Die Kolumne

Scheiße hat viele Gesichter

Die Kolumne. Immer freitags und immer mit den guten Fragen der Woche. Diesmal: Lukas Raschke über Menschen, Unmenschen und Herrenmenschen.
Kolumne, Symbolbild, Redaktion
Was ist in dieser Woche passiert? Unsere Kolumnisten haben sogar Antworten, wenn sie gar nicht gefragt werden.

Die Kolumne zum Nachhören:

Scheiße hat viele Gesichter - die Kolumne von Lukas Raschke
 

Eier in der Hose haben. Ein Paradebeispiel aus der Kategorie „Wie sexistisch kann Anerkennung sein?“. Was die meisten Leute damit eigentlich ausdrücken wollen: „Ich bewundere deinen Mut, deine Kaltschnäuzigkeit, deine konsequente Ignoranz aller noch so sinnvollen Gegenargumente.“ Diese zweifelhafte Ehre kann allen Geschlechtern zugutekommen. Wenn du aus großer Höhe in ein trübes unbekanntes Gewässer springst, bist du zwar dumm, aber wenigstens hast du Eier in der Hose. Und wenn nicht, dann sind sie dir in diesem Moment zumindest symbolisch gewachsen. Ich weiß nicht, ob Eierstöcke oder andere nichtmännliche Geschlechtsmerkmale irgendwann mal dieselbe Ausdruckskraft von unglaublicher Dämlichkeit besitzen könnten. Ich weiß nur, dass auffällig viele privilegierte weiße Männer dieser Redewendung gerecht werden. Irgendwo scheint es da also doch einen Zusammenhang zu geben.

Unser Kolumnist und Meinungsmacher Lukas Raschke bei der Arbeit.

Wie auch immer, die dicksten Eier haben in dieser Woche gleich zwei Männer in leitender Position bewiesen. Zum einen hätten wir da Joe Kaeser, Vorstandsvorsitzender und CEO der Siemens AG. Kurz vor Weihnachten mal eben 6900 Arbeitsplätze streichen? Davon 920 in Sachsen, das gemeinsam mit den anderen neuen Bundesländern noch immer um eine wirtschaftliche Gleichstellung in Deutschland kämpfen muss? Ein verheerendes Signal im Zeitalter von Energiewende und Stellenabbau senden? Einen Scheiß auf parteiübergreifende Proteste und den Widerstand eines ganzen Leipziger Wohnviertels geben? Und dann noch das mehr als dreiste Versprechen abgeben, die Maßnahmen würden „möglichst sozialverträglich“ gestaltet werden? Okay. Kann man so machen. Das bestärkt dann allerdings meine These, dass eine Anschwellung der Hoden offensichtlich mit einem Verlust des Empathievermögens einhergeht.

Zum anderen hat sich auch Thomas Rauscher, Institutsdirektor in der Leipziger Juristenfakultät, in dieser Woche mit besonders weißen dicken Eiern hervorgetan. Er ist der lebende Beweis dafür, dass man kein klischeehafter ungebildeter Dorfsachse sein muss, um Rassist zu sein. Nein, Rassismus gibt es auch unter dem Deckmantel eines akademischen Professor-Doktor-Doktor-honoris-causa-Titels. So getarnt kann er natürlich besonders glaubhaft und reichweitenstark propagiert werden – vorzugsweise in 140 Zeichen langen Hass-Tweets. Der mittlerweile gelöschte private Twitter-Account des Dozenten ist eine Masturbationsvorlage für jeden pseudoeloquenten Ausländer- und Islamfeind. Gestern wurde Rauscher vor einem gefüllten Hörsaal unter Vorführung seiner Social-Media-Hasstiraden geächtet. Die Stellungnahme der Universität Leipzig ist dagegen ein Witz. Verurteilt werden darin die „neuerlichen Äußerungen“ von Professor Rauscher. Neuerlich ist anscheinend ein sehr dehnbarer Begriff. Ich meine mich nämlich daran zu erinnern, dass mir einige befreundete Jurastudenten schon vor knapp drei Jahren von den rechten Parolen ihres Dozenten erzählt haben. Böse Zungen werden behaupten, dass sich ein Vertrag auf Lebenszeit und ein sehr langer akademischer Titel positiv auf das eigene Ansehen auswirken. Dabei stehen Nazidoktoren ja schon seit einer ganzen Weile in Verruf. Aber den einen oder anderen rassistischen Ausrutscher kann man natürlich mal verzeihen. Und für die dicksten Eier der Woche hat es allemal gereicht.

Und nächste Woche?

Brauche ich dringend eine Geschlechtsumwandlung.

 

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