euro-scene 2018

Requiem pour L.: Eine Totenmesse

Zwischen dunklen Klötzen wird eine Frau in den Tod gesungen. Die 28. euro-scene wurde mit dem szenischenTheaterstück "Requiem pour L." eröffnet und ließ das Publikum an einer musikalischen Totenmesse teilnehmen.
Szene aus "Requiem pour L."
Mozarts "Requiem" erstrahlt musikalisch und tänzerisch in neuem Glanz

Auf einer großen Leinwand ist L. zu sehen. Eine Frau, aufgebahrt auf einem Sessel. Ihre Augen fallen immer wieder zu, die Muskeln lockern sich, der Kopf fällt langsam zur Seite. Schlaf und Erwachen wechseln sich ab. L. liegt im Sterben. In Zeitlupe verfolgt das Publikum über 100 Minuten hinweg ihre letzten Atemzüge. Eine filmische Todesdokumentation also, die jedoch nur im Hintergrund abläuft. Davor befinden sich überall dunkle Klötze auf der Bühne. Ein Bild, das sofort an das Berliner Holocaust Mahnmal erinnert. Eine Gruppe Musikerinnen und Musiker betritt die Bühne. Man streichelt die Klötze, legt Steine darauf ab, wie es bei jüdischen Begräbnisritualen üblich ist. Dann beginnt die Totenfeier.

Den Beitrag zum Nachhören findet ihr hier:

Gespräch von Peggy Fischer und Janick Nolting

Moderatorin: Peggy Fischer

Rezension zu Requiem pour L

Oper? Konzert? Ritual?

"Bühnen-Klang-Welten" lautet das Motto der 28. euro-scene und bereits Requiem pour L . präsentiert eine sehr interessante Form des musikalischen Theaters. Im Zentrum steht Wolfgang Amadeus Mozarts Requiem, seine letzte unvollendete Komposition. Der Komponist Fabrizio Cassol und der Regisseur Alain Platel, der bereits zum 10. Mal beim Leipziger Tanz- und Theaterfestival vertreten ist, haben das Requiem in die Gegenwart geholt. Mit Musikern aus dem Kongo, aus Brasilien, Südafrika und Europa werden die lateinischen Texte mit modernen Klangteppichen und traditionell afrikanischen Rhythmen unterlegt. Die Texte werden dabei zum Teil in afrikanischen Sprachen wie Kilari oder Lingala gesungen.

Musikalisch holen die beiden Künstler hinter diesem Abend alles aus ihrem Ensemble heraus. Gesanglich und tänzerisch gibt es wenig zu beanstanden an dieser Totenfeier, bei der die Gäste irgendwann über die Klötze auf der Bühne springen, während die Musik zunehmend wilder und mitreißender wird. Es ist zugleich ein Stück, das sich schwer in eine Schublade pressen lässt. Ist es Oper? Ist es ein Konzert? Ist es einfach ein Ritual? Requiem pour L. bleibt gekonnt in der Schwebe.

Ein Abend der Gegensätze

Lateinische Texte treffen auf moderne Rhythmen. Der Tod trifft auf das Leben. Trauer trifft auf eine rauschende Feier. Die tanzenden Körper geraten zuckend in Ekstase. Requiem pour L. lässt auf spannende Art und Weise verschiedene Todeskulturen aufeinanderprallen und inszeniert einen Abend der Liminalität. In einem kurzen Schwellenzustand zwischen Diesseits und Jenseits, Leben und Tod findet dieses Musikspektakel statt. Ein Zustand, den es bei der 28. euro-scene noch mehrfach zu erleben gab. So ist der ältere Herr im Puppenspiel Böhm zwischen Gegenwart und Vergangenheit, seiner Identität und der seines Idols gefangen. Die Tänzer in Állomás sitzen in einer düsteren Zwischenwelt fest und in der Nacktperformance Deveta wird schließlich das Konzept Mensch zwischen Humanismus und Tierischem verwischt und aufgelöst.

So gänzlich mag Requiem pour L. nicht begeistern, denn dafür sind die 100 Minuten zu lang geraten, die Szenenabfolgen zu repetitiv. Echte Höhepunkte gibt es im Laufe des Abends immer seltener, weshalb sich die Inszenierung auf Dauer etwas abnutzt. Ein faszinierend ambivalent angelegtes, würdiges Eröffnungsstück für Leipzigs Theaterevent ist das dennoch.

 

 

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Choreografie, Inszenierung, Bühnenbild: Alain Platel

Musik: Fabrizio Cassol nach Wolfgang Amadeus Mozart, Requiem, d-Moll, KV 626

Musikalische Leitung: Rodriguez Vangama

Les ballets C de la B , Gent