Filmrezension: Lady Macbeth

Schwarze Witwe auf dem Kanapee

Das Kinodebüt vom theatererprobten Oldroyd ist kein Retelling von Shakespeares blutrünstiger Schottlandtragödie, sondern basiert lose auf einer Novelle von Nikolai Leskov. Hauptfigur Katherine ist noch skrupelloser als ihre berühmte Namensvetterin.
Die frisch verheiratete Katherine Lester legt zum Zeitvertreib ein Nickerchen auf dem heimischen Sofa ein.

Viktorianisches England an der Peripherie, 1865: Die jugendlich naive Katherine (Florence Pugh) geht eine arrangierte Ehe mit dem wesentlich älteren Gutsbesitzer Alexander Lester (Paul Hilton) ein. Dieser zeigt sich von der Aussicht auf die zukünftige Zweisamkeit wenig begeistert und nimmt von ihr nur marginal Notiz − diese Lieblosigkeit gipfelt in einer bizarr-grotesken Hochzeitsnacht: Der Bräutigam masturbiert, während seine neu Angetraute − ihm ihre entblößte Rückenansicht präsentierend − still an die Wand blicken muss. Dort hören die herabsetzenden Maßregelungen aber noch lange nicht auf: Katherine wird ein Verlassen des Guts untersagt. Stattdessen soll sie ihre Freizeit dem Bibellesen widmen, und das zustande bringen, weswegen sie von dem grimmigen Schwiegervater Boris (Christopher Fairbank) hergebracht wurde: einen gesunden Erben zur Welt bringen. Nachdem ihr Mann eines Tages zu einer Reise aufbricht, kann Katherine erstmals aufatmen und ihrem häuslichen „Gefängnis“ entkommen. Auf einer ihrer Streifzüge durch die Natur begegnet sie dem forsch auftretenden Stallburschen Sebastian (Cosmo Jarvis) − nach kurzer Anlaufzeit beginnt die junge Frau eine verhängnisvolle Affäre mit dem Untergebenen. Als das Techtelmechtel publik wird und Katherines wütender Ehemann heimkehrt, eskaliert die Konfliktsituation. Denn Alexander will sich partout keine Hörner aufsetzen lassen und fordert ein sofortiges Beziehungsende.

Erwacht aus ihrem lethargischen Dämmerzustand

Sie sei eine „bitch [...] tied up too long“, „entirely without shame“, „fat and foul-smelling“ und „a disease“ − die zentrale Hauptfigur Katherine Lester muss sich im Filmverlauf so einige wenig schmeichelhafte Bezeichnungen gefallen lassen. Auch sonst wird sie von ihrer Umgebung nicht gerade mit Glacéhandschuhen angefasst: Das Dienstmädchen Anna reißt ihr beim täglichen Frisieren fast die Haare aus, bei anderer Gelegenheit muss sie die übermüdete Katherine bis zum Eintreffen des Gatten wach halten und eingezwängt in ein starres Korsett schnappt die junge Frau wie eine langsam Ertrinkende vergeblich nach Luft. Durch die etablierte Ausgangssituation kann der Zuschauer absolut nachvollziehen, warum die vereinsamte und nach Wertschätzung dürstende Katherine alle Anstandsregeln über Bord wirft und sich in ein wildes Liebesabenteuer stürzt − zumal sie in diesen Stunden ihre Korsage nicht zu tragen braucht. Ab diesem Zeitpunkt hören die sich aufdrängenden Vergleiche zu anderen (in ihrer Ehe) unterdrückten Damsels in Distress („Effi Briest“, „Anna Karenina“ & Co) aber auch schon auf, denn Katherine entwickelt sich zu einer wesentlich aktiveren und komplexen Persönlichkeit, die sich keineswegs in ihr Schicksal ergibt, sondern es selbst in die Hand nimmt − seit Amy Dunnes charismatischer Psychopatin aus „Gone Girl“ (2014) haben wir nicht mehr so eine faszinierend-durchtriebene Antiheldin im Kino gesehen.

 

Eine eiskalte, dickhäutige Überlebenskünstlerin

Mit zunehmender Spieldauer lässt sich Katherine von ihrem (männerdominierten) Umfeld nicht mehr in ihrer Freiheit einschränken. Sie schreckt vor keinem noch so verwerflichen Mittel zurück, um ihre Ziele zu erreichen − ganz in der Tradition großer literarischer Vorbilder: dem machtbesessenen Macbeth und seiner extrem manipulativen Lady (neben einer leichten Abwandlung des berühmten „What’s done is done“-Zitats gibt es eine weitere an Shakespeare erinnernde Szene, in der Katherine ihren von Gewissensbissen geplagten Geliebten zu beruhigen versucht). Katherines tougher Charakter tritt derweil schon früh zutage, wenn sie bspw. eine Gruppe aufrührerischer Bediensteter mit derselben harschen Wortwahl zurechtweist, mit der ihr abwesender Ehemann sie erst kürzlich im gemeinsamen Schlafzimmer erniedrigte − brutale Machtspielchen scheinen hier an der Tagesordnung zu sein. Die kalt-nüchterne Inszenierung − fast keine Close-Ups, auf Symmetrie bedachte (repetitive) Kameraeinstellungen und ein beinahe durchgängiger Musikverzicht − verstärkt dabei die klaustrophobisch-beklemmende Stimmung beim Zuschauer genauso wie die sparsamen, extrem scharfzüngigen Dialoge. Einem tollen Cast wird so eine ideale Bühne bereitet. Aus dem Schauspielensemble ragen dabei Naomi Acki als von den schockierenden Ereignissen verstörte Magd Anna und Cosmo Jarvis („Spooks“) heraus, der den emotionalen Zwiespalt von dem ganz unter Katherines Pantoffel stehenden Sebastian glaubwürdig vermitteln kann. Überstrahlt werden sie allesamt von der groß aufspielenden Newcomerin Florence Pugh („The Falling“) − sie verleiht ihrer Figur Katherine eine wunderbar teuflische Hinterhältigkeit.

She suffocated me and she hounded me.

And then she never let me be.

eine Filmfigur über Katherine

So wie ein Filmcharakter in einer Szene seiner ambivalenten Beziehung zur Hauptprotagonistin verbal Ausdruck verleiht, so sehr trifft dieses Zitat auch auf den Film und seinen beklommenen Zuschauer zu.

Fazit

Den Kritiker Eric Kohn von Indiewire erinnerte die Machart des Films an „Hitchcock directing Wuthering Heights“. Uns schwebte beim Sichten von „Lady Macbeth“ ein anderer legendärer Regiemeister vor, dessen schonungsloser Inszenierungsstil (bekannt aus „Amour“ und „Das weiße Band“) hier auch problemlos hätte Pate stehen können: der Österreicher Michael Haneke. Trotz gemächlichem Erzähltempo entfaltet dieses bitterböse Sex and Crime-Kammerspieldrama einen ganz bestimmten Sog und endet schließlich so unerwartet, dass es dem Zuschauer den Boden unter den Füßen wegzieht. 

 

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Lady Macbeth

Kinostart: 02.11.2017

FSK 12

Laufzeit: 89 Minuten

Regie: William Oldroyd

Cast:  Florence Pugh, Cosmo Jarvis, Paul Hilton, Naomi Ackie, Christopher Fairbank und andere