Konzertbericht: Zugezogen Maskulin

Rosa Plastikschnipsel gegen das System

2017 meldeten sich Zugezogen Maskulin aus ihrer Abstinenz zurück. Rapmedien und Feuilleton – sie alle konnten sich auf ihrer neue Platte „Alle gegen Alle“ einigen. Dass ihre Gesellschaftskritik auch live funktioniert, bewiesen sie im Werk 2.
Zugezogen Maskulin
Zugezogen Maskulin waren am 10. Januar zu Besuch im Werk2.

19:30 Uhr. Bereits in der Tram auf dem Weg zum Connewitzer Kreuz wird gedrängelt und gequetscht, was das Zeug hält. Einigen läuft der Schweiß von der Stirn. Eine kleine Kostprobe für die nächsten zweieinhalb Stunden im Werk 2. Schweiß, Lärm und Sterni: Zugezogen Maskulin Konzert in a nutshell. Das Publikum – vornehmlich jung, männlich, links-alternativ. Bart, Brille und Kappe sind der Style des Abends. Zwischen der männlichen Einheitsbreimasse hier mal ein paar Punks, da mal ein paar Mädchen. Ansonsten aber alles sehr homogen.

Chemnitzer Liedermaching

20:10 Uhr. Vorband Blond betritt die Bühne. Nina, Lotta und Johann können nicht nur die schwache Frauenquote wieder ein wenig nach oben korrigieren, sondern machen auch noch ziemlich gute Musik. Das testosterongeladene Publikum reagiert zwar erst noch ein bisschen verhalten, aber spätestens bei Hits wie „Spinaci“, oder als Blond ihre Rapskills unter Beweis stellen, kommt der Mob langsam in Fahrt. Als sie schließlich die Bühne verlassen, meint ein (sehr kompetent aussehender) Typ vor mir „Find ich jut“. Mindestens einen Fan mehr haben sie seit heute auf jeden Fall.

You spin me right round like a record

21:00 Uhr. Zuerst kommt der Beat, dann betreten Grim und Testo die Bühne. Sofort bilden sich die ersten Moshpits. Das wuchtige Albumintro funktioniert auch live bombastisch. Danach geht es direkt ohne Pause weiter und alle brüllen laut und textsicher „Was für eine Zeit“ mit. Dank der vielen tanzlustigen Besucher steigt die Raumtemperatur schon in den ersten zehn Minuten auf gefühlt 40 Grad. Gott sei Dank verschafft die ein oder andere spritzige Bierdusche immer wieder angenehme Abkühlung. Im Laufe des Abends werden die Kreise immer größer. Man wird einfach völlig unkontrolliert von einer Seite des Raumes zur anderen getragen und hat irgendwann komplett die Orientierung verloren. Nur noch getoppt wird die ganze Tanzaction von der Wall of Death. Es scheint, als würde sich alle angestaute Wut des Publikums an diesem Mittwochabend in Tanzenergie umgewandelt.

Alle gegen Alle

Liebe ist nicht meine Religion, was soll der Hippie-Quatsch? Ich zetrampel Blumen, Bruderkrieg statt Kissenschlacht!

aus dem Song "Oi!"

Da scheinen sich alle einig zu sein. Der Albumtitel „Alle gegen Alle“ wird hier heute sehr ernst genommen. Wenn schon Anti-Sein, dann wenigstens gemeinsam. Als das ekstatische Rumgeschubse gegen Ende des Konzerts seinen Höhepunkt erreicht, fahren Grim und Testo noch mal richtig auf. Mit vom Himmel fallenden rosa Plastikschnipseln und Champagnerduschen wird sich ein bisschen in Ironie gesuhlt. Dazu ein letztes Mal lauthals Songtexte mitgrölen. „Alles in uns brennt, in euch brennt's, in uns brennt's. Ihr seid keine Fans - wir sind eine Gang!“ Und diese Gang geht am Ende trotz einer gehörigen Portion Menschenhass in der Brust mit einem breiten Lächeln im Gesicht nach Hause.

 

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Alina Schneider
17.01.2018 - 11:58
  Kultur

Tourdaten:

17.01. München - Strom
18.01. Würzburg - B-Hof
20.01. Berlin - Festsaal Kreuzberg
22.02. Hannover - Musikzentrum
23.02. Hamburg - Uebel&Gefährlich
24.02. Kiel - Orange Club
25.02. Bochum - Bahnhof Langendreer
27.02. Stuttgart - Im Wizemann
28.02. Heidelberg - Karlstorbahnhof
01.03. Erlangen - E-Werk
02.03. (A) Salzburg - Rockhouse Bar
03.03. (A) Wien - Grelle Forelle
05.03. Konstanz - Kulturladen
06.03. Reutlingen - Indi(e)stinction @ FranzK
07.03. Karlsruhe - Substage
08.03. Trier - Ex-Haus

Eine Rezension zum Album „Alle Gegen Alle“ finden Sie hier.