Kolumne

Schwein gehabt...

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Themen der Woche. Diesmal: Max Brose über Hipsterhühner, Deutsche und Lungenärzte.
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Was ist diese Woche passiert? Unsere Kolumnisten und Kolumnistinnen haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.
"Schwein gehabt..." Eine Kolumne von Max Brose
0802 Kolumne

Wenn ich morgens aufwache, schaue ich häufiger als ich mir eingestehen will, in meine Facebook-Timeline. Zehn Freunde besuchen eine Veranstaltung in deiner Nähe – schön, ich nicht. Martin will sein Zimmer untervermieten, toll, aber auch nicht so interessant. Was gibt es noch... ah Katja hat eine Seite geliked.

Geflügelrepublik Deutschland. Auf ihrer Seite begrüßen mich drei bescheuerte Hipster mit noch viel bescheuerteren Vogelköpfen. Auf einem Foto darunter schwenken Hipsterhahn, Hipstertruthahn und Hipstergans dann die Regenbogenflagge, daneben steht:

Wir zeigen Flagge! Für mehr Vielfalt – beim besten Geflügel und überhaupt. Und was macht ihr am Christopher Street Day.

Geflügelrepublik Deutschland

Vögel die ihre eigene Schlachtung bewerben und dafür die Flagge der LGBT-Bewegung schwenken ist an Absurdität kaum zu überbieten. Hinter der Seite Geflügelrepublik selbst steht der deutsche Geflügelwirtschaftsverband. Und die beweihräuchern sich auf Geflügelrepublik medienwirksam mit Argumenten wie: Die deutsche Geflügelwirtschaft verbraucht wenig Wasser, ist gut für den Naturschutz und setzt sich für Tierhaltung ein. Nämlich insgesamt 75% der deutschen Geflügelhöfe, die an der Initiative Tierwohl teilnehmen.

Verbrauchersiegel aus der Massentierhaltung

Eine Initiative die, die Tierhalteverbänden ins Leben gerufen haben. Ab April wollen mehrere Supermärkte das Gütesiegel der Initiative Tierwohl auf ihr Fleisch drucken. Ähm, ein Tierwohlsiegel, das stand doch auch gestern in meiner Facebook-Timeline. Genau, die Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner will ein Tierwohlsiegel herausbringen. Und das soll ab 2020 auf Schweinefleisch in deutschen Supermärkten stehen. Ob die Tierhaltungsanlagen das Siegel drucken möchten, soll ihnen überlassen bleiben. Das Siegel hat drei Stufen. In der Untersten bekommen Schweine ganze 20 Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben. Was erstmal nach Tierwohl klingt, ist erschreckend, wenn man bedenkt, dass das knapp einen Quadratmeter für ein erwachsenes Schwein bedeutet.

Ähnlich ist das Bild bei Geflügel, das das Siegel der deutschen Tierhalteverbände tragen soll. Die Siegel mit dem Namen Tierwohl setzten sich also nur sehr bedingt für das Wohl der Tiere ein. Dafür ist das Wort Tierwohl ein richtig hipper Kampfbegriff für Seiten wie Geflügelrepublik. Die nutzen die Initiative nämlich sehr gerne, um zu zeigen, wie tierlieb die deutsche Geflügelwirtschaft doch ist. Wegen des staatlichen Tierwohlsiegels und der Initiative Tierwohl braucht die deutsche Tierhaltung auch nicht mehr dieses blöde EU Biosiegel mit den viel höheren Auflagen. Das in den Tierwohlsiegeln gar nicht so viel artgerechte Haltung drin steckt, wie draufsteht, ist auch egal. Schließlich soll das Fleisch auch weniger kosten.

Der Deutsche brauchts bequem

Wenn die Industrie so eine EU-Verordnung mal nicht mit Ersatzsiegeln umgehen kann, gibt es noch eine Alternative. Wie bei den EU-Grenzwerten für Stickoxide. Man braucht nur 100 Ärzte die sagen, dass die Grenzwerte quatsch sind und einen Verkehrsminister der das wieder und wieder zum Thema macht. Und schon sieht die Autoindustrie einen Hoffnungsschimmer hinter der Abgaswolke des Dieselskandals. Am Ende möchte der Deutsche Fleisch essen und Auto fahren. Das wissen Firmen, Lobbys und PolitikerInnen. Darum schaffen sie eigene Richtlinien und Argumente, die dem Deutschen gefallen. Schließlich soll er sie ja auch in zwei Jahren wieder wählen und das macht er am liebsten, wenn er es bequem hat. So bequem wie ich, wenn ich morgens im Bett durch meine Facebook-Timeline klicke.

Huch, warum zeigt die denn nach der ganzen Internetrecherche auf einmal nur noch Sonderangebote für Putenfleisch an?

 

 

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Max Brose
08.02.2019 - 18:40