Theater: König Ubu/ Ubus Prozess

Scheiße zum Nachtisch

Die Premiere im Jahr 1896 löste Tumulte im Saal aus, heute gilt "König Ubu" als Kernstück des modernen Theaters. Claudia Bauer hat das Skandalstück nun zusammen mit der Fortsetzung "Ubus Prozess" auf die Bühne des Leipziger Schauspiels gebracht.
Szene aus "König Ubu/Ubus Prozess"
Ehepaar Ubu schmiedet mit seinen Gästen einen mörderischen Plan

Viele Leute suchen noch ihre Plätze, stehen im Saal, unterhalten sich, da hebt sich der eiserne Vorhang und Vater Ubus Gefängnis kommt zum Vorschein. Nackt liegt er in einem großen Kubus, der mit Leinwänden umspannt ist. Regisseurin Claudia Bauer greift mal wieder auf eine Handkamera zurück, die um Ubu kreist und jeden Winkel seines haarigen Körpers erforscht. Ubu soll vor Gericht gezerrt werden. Gegen die Menschlichkeit habe er verstoßen. Immer

Szene aus "König Ubu/Ubus Prozess"
Abendessen bei Vater und Mutter Ubu

und immer wieder werden die Vorwürfe gegen ihn vorgetragen, bis das lauthals gerufene Wort "Scheiße" (im Original "Merdre") fast schon wie eine Erlösung wirkt. Jenes Wort, das 1896 bei der Uraufführung von König Ubu für Prügeleien im Zuschauerraum gesorgt hatte. Claudia Bauer zelebriert diesen Moment, lässt den wütenden Ausruf zu einem lauten Stimmengewirr anschwellen, bevor die blutrünstige Zeitreise in die Herrschaftszeit des gestürzten Königs beginnt. Vater Ubu, ein gefräßiger, primitiver Mann, erwartet mit seiner gierigen Frau Besuch. Man kostet Mutter Ubus köstliche Suppe, bevor ihr Ehemann die Hose runterlässt, auf den Tisch springt und in den Kessel kackt. Mit der Klobürste wird noch einmal kräftig umgerührt, bevor einer der Gäste mit der "Scheiße" gefüttert wird. Nach dem Festmahl plant man kurzerhand die Ermordung der polnischen Königsfamilie. Ubu krönt sich nach dem erfolgreichen Attentat zum polnischen König und errichtet ein Schreckensregime. Es kommt zum Krieg.

Shakespeare als Freakshow

Die Ehefrau stiftet ihren Mann zum Königsmord an, er wird zum Tyrann und beide fallen wieder. Die Geschichte von König Ubu erinnert nicht zufällig an Macbeth. Alfred Jarry machte aus Shakespeare jedoch eine alberne Comedynummer. Eine, die provozierte und mit seiner vulgären Sprache zum Skandal wurde. Heute ist in Claudia Bauers Inszenierung wenig vom Skandal übrig geblieben. Zwar verlassen während der zwei Stunden immer mal wieder Leute den Saal, wenn Exkremente an die Wand geschmiert werden, das Blut spritzt und Ubu mit der Klobürste Gesetzestexte unterschreibt, aber für einen Aufschrei sorgt das alles natürlich nicht.

Das muss es aber auch gar nicht, weil König Ubu/ Ubus Prozess auch so eine weitere herausragende Inszenierung von Claudia Bauer geworden ist, die 2017 mit dem Stück 89/90 zum Berliner Theatertreffen eingeladen wurde. Vor golden tapezierten Wänden zeigt sie ein groteskes Spektakel. In der Mitte der Bühne steht jener Kubus, in den sich die Figuren zurückziehen können, das aber gleichzeitig auch zum Gefängnis wird und auf das immer wieder Videosequenzen projiziert werden, die mitunter an Horrorfilme der Stummfilmära erinnern.

Szene aus "König Ubu/ Ubus Prozess"
Ubu richtet ein Blutbad am Königshof an

Roman Kanonik und Julia Preuß geben ein schrecklich schönes Ehepaar Ubu ab. Mutter Ubu kraxelt in seltsamen Verrenkungen wie ein Zombie über die Bühne, schreit mit schriller Stimme ihre Dialogzeilen. Generell wird sich viel bewegt. Die Figuren stehen niemals still, ihre Körper werden zu grotesken Puppen, die die ganze Zeit über zappeln müssen. Dazu gibt es eine gute Portion Gesang. Die Acapella-Gruppe VOXID gehört zum Ensemble und besingt fröhlich die leckere polnische Suppe oder covert "I'm sitting on top of the world", während im Hintergrund eine Tortenschlacht stattfindet. König Ubu ist der pure Exzess. Mit seinem teils nervtötenden Gekeife, Slapstick und Fäkalhumor bewegt sich die Inszenierung in der ersten Hälfte zugegebenermaßen mehrfach an der Grenze zum Trash, inklusive einiger Längen. Andererseits bleibt Bauer mit ihrem Kaspertheater dem Geist der Vorlage treu. Und wie formulierte Antonin Artaud doch so schön? Da, wo es nach Scheiße riecht, riecht es nach Leben.

Düsteres Polit-Theater

Wenn Ubu in den Krieg zieht, verwandelt sich nicht nur auf beeindruckende Art und Weise die Bühne, sondern auch der Tonfall des Stückes. Das groteske Comedyspektakel schlägt um in ein düsteres Kriegsszenario, bei dem nicht nur der primitive Machthaber dekonstruiert wird, sondern ein gesamter Staat in gegenseitigen Beschuldigungen und Ausflüchten zerfällt. Die anfänglich pinken Kostüme werden gegen dunkle Uniformen getauscht und Rafael Klitzings bedrohliches Sounddesign sorgt für Gänsehaut. Schließlich kommt es zu Ubus Prozess, jenem Text, den der Brite Simon Stephens als Fortsetzung zu König Ubu geschrieben hatte und den Claudia Bauer als Rahmen für ihr Stück benutzt. Plötzlich ist alles ganz ernst und konzentriert. Die Bühne ist fast leer, Ubu schmort in seiner Zelle und holt

Szene aus "König Ubu/ Ubus Prozess"
Mutter und Vater Ubu sitzen in der Klemme

zu einem verstörenden Rundumschlag gegen die Gesellschaft aus. Über die Lüge des Fortschritts, des menschlichen Verstandes und der Enttäuschung über Machtwechsel, die am Ende vielleicht doch nicht immer das versprechen, was sich alle erhoffen. Obwohl Begriffe wie "Lügenpresse" fallen, bleibt das Stück überraschend unkonkret, wenn es um aktuelle politische Bezüge geht. Zum Glück! Die Abgründigkeit in diesem Stück offenbart sich auch ohne Trump- oder AfD-Zitate und wirkt lange nach. Der eiserne Vorhang senkt sich ebenso plötzlich, wie er sich am Anfang geöffnet hat und schneidet das Geschehen konsequent ab. Es ist ein finsterer Ausblick auf die Zukunft, mit dem Ubu das Publikum verabschiedet, während ununterbrochen Schnee auf die Bühne fällt, der zugleich begräbt und doch Neues gedeihen lässt. Einen intensiveren Schluss hätte man kaum finden können.

Fazit

König Ubu/ Ubus Prozess schwankt gekonnt zwischen überdrehtem Comedyspektakel, düsterer Horrorshow und beißender Gesellschaftssatire. Das Ensemble brilliert, beide Stücke fügen sich perfekt zusammen und der Stimmungswechsel in der zweiten Hälfte geschieht auf meisterhafte Art und Weise. Ubus Fall gehört zu den eindringlichsten und mitreißendsten Momenten, die es im Schauspiel Leipzig seit langem zu erleben gab. Claudia Bauer ist ein gewaltiger Abend gelungen!

Janick Nolting über "König Ubu/ Ubus Prozess"
Janick Nolting über "König Ubu/ Ubus Prozess"
 

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König Ubu/ Ubus Prozess

von Alfred Jarry und Simon Stephens

Premiere am 27.01.2018

Regie: Claudia Bauer ("89/90", "geister sind auch nur menschen")

Dramaturgie: Matthias Huber

Bühne: Andreas Auerbach

Sounddesign: Rafael Klitzing

Besetzung: Roman Kanonik, Julia Preuß, Denis Petkovic, Wenzel Banneyer, Max Hubacher und andere

Spieldauer: 2 Stunden, keine Pause

nächste Aufführungstermine: 3.2.2018, 24.2.2018, 1.3.2018, 25.3.2018, 6.4.2018