Filmrezension: Detroit

Schicksalsnacht als Horrorstreifen

Nach längerer Abwesenheit in den Lichtspielhäusern meldet sich Action-Expertin Kathryn Bigelow mit dem Politthriller über rassistisch motivierte Polizeigewalt am Beispiel des „Algiers Motel Incident“ zurück − und legt damit den Finger in die Wunde.
Officer Krauss (Wil Poulter) leitet die brutalen Verhöre im Algiers Motel

Detroit, Ende Juli 1967: Infolge jahrzehntelanger, systematischer Diskriminierung und wirtschaftlicher Perspektivlosigkeit entlädt sich in der von Afroamerikanern geprägten City von Detroit (wegen des „White Flight“ nach dem 2. Weltkrieg bis heute eine der am meisten nach Hautfarbe getrennten US-Städte) die aufgestaute Wut der unzufriedenen Bürger. Während des mehrtägigen Bürgerrechtsaufstands werden Häuser geplündert und niedergebrannt und Protestler liefern sich mit den Ordnungskräften brutale Straßenschlachten. Bald wird der nationale Ausnahmezustand ausgerufen und Detroit zur „War Zone“ erklärt: Angeforderte Spezialeinheiten des Militärs sollen die ansässige Polizei dabei unterstützen, die Kontrolle über den im Chaos versinkenden Unruheherd wieder zu erlangen und Revolten kompromisslos niederzuschlagen.

Als eines Abends eine Meldung über Schüsse aus dem Algiers Motel in die Polizeieinsatzzentrale eingeht, stürmen schwer bewaffnete Einsatzkräfte das Gebäude und eröffnen sofort das Feuer, wobei ein Hotelgast getötet wird. Auf der Suche nach dem vermeintlichen Heckenschützen und dessen Tatwaffe führen die Beamten unter der Leitung von Officer Krauss (Will Poulter) eine extrem gewalttätige Razzia durch, die schnell in katastrophales Behördenversagen mit weiteren unschuldigen Toten ausartet...

Der blanke Rassismus zeigt seine Fratze 

Nach „The Hurt Locker“ und „Zero Dark Thirty“ widmet sich Kathryn Bigelow, Hollywood-Spezialistin für investigativ-intelligentes Politkino, in Zusammenarbeit mit Journalist und Drehbuchautor Mark Boal erneut der genauen Rekonstruktion eines real historischen Ereignisses, das zugleich ein erschütterndes Kapitel der US-Geschichte rund um institutionellen Rassismus gegenüber Afroamerikanern dokumentiert. Anders als bei ihren Post-9/11 verarbeitenden Vorgängerfilmen taucht die Kalifornierin nun einige Jahrzehnte tiefer in die nationale Vergangenheit ein. Doch natürlich wäre es kein richtiger, kontrovers diskutierter Bigelow-Film, wenn dieser nicht auch einiges zur gegenwärtig aufgeheizten Stimmung in den USA beizutragen hätte.

„Detroit“ kommt wesentlich „persönlicher“ und in seiner antirassistischen Botschaft eindeutiger daher als andere Werke in Bigelows Vita; erzählt das Politdrama doch von Machtmissbrauch, Terror und juristisch verwehrter Gerechtigkeit vor der eigenen Haustür. So war es den Filmemachern nach eigener Aussage ein dringendes Bedürfnis, diesen in Vergessenheit geratenen „Vorfall“ mit seinen hervorgebrachten Opfern wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. 

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Der gewählte Filmtitel ist indes irreführend; denn Bigelow und ihre Filmcrew sind weniger an den genauen Hintergründen der 67er-Rassenunruhen (ein vorangestellter, animierter Erklärfilm mit Gemälden aus der „Great Migration“-Serie des Künstlers Jacob Lawrence muss dem Zuschauer zur Orientierung genügen) als an dem ungeahndeten Gewaltverbrechen selbst interessiert. Zwar wird im ersten Filmdrittel im semidokumentarischen Stil ein grobes Bild von den bürgerkriegsähnlichen Zuständen in Detroit und den sich gegenseitig anstachelnden Gruppierungen − inklusive eingestreuter O-Töne des damaligen Gouverneurs und Original-Aufnahmen der verheerenden Verwüstungen − gezeichnet. Letztendlich dient dies jedoch der unzusammenhängenden Vorstellung der Detroiter Protagonisten, die sich, konfrontiert mit dieser ungewohnten Situation, neu zurechtfinden müssen und später im zweiten Akt und nervenaufreibenden Höhepunkt im Korridor des Motels aufeinandertreffen. 

Sobald der Film seinen Kamerablick ganz auf das Algiers richtet und schließlich die Militärtrucks mit den Soldaten zu ihrem Einsatzziel aufbrechen, wirkt das wie die gespenstische Ruhe vor dem Sturm, der über die noch unwissenden Hotelgäste losbrechen wird. Die unfassbar brutalen, klaustrophobischen Verhörszenen zwischen den „unter Verdacht“ stehenden Motelbewohnern und den ein perfides „Todesspiel“ aufziehenden Polizisten sind an bedrückender Intensität kaum zu überbieten. Bigelow zieht in Echtzeit die Gewaltspirale bis ins Unermessliche an, sodass der Zuschauer tatsächlich ein Gefühl vermittelt bekommt, hautnah dieser Folter als zur Handlungsunfähigkeit verdammten Beobachter beizuwohnen. So wie die schwarzen Teenager auf der Leinwand von ihren Peinigern festgehalten, malträtiert und systematisch mürbe gemacht werden, wird auch der Zuschauer zu einem ungewollten Gefangenen des Films. 

Tadellose Ensembleleistung

Wenngleich der ernüchternde, letzte Gerichtsdrama-Akt samt Freisprüchen für die angeklagten Polizeibeamten und des verursachten Kollateralschadens (personifiziert in dem seinen Traum von einer großen Gesangskarriere begrabenden Ex-Bandmitglied Larry) einen Bruch zur vorher aufgebauten Spannung darstellt, wird so jedoch gewährleistet, dass sich die Empörung des Publikums nicht bloß gegen einzelne Täter richtet, sondern das System als Ganzes kritisch hinterfragt wird. 

Auch in Sachen Kostüme, Ausstattung und Filmmusik erlauben sich die Filmemacher keinerlei Fehltritte. Auf überzeugende Weise gelingt es, das Zeitkolorit der Mitte 60er zu porträtieren. Das gilt insbesondere für die Schauspieler (unter ihnen einige Newcomer), denen man ihre Hingabe und Bereitschaft, sich ganz der Story unterzuordnen, zu jeder Zeit anmerkt.

 

Fazit:

„Detroit“ ist ein wütender Weckruf und hält die bittere Wahrheit bereit, dass keine nachhaltigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen wurden und Rassendiskriminierung heute, wie damals ein ungelöstes Problem darstellt. Kathryn Bigelow begnügt sich damit, eine auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte zur „Black Lives Matter“-Bewegung so unbequem und authentisch wie möglich nachzuzeichnen. Diese Entscheidung ist zwar ehrenvoll und legitim, dadurch wird jedoch auch die gute Möglichkeit verpasst, die Mechanismen des strukturellen Rassismus im historischen Kontext aufzudecken.

 

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Detroit:

Kinostart: 23.11.2017

FSK: 12

Laufzeit: 134 Minuten

Regie: Kathryn Bigelow

Cast: John Boyega, Will Poulter, Algee Smith, Jacob Latimore, Jason Mitchell, Hannah Murray und andere