutterdasein, Essstörungen, Neid, unglückliche Beziehungen – all das findet Platz in den 171 Seiten. Viele dieser Themen haben zwar ihre Berechtigung in dem gesellschaftlichen Konstrukt, was Stelling darstellt, die Meisten laufen jedoch ins Leere und was bleibt, ist ein tragisches Bild von Mutterschaft und Fürsorge.

Auf dem Roten Sofa

Im Interview spricht Anke Stelling über Mutterbilder. Beim Schreiben des Buchs hat sie versucht, nicht zu verurteilen und erst recht nicht vorzuverurteilen, was bei solch einem kontroversen Thema schwierig ist. Sie sagt, dass man Kinder kriegt, weil man nicht allein sein will. Obwohl es auf den ersten Blick klar erscheint, ist es nicht immer so eindeutig, wer für wen da ist in einer Eltern-Kind-Beziehung.

Anke Stelling im Gespräch mit Moderatorin Eva Wittekind
Anke Stelling
 

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Anke Stelling ist Drehbuch- und Prosaautorin. Sie ist in Stuttgart aufgewachsen und erhielt ein Diplom am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Heute lebt sie in Berlin.