Theater

Sanitäre Gestalten

Bertolt Brechts "Baal" wird am Schauspiel Leipzig als surrealer Drogentrip aufgeführt. Der Dichter Baal erscheint als einziger Mensch inmitten von Fantasiegestalten.
Baal
"Baal" im Schauspielhaus

Ein kleiner Wortwitz zu Beginn öffnet den Assoziationsraum dieses Theaterabends: "Herren und Damen in großer Toilette" lautet Brechts Regieanweisung. Im weiß gekachelten Bühnenraum von Irina Schicketanz entlockt die Doppeldeutigkeit des Wortes "Toilette" dem Publikum ein gedämpftes Lachen. In der Sanitäreinrichtung auf der großen Bühne des Schauspielhauses haust der Dichter Baal und steigt in zwei Theaterstunden tief in die Kloake hinab. 

Redakteur Julien Reimer im Gespräch mit Moderatorin Maja Fiedler
 

Geisteswissenschaftsschlaffi

Am Beginn der Inszenierung ist Baal ein Schlaffi. Sebastian Tessenow schlurft durch den Raum und lässt sich erschöpft an einer Wand nieder. Er sieht aus wie ein typischer Geisteswissenschaftsstudent: Haarknoten, Bärtchen, schwarzes Achselshirt mit tiefem Ausschnitt, schwarze Jeans. Mit etwas Alkohol wird aus diesem Schlaffi ein Ekel. Baal benutzt Frauen solange sie ihm Vergnügen bereiten und lässt sie fallen, sobald sie ihm zu langweilig werden. Mit seinen Werken kann der Dichter einige beeindrucken, von sonderlicher Brillanz sind sie aber nicht. Im Schauspielhaus werden sie von einer monotonen Computerstimme vorgelesen – ein dröges Textrauschen.

Sebastian Tessenow
Sebastian Tessenow als Baal

(B)AAL

Einen gewissen Reiz versprüht Baal aber doch: Immer wieder gelingt es ihm, die Aufmerksamkeit von Frauen auf sich zu ziehen und beim Publikum seiner Vorträge für Bewunderung zu sorgen. Allerdings verspielt er gewonnenes Vertrauen schnell durch unpassendes und unangepasstes Benehmen – ein Gentleman ist er nicht. Das drückt Tessenow aus, als er den Namen seiner Rolle mit Erde auf den Boden rieselt. Er beginnt von hinten, beim L und arbeitet sich langsam zum Beginn des Namens vor. Bevor er aber beim B ankommt, zögert er lange, sodass für einige Minuten lediglich "AAL" auf der Bühne geschrieben steht. Man wundert sich: Wie lange konnte der sich eigentlich so durchschlängeln?

Erde aus der Kanalisation

Je weiter es mit Baal bergab geht, desto mehr versaut Tessenow den anfangs sauber-weißen Bühnenraum. Er reißt den Boden auf, dringt in die Kanalisation vor. Dort gräbt er in der Erde, suhlt sich darin und schaufelt sie schließlich großzügig in den ganzen Raum. Archaischer Naturmensch? Am Ende ist sie das Grab für seinen Kumpanen Ekart, erstochen im Wald. Ekart ist ein selbstbeherrschter und ausgeglichener Typ in goldener Kutte. Wenzel Banneyer spielt ihn mit stoischer Ruhe. An einer Stelle der Inszenierung liegt er entspannt mit den Beinen nach oben schräg an der Wand. Baal versucht es ihm gleich zu tun, scheitert, rutscht immer wieder ab und wirkt gegen Ekart wie ein jämmerlicher Tropf.

Mensch im Drogenwahn

Von allen Mitfiguren in "Baal" hat Ekart noch am ehesten menschliche Züge. Denn die Inszenierung stellt die Figuren um Baal wie Fantasiegebilde, Traumgespinste, Computerfiguren, Marionetten und Halluzinationen auf die Bühne. Regisseur Nuran David Calis rückt Baal als einzigen echten Menschen ins Zentrum und lässt die Zuschauer die anderen Figuren aus seinen Augen sehen. In diesem Fall sind das die Augen eines kaputten Menschen. Eines Menschen im Drogenwahn vielleicht? Ein Mensch der mit sich selbst ringt und Stimmen im eigenen Kopf hört.

Entrückte Wesen

Die Stimmen kommen von neun weiteren Schauspielern, die in kruden Gesten und wirrer Mimik Baal umschwirren, sich dabei kaum bewegen und selten live sprechen – entrückte Wesen aus einer anderen Welt, Geister aus der Kanalisation. Staffage für Baal, der am Ende in die Kloake hinabsteigt, um wieder dort zu landen, wo er am Anfang saß: in der hinteren Ecke der Bühne. Es schließt sich der Kreis nach einem wunderlichen Trip. Auf der Toilette einer Diskohölle? In einer Ausnüchterungszelle? Es bleiben Fragen über eine Inszenierung, die ihre volle Kraft und Wirkung erst nach der Aufführung entfaltet.

 

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Die nächsten Vorstellungen von "Baal":

Fr, 12. Juni 19:30 Uhr

Do, 19. Juni 19:30 Uhr

Do, 02. Juli 19:30 Uhr

Mi, 08. Juli 19:30 Uhr

Mehr Informationen gibt es hier.