Frisch Gepresst: Rosalía

Rosige Aussichten

In ihrer Heimat Spanien ist die Flamenco-Pop-Künstlerin Rosalía bereits ein Star. Mit ihrem neuen Album „El Mal Querer“ kann sie sich auch im Rest der Welt Hoffnungen auf Erfolg machen. Die musikalische Qualität dafür hat die Platte auf jeden Fall.
Rosalía
Flamenco-Pop-Künstlerin Rosalía

Der Begriff „Flamenco“ ist zwar erst seit dem 19. Jahrhundert schriftlich belegt. Die Traditionen, auf denen der Musik- und Tanzstil beruht, gehen allerdings schon mehr als 1000 Jahre zurück. In der südspanischen Region Andalusien gilt er als ein essentieller Teil der kulturellen Identität. Seit 2010 genießt er den Status des immateriellen Kulturerbes. Dass nun ausgerechnet eine 25-jährige Katalanin den Stil ins 21. Jahrhundert trägt, sehen in Spanien manche konservativen Stimmen kritisch.

Flamenco trifft Pop trifft Hiphop

Rosalía Vila Tobella, kurz Rosalía, ist jedoch genau das gelungen. Mit ihrem Album „Los Angeles“ von 2017 hat die Sängerin dem traditionellen Stil mit zarten Popeinflüssen neues Leben eingehaucht und wurde in ihrer Heimat damit schon zum Star. Mit dem neuen Album „El Mal Querer“ geht sie den Weg, den sie mit ihrem Debüt eingeschlagen hat, nun konsequent weiter. So weit, dass sich die Verhältnisse nun umgekehrt haben. War der Vorgänger noch ein im weitesten Sinne klassisches Flamenco-Album, mit eher vereinzelten Pop-Anklängen, kommt das neue Album als waschechtes Pop-Album daher, bei dem der Flamenco in einem Teil der Songs eher der klanglichen Zierde dient. Schon der Opener macht die Neuausrichtung deutlich: Bei „MALAMENTE“ erklingen fast schon Trap‑mäßige Hiphop-Beats und Synthies, ein Einfluss den Rosalía wohl aus ihrer Kollaboration mit Rapper J Balvin mitgenommen hat.

Bei Songs wie diesen schlägt sich der Flamenco auf musikalischer Seite hauptsächlich durch das typische Händeklatschen (die sogenannten palmas) nieder. Tatsächlich bleibt das einzige Stück, welches von einer klassischen Flamenco-Gitarre getrieben wird, der zweite Track „QUE NO SALGA LA LUNA“. Dieses wird jedoch direkt gefolgt von „PIENSO EN TU MIRA“, das mit seinem treibenden Mitsing-Refrain und der hochmodernen Produktion einem typischen Chart-Hit am nächsten kommt, ohne dabei jedoch flach oder anbiedernd zu wirken. Wie ein Großteil des Albums, welches kapitelweise eine toxische Beziehung verarbeitet, dreht sich auch „PIENSO EN TU MIRA“ um Verlangen, Sehnsucht und Eifersucht, was dank Rosalías ausdrucksstarkem Gesangs auch für nicht spanischsprachige Hörer greifbar wird. Definitiv ein Highlight.

Neben derartigen Hits zeigt sich Rosalía auf „El Mal Querer“ jedoch auch experimentierfreudig. Bei „DE AQUI NO SALES“ und „MALDICCIÓN“ hört man verfremdete Stimmarrangements und elektronische Spielereien die stark an Björk erinnern. Größtenteils ohne Verfremdung und nur spärlich instrumentiert kommen dagegen Songs wie „RENIEGO“ oder „NANA“ einher, die an klassische Flamenco-Balladen angelehnt sind, und bei denen sich die volle Ausdruckskraft von Rosalías großartiger Stimme zeigt. Überhaupt ist es der Gesang der jungen Katalanin, der „El Mal Querer“, von anderen Pop-Alben abhebt: Wo andere Popsängerinnen mit klassisch trainierter Stimme, wie etwa Adele oder Ariana Grande, sich mehrheitlich an denselben Vorbildern aus Soul und RnB orientieren, setzt Rosalía dank ihrer Flamenco-Erfahrung eigene Akzente, mit denen sich das Album selbst in seinen poppigsten und sanftesten Momenten klar vom Einheitsbrei von Charts und Formatradio abhebt. Selbst wenn sie sich auf „BAGDAD“ bei einem Teil der Melodie von Justin Timberlakes „Cry Me A River“ bedient, bleibt ihre Interpretation spannend.

Fazit

Mit „El Mal Querer“ ist Rosalía ein mitreißender Hybrid aus Flamenco und modernem Pop gelungen. Die junge Künstlerin erfährt gegenwärtig eine große Menge internationaler Unterstützung, dank derer sie schon bald weit jenseits der Landesgrenzen Spaniens bekannt sein dürfte. Auch wenn ihr neues Album zahlreiche Melodien für die großen Bühnen zu bieten hat und die dazugehörigen Musikvideos sie als attraktive Kunstfigur in Szene setzen, ist das Werk alles andere als der Mainstream-Ausverkauf einer weiteren Konsenskünstlerin. Dank der Rhythmik und Intensität der traditionellen spanischen Musik, mitreißender Beats, Rosalías frischer Stimme und ihrem Mut zum Experiment zementiert „El Mal Querer“ den Staus seiner Schöpferin als eine der interessantesten Newcomerinnen der internationalen Musikszene. Ihren Erfolg hat sich Rosalía somit redlich verdient.

 

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Rosalía: El Mal Querer

Tracklist:

1. "Malamente" (Cap. 1: Augurio)*

2. "Que no salga la Luna" (Cap. 2: Boda)  

3. "Pienso en tu mirá" (Cap. 3: Celos)*       

4. "De aquí no sales" (Cap. 4: Disputa)*      

5. "Reniego" (Cap. 5: Lamento)    

6. "Preso" (Cap. 6: Clausura)          

7. "Bagdad" (Cap. 7: Liturgia)         

8. "Di mi nombre" (Cap. 8: Éxtasis)*             

9. "Nana" (Cap. 9: Concepción)    

10. "Maldición" (Cap. 10: Cordura)

11. "A ningún hombre" (Cap. 11: Poder)

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 02.11.2018
Sony Music