Konzertbericht

Rodeo für die Ohren

Bewaffnet mit Gitarren, einem Cello, Banjo, Mandoline sowie mehrstimmigem Gesang ist die kanadische Band The Dead South am Herrentag im UT Connewitz eingeritten und hat das Publikum mitgenommen auf einen wilden Ritt durch die Prärie.
The Dead South
The Dead South in ihrer aktuellen Besetzung – Eine Band zum Pferde stehlen

Nachdem sie ihre letzte Tour aus persönlichen Gründen ganz plötzlich absagen mussten, war es am vergangenen Donnerstag endlich soweit. The Dead South waren zum dritten Mal in Leipzig und hatten ihr aktuelles Album „Illusion & Doubt“ im Gepäck. Das Konzert war restlos ausverkauft und vor der Tür warteten schon einige bärtige Typen mit ihren Rockabilly Ladys.

 

Als Anheizer spielten Del Suelo und Max Paul Maria. Del Suelo aka Eric Mehlson kommt aus Kanada und hat in einem Soloprojekt ein Buch und ein dazugehöriges Album veröffentlicht. Nach ihr spielte der in Berlin lebende Künstler Max Paul Maria. Seine Musik verkörpert eine Rastlosigkeit, die unweigerlich an den jungen Bob Dylan erinnert. Doch so ganz kann man ihm seine Lonesome-Traveler-Lagerfeuer-Romantik-Musik nicht abnehmen. Die Stimmung war allerdings gut, und als dann schließlich The Dead South auf die Bühne kamen, wurde aus dem kleinen Bonfire ein wildes Feuer. Schon mit dem ersten Song haben sie gezeigt, dass sie nicht nur in der Hölle eine gute Gesellschaft zu bieten haben:

 

She plays the banjo like a mutherfucker

Sie waren wohl die am besten gekleideten Männer an diesem sommerlichen Herrentag. Schwarze Anzughose, Hosenträger, weißes Hemd. Dazu ein großer Hut und wilde Bärte. Die Bärte tragen sie nicht erst seit drei Tagen. So wirkt die sympathische und enthusiastische Bluegrass-Folk Band als wären sie grade erst aus der Wildnis zurück gekehrt. Zum Rasieren war wohl keine Zeit. Grade noch mit dem Marlboro Mann am Lagerfeuer gesessen, kurz die Stiefel poliert und dann direkt auf die Bühne ins UT. Naja, ganz so sieht die Realität wohl nicht aus. So haben einige aus der Band zu Hause in Kanada ganz normale Jobs und können deshalb auch nicht immer mit auf Tour kommen. Deshalb spielen sie häufig in wechselnder Besetzung. Das Cello hat diesmal Eric Mehlson, der gleichzeitig als Del Suelo im Vorprogramm gespielt hat, übernommen. Und auch die einzige Frau der Band „Miss Mary“ ist nicht immer dabei. Aber sie hat einen sehr wichtigen Part in der Band, denn sie spielt das Banjo. Und das tut sie nach Aussage von Eric „like a mutherfucker“. Recht hat er. Sie wirkt zwar in ihrer Bühnenpräsenz etwas unsicher, aber das Banjospielen beherrscht sie, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Ohne das Banjo wäre die Musik von The Dead South wohl wie der Marlboro Mann ohne Kippen (oder schlimmer noch mit E-Zigarette).

Man muss dem Leben immer um einen Whisky voraus sein

Das Publikum war an diesem Abend sehr gemischt. Vom alten Rocker bis zur Perlenohrringträgerin war alles dabei. In der ersten Reihe standen sogar Kinder. Ein Junge, der fast die ganze Show mit seinem Smartphone gefilmt hat, erntete von Leadsänger Nate nur ein mitleidiges Kopfschütteln. Denn das hier fand nicht auf einem Bildschirm statt. Hier lagen echter Schweiß und echte Leidenschaft in der Luft. Lagerfeuer- und Prärie-Romantik lässt sich nicht in Bildschirm-Romanik umwandeln. Dafür wurde zum Glück noch keine App erfunden. Auch an den vielen gerissenen Gitarrenseiten sieht man deutlich mit wieviel Hingabe The Dead South Musik machen. Zwischendurch machten eine Flasche Whisky und reichlich Dosenbier die Runde.

Jihaw

Fakt ist: The Dead South polarisiert. Entweder man mag sie, oder man hasst sie. Man muss sich entscheiden. Für sie oder gegen sie. An diesem ausverkauften Abend haben sich sehr viele Leipziger für The Dead South entschieden. Und auch einige Leute im Publikum haben mindestens die gleiche Leidenschaft für die Musik empfunden wie die Musiker selbst. Vor uns tanzte eine wilde Rockabilly Lady von einer Ecke in die andere und hat sich gar nicht mehr eingekriegt. Aber mit einem Fußwippen ist es eben auch nicht getan. Ein Konzert der Kanadier ist noch echte Arbeit für die Band ebenso wie für das Publikum. Erschöpft, durchgeschwitzt und mit glücklichen Gesichtern, einige mit signierten Schallplatten unterm Arm, schlenderte nach dem Konzert jeder wieder seinen Weg. Doch das Nachklingen des Banjos im Kopf begleitete wohl viele noch mindestens bis nach Hause. Und auch wenn mein „Pferd“ nur ein altes Klapprad war, so fühlt sich der Ritt durch die laue Leipziger Sommernacht nach diesem tollen Konzerterlebnis doch ein bisschen an, wie ein wilder Ritt durch die kanadische Wildnis. Jihaw! 

 

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Vor zwei Jahren war die kanadische Band bei uns im Studio zu besucht. Das Interview können Sie hier nachhören. Außerdem waren sie 2016 in der Sendung Inas Nacht zu Besuch und haben mit der Gastgeberin Ina Müller ordentlich abgejamt.