Berlinale 2018

Schnappschuss einer Grande Dame

Die französische Presse lag ihr zu Füßen, mit den deutschen Medien verband sie dagegen eine Hassliebe: Die Rede ist von Romy Schneider. Inspiriert von ihrem berühmten STERN-Interview zeigt Emily Atefs Film die widersprüchliche Frau hinter der Ikone.
Marie Bäumer in "3 Tage in Quiberon"
Schauspielgröße Romy Schneider (Marie Bäumer) in ihrem letzten Lebensabschnitt.

1981, Schauplatz ist der titelgebende Küstenort in der Bretagne: Nach einigen erschütternden Rückschlägen in ihrem Leben − u.a. der Suizid des Ex-Mannes, Geldsorgen und die zunehmende Entfremdung zu Sohn David − begibt sich der damals größte weibliche Filmstar Europas Romy Schneider (Marie Bäumer) für ein paar Tage in ein abgeschiedenes Luxus-Sanatorium. In der Entzugsklinik unterzieht sich die alkohol- und tablettenabhängige 42-Jährige einer strengen Diät-Kur. Sie will mit diesem drastischen Schritt Sohn David beweisen, dass er sich auf sie verlassen könne.

In die Wellness-Oase hat die einsame Schauspiel-Ikone nicht nur Jugendfreundin Hilde (Birgit Minichmayr) eingeladen. Trotz emotional aufgewühlter Verfassung und unschönen Erfahrungen mit der deutschen Sensationspresse hat Madame Schneider einem prestigereichen Interview mit dem STERN-Enthüllungsjournalisten Michael Jürgs (Robert Gwisdek) zugestimmt − wohl auch, weil ihr väterlicher Freund, der Fotograf Robert Lebeck (Charly Hübner) die dazugehörige Fotostrecke beisteuern soll. In nüchterner Hotelzimmer-Atmosphäre und im Beisein von Hilde stellt sich der Megastar den unverfrorenden Fragen des manipulativen Jungreporters. Keiner der Anwesenden ahnt zu diesem Zeitpunkt, welch tiefe Einblicke die Vollblutschauspielerin in ihr unglückliches Inneres gewähren wird. 

Privatmensch statt „Mythos“

Ich versuche gerade, aus so einer Art Zwangsjacke auszubrechen.

Romy Schneider

Dieses sehr persönliche, tief blickende Zitat der Schauspiellegende stammt nicht etwa aus einem Vier-Augen-Gespräch mit dem Psychologen. So freimütig äußerte sich der ungeschminkte, abgekämpft wirkende Weltstar mit dunklen Augenringen gegenüber dem aalglatten Promiklatsch-Journalisten Michael Jürgs, der sich und seine Metier-Kollegen im Film einmal wenig schmeichelhaft als „Haifische“ bezeichnet. In vollem Bewusstsein, dass jedes ihrer Worte schwarz auf weiß abgedruckt und einer Leserschaft in Millionenhöhe zugetragen werden könnte, öffnete sie sich einem Fremden − dazu Angehörigen der Boulevardpresse − und redete sich Ängste und Schuldgefühle von der Seele.

In der heutigen Zeit, in der die Managements jeden Schritt und jedes Statement ihrer Filmstar-Schützlinge minutiös planen, wirkt ein solcher Grad an Spontanität und Unverfälschtheit geradezu abwegig. Genau dieser Umstand mag zu der bis heute ungebrochenen Faszination an Romy Schneider, die zwar auf Filmsets in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen, sich aber bei PR-Terminen nicht verstellen konnte, beigetragen haben. 

Katz-und-Maus-(Kammer-)Spiel

Das legendäre, letzte Romy-Schneider-Interview, in dem sie sich als Privatperson ausgerechnet in Anwesenheit eines deutschen Reporters so offenherzig und verletzlich wie nie zuvor zeigte, bildet (zusammen mit den in Quiberon entstandenen Fotografien) den fiktiv-narrativen Kern von „3 Tage in Quiberon“. Man staunt dabei nicht schlecht, mit welcher manipulativen Raffinesse und unter Anwendung höchst fragwürdiger Methoden (u.a. wird Champagner aufs Hotelzimmer geliefert, um die „Zunge“ der Interviewten zu lockern) der Journalist hier lange Zeit ungehindert agieren darf. Auf provozierende Fragen über intime Biografie-Details (u.a. gescheiterte Ehen, die brüchige Vater-Beziehung und finanzielle Probleme) gibt die entwaffnend ehrliche Madame Schneider meist auch bereitwillig Auskunft.

Der gewiefte Jürgs führt sie dabei aber auch wiederholt aufs Glatteis, was sie zu schlagzeilenträchtigen Aussagen wie „Weiterleben oder weiter durchdrehen.“ und „Es hätte alles sehr viel besser laufen können mit meinem Leben.“ hinreißen lässt. In kammerspielartigem Hotelzimmer-Ambiente entspinnt sich ein hochspannendes Duell auf rein psychologischer Ebene zwischen dem Medienvertreter und der Ausnahmekünstlerin, wobei die Grenzen zwischen vertraulicher Gesprächssituation unter „Freunden“ und professionellem Interview-Prozedere zunehmend verwischen: Irgendwann redet die völlig erschöpfte Romy Schneider Jürgs abwechselnd mit „du“ und „Sie“ an.

Intensive Momentaufnahme 

Emily Atefs neuste Kinoarbeit ist weder klassisches Biopic noch verklärte Romy Schneider-Hommage, sondern macht sehr treffend und differenziert den zerbrechlichen Zustand einer Frau erlebbar, die sich am Ende ihres zu kurzen Lebens in einer existenziellen Sinnkrise befindet und sich gleichzeitig verzweifelt nach Zuwendung ihrer Mitmenschen und Verständnis der deutschen Zuschauerschaft sehnt. Ausschnitthaft wird die innerlich zerrissene Schauspielerin gezeigt, wie sie es in einem vergänglichen Moment schafft, sich aus dem Tunnel ihrer Depression zurück ins Licht − ins Leben − zu kämpfen.  

Liebeserklärung an „Lebeck-Ästhetik“ ... 

Über die gesamte Laufzeit ist das aufs Äußerste reduzierte Drama − ein Handlungsort, drei Tage und vier Protagonisten −  von einer traurig-melancholischen Grundstimmung geprägt. Verstärkt wird diese Wirkung durch den Einsatz eines durchgängigen Klassik-Scores und den stilvollen Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Kameramann Thomas Kiennast, die Robert Lebecks weltbekannten Bildern von dem unbefangenen Star nachempfunden sind. Genau diese vermeintlich kleinen, formalen Entscheidungen sind es auch, die dem Publikum das Eintauchen in das historische und glanzvolle Bretagne-Filmsetting erleichtern.

... und Schauspielkunst

Wirklich auftrumpfen kann „3 Tage in Quiberon“ aber mit seiner frankophonen Hauptdarstellerin Marie Bäumer. Umwerfend facettenreich und absolut uneitel spielt sie die alternde Film-Ikone: Ihre Romy Schneider wandelt permanent am selbstzerstörerischen Abgrund, kennt gefühlstechnisch in jede Richtung nur das Extrem und agiert ohne jeglichen „Filter“ oder Distanz, dafür mit größtmöglichem Charme. In einem Augenblick tanzt, singt und feiert sie ausgelassen, wälzt sich vor herzhaftem Lachen auf dem Boden. Wenig später liegt sie zusammengesackt an genau derselben Stelle im Hotelzimmer − diesmal jedoch entkräftet und ausgelaugt, nah der Bewusstlosigkeit. Marie Bäumer verkörpert diese tief gespaltene Persönlichkeit mit großer Hingabe und Wahrhaftigkeit − ein ständiges Wechselspiel von Rausch und Schmerz, kindlicher Verspieltheit und Laszivität, Stärke und tiefer Verunsicherung.

Neben ihr setzen Birgit Minichmayr und Charly Hübner Ausrufezeichen in Sachen subtilem, unterschwelligem Spiel. Die Leistung von Robert Gwisdek, dem Vierten im Bunde, fällt dagegen deutlich ab. Sein schmierig-dreister Boulevardjournalist Jürgs bleibt lange Zeit eindimensional und seltsam teilnahmslos; der abrupte Sinneswandel zum einlenkenden Moralisten am Ende bleibt genau das: unvorbereitet und vom Drehbuch herbeigeführt. 

Das mephisto976-Interview mit der "3 Tage in Quiberon"-Regisseurin Emily Atef zum Nachhören:

0404 Interview Emily Atef
Legendäre Fotosession in Quiberon
 

Fazit: 

Auf überzeugende Weise verdichtet Emily Atef in ihrem konventionell erzählten, dialoggetriebenen Character Piece „3 Tage in Quiberon“ das bewegende Leben der Romy Schneider. Das zu einem Großteil von der phänomenal aufspielenden Marie Bäumer getragende, vielschichtige Filmportrait der Charaktermimin erzählt dabei auch ganz beiläufig von der damals wie heute schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Berufung („Ich kann nichts im Leben, aber alles auf der Leinwand“).

 

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3 Tage in Quiberon feierte seine Weltpremiere bei den 68. Internationalen Filmfestspielen Berlin, wo der Film im Wettbewerb lief. 

Regulärer Kinostart ist der 12. April 2018

FSK: 0

Laufzeit: 115 Minuten

Regie: Emily Atef

Cast: Marie Bäumer, Birgit Minichmayr, Robert Gwisdek, Charly Hübner und weitere