Utopie und Dystopie

Schöne Idee oder Horrorvision?

Der Traum einer besseren Welt ist keinesfalls neu. Die Menschen denken seit Jahrhunderten über Alternativen nach. Sie entwerfen Utopien oder in manchen Fällen auch das andere Extrem: Dystopien. Aber brauchen wir diese Konzepte heute noch?
"Utopia" von Thomas Morus
Wie ein Blick in eine andere Welt: die Utopie

Die Vorstellung einer anderen Welt kann ziemlich spannend sein. Kein Wunder also, dass sich Bücher und Filme immer wieder darum drehen. Vor allem von den unheimlich anmutenden Dystopien geht eine große Faszination aus.

Die Utopie - ein altes Phänomen

Utopien gibt es seit Jahrhunderten. Bereits 1516, also vor knapp 500 Jahren, formulierte der Engländer Thomas Morus einen alternativen Gesellschaftsentwurf. Es war die Geburtsstunde der literarischen Utopie. Orientiert hat sich der Autor an den bestehenden Verhältnissen der englischen Gesellschaft. Missstände wie soziale Ungleichheit oder herrschaftliche Unterdrückung kritisierte er scharf und konstruierte deshalb eine neue Welt mit Namen "Utopia" - übersetzt etwa "Nicht-Ort". Die Menschen sollen auf der gleichnamigen fiktiven Insel in Frieden und Gleichheit leben. Der Vorschlag einer neuen Gesellschaftsordnung ist grundlegend für die Utopie:

Man verharrt aber im utopischen Denken nicht in der Kritik, sondern man liefert mit der Kritik mögliche Alternativen mit.

Prof. Richard Saage, Politologe und Utopie-Experte

In allen Epochen folgten weitere Beispiele utopischer Literatur. In manchen Fällen wurde die ideale Vorstellung aber ins Gegenteil gewandelt und die Dystopie entstand. Dabei sind Vertreter dieses Genres keine Anti-Utopien, sondern haben einen utopischen Kern, sagt der Utopie-Forscher Prof. Richard Saage. Die großen Klassiker dystopischer Literatur kämen gänzlich ohne Zynismus aus:

Die humanistische Intention ist auch in den Dystopien voll erkennbar.

Braucht man Utopien überhaupt noch?

In der Forschung ist man sich nicht einig, ob Utopien heute noch relevant sind. Manch einer spricht sogar vom Utopieverlust, so Saage. Aber die Probleme unserer Zeit, wie die Umweltkatastrophen, aus dem Ruder laufende Finanzmärkte oder die biotechnologische Aufrüstung des Menschen könnten nur gelöst werden, wenn sich etwas verändert:

Wer aber der Meinung ist, dass die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts nur zu bewältigen sind, wenn auch eine Veränderung des gesellschaftlichen Status quo erfolgt, der wird natürlich auf der Unverzichtbarkeit des utopischen Denkens beharren.

Hören Sie hier das gesamte Interview mit Prof. Richard Saage:

Der Utopieforscher Richard Saage im Interview
TI Richard Saage

Dunkle Faszination - Dystopien

Düstere Zukunftsvisionen sind ein gefundenes Fressen für Filmemacher. In der Kinogeschichte gibt es zahlreiche Beispiele für dystopische Filme. Die kommen gut beim Publikum an - denn wer will sich schon eine heile, perfekte Welt anschauen? Zu den dystopischen Klassikern zählen etwa "Metropolis" aus dem Jahr 1927, "Clockwork Orange" oder "1984". Doch auch in der jüngeren Filmhistorie findet man Dystopien. Das Genre ist breit gefächert und es zählen nicht nur Science-Fiction-Filme wie "Matrix" oder "Equilibrium" dazu, sondern auch Thriller oder satirische Komödien. So ist "Idiocracy" ein Vertreter des Genres, obwohl es ziemlich albern zugeht. Die Landwirte wässern ihre Felder mit Limonade und seichte Unterhaltung ist das A und O.

Anders ist es bei "Children of Men", denn der Film besticht durch seinen Realismus. Die Frauen sind weltweit unfruchtbar geworden, Großbritannien ist ein Polizeistaat und viele andere Länder sind kollabiert. Es formiert sich Widerstand gegen das System - ein Motiv, das in vielen dystopischen Filmen auftaucht.

Was wäre wenn...

Trotz aller Unterschiede haben die Filme eines gemeinsam: In den finsteren Aussichten steckt ein wahrer Kern. Denn wie bei Utopien orientieren sich die Autoren von Dystopien an der Gegenwart und drehen sie ins Extreme. Deshalb wirken dystopische Werke so bedrückend auf uns.

Das funktioniert nicht nur bei Filmen, sondern auch in der Literatur. Der Autor Eugen Ruge hat es ausprobiert und mit "Follower" einen Roman geschrieben, der Aspekte der Gegenwart aufgreift und auf die Spitze treibt. Die Menschen leben im Jahr 2055 im postpostmateriellen Zeitalter. Für den Protagonisten Nio Schulz bedeutet das, dass er Produkte verkauft, die es gar nicht gibt ("True Barefoot Running") oder die eigentlich niemand braucht ("Essbares Zimmermädchenkostüm"). Er ist dafür in China unterwegs, das - ähnlich wie andere Staaten auch - in Zonen großer Konzerne aufgeteilt ist. Außerdem ist Nio immer online und wird ständig überwacht. Für den Autor ist das keine bloße Vorstellung:

Wenn ich das nicht glauben würde, dass das ungefähr so aussehen könnte, dann würde ich das nicht geschrieben haben. Ich habe versucht, mich in jemanden hineinzuversetzen, der in einer Gesellschaft der totalen Information, der Volldigitalisierung und der Globalisierung lebt.

 

Eugen Ruge, Autor des Romans "Follower"

Nio ist die fleischgewordene Konsequenz eines gläsernen Menschen. Die Geheimdienste können auf seine Daten zugreifen und Informationen über ihn sammeln. Das scheint ihn aber kaum zu kümmern oder vielleicht weiß er es auch einfach nicht. Vordergründig geht es ihm gut, aber mit der Zeit stellt sich heraus, dass er frustriert ist in der anonymen, digitalen Welt. Einfach glücklich sein kann er nicht mehr.

Handy und Laptop gehören zum Alltag dazu
Schon heute sind wir ständig online. Wie sieht es in 40 Jahren aus?

Die Ereignisse der letzten Jahre wie der NSA-Skandal inspirierten Eugen Ruge zu seiner Zukunftsvorstellung. Als studierter Mathematiker gefällt ihm das Spiel mit der Wahrscheinlichkeit. Und so ist sein dystopischer Roman an manchen Stellen gar nicht so weit weg von der heutigen Realität.

Eine Buchvorstellung von "Follower" gibt es hier zum Nachhören:

"Follower" - eine Buchvorstellung von Nadja Bascheck
BmE Follower

Der Nächste, bitte!

Anarchien:

Für den einen ist es der große Traum, für die andere der blanke Wahnsinn: Was eine Utopie oder eine Dystopie ist, hängt von der Perspektive ab. Das hat beispielsweise mit der Weltanschauung zu tun. Aber manchmal bietet es sich an, die Perspektive zu wechseln. So kann etwa Anarchie eine Utopie sein, wenn man sie in ihrer Reinform betrachtet. Die besagt nämlich, dass die Welt keinesfalls in Unordnung und Chaos versinken sollte. Anarchie will Freiheit für den Menschen, Gleichheit und Emanzipation. Herrschaftliche Unterdrückung gehört für die Anarchisten verbannt. Auch für Mahatma Gandhi wäre eine staatsfreie Gesellschaft das Ideal gewesen. Er bezeichnete sich selbst als "aufgeklärten Anarchisten".

In manchen Ländern gab es sogar schon anarchistische Zustände, etwa in der Ukraine nach dem ersten Weltkrieg oder in Spanien vor dem Franquismus.

Anarchie als Utopie - Jonas Galm stellt sie vor
DNB Anarchie

Grundeinkommen:

Ein festes Einkommen, jeden Monat, einfach so direkt aufs Konto. Und das ohne Arbeit. Kann das funktionieren? Das bedingungslose Grundeinkommen ist für viele ein Traum. Seit Jahrzehnten diskutiert man darüber, doch die Stimmen der Kritiker sind laut: "Dann würde ja niemand mehr arbeiten", heißt es, oder "Wer soll das denn bezahlen?" Wie bei jeder Utopie klopft auch beim Grundeinkommen die Realität an die Tür. Als es in der Schweiz eine Volksabstimmung über das Grundeinkommen gab, stimmten die Bürger mehrheitlich dagegen. Die Finnen geben dem Ganzen jetzt aber eine Chance: Seit Anfang des Jahres bekommen 2000 zufällig ausgewählte Arbeitslose für zwei Jahre lang ein Grundeinkommen. 560 Euro fließen jeden Monat aufs Konto, steuerfrei. Was sie damit machen, bleibt ihnen überlassen.

Es ist ein Experiment, das Fragen beantworten und die Kritik bestätigen oder widerlegen kann.

Grundeinkommen als Utopie - Johanna Bastian stellt sie vor
DNB Grundeinkommen

Grenzenlosigkeit:

Wer einen deutschen Pass besitzt, kann ziemlich leicht durch die Welt bummeln. Laut dem "Visa Restrictions Index"  können die Deutschen 177 Länder visafrei bereisen - damit belegen sie Platz 1 in dem Ranking. Jährlich erstellt die Beratungsfirma Henley & Partners und die International Air Transport Association (Iata) eine Liste mit Ländern, deren Bürger problemlos in andere Länder fahren können. Das Schlusslicht der Liste bildet Afghanistan mit nur 25 visafreien Ländern. Auch Pakistan und Irak liegen am Ende. Innerhalb Europas ist es dank Schengen-Abkommen längst möglich, die Grenzen kontrollfrei zu überqueren. Für Menschen aus anderen Staaten ist das nicht so leicht. Wer beispielsweise aus Marokko nach Europa kommen möchte, hat keine guten Karten. Das Land liegt auf Platz 78 des Rankings und so kann nicht jeder Marokkaner problemlos einreisen.

Eine Welt ganz ohne Grenzen wäre für manch einen also eine Utopie. Aber auch hier kommt es natürlich auf die Perspektive an.

Grenzenlosigkeit als Utopie - Miriam Moch stellt sie vor
DNB Grenzenlos

 

 

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