Südfriedhof

Requiem der Stille

Auf dem Leipziger Südfriedhof ergänzen geheimnisvolle Alleen, kunstvolle Grabmäler und Skulpturen einander zu einer Anlage, die weit mehr ist als ein Friedhof. Besonders im Herbst entfaltet der Ort seine Atmosphäre. Ein Streifzug.
Engelsfigur auf dem Leipziger Südfriedhof

Auf einem Friedhof willst du spazieren gehen? Das ist doch viel zu deprimierend, oder? Solche und andere Bedenken hatte eine Freundin, als ich ihr vor ein paar Monaten vom Südfriedhof erzählte. Und im ersten Moment erscheint die Idee auch etwas absurd. Zumal wir uns beide nicht zur Gothik-Szene zählen würden. Aber mir ging es auch nicht darum, mit halb geschlossenen Lidern an einem Grabstein zu lehnen und die satanische Bibel zu lesen. Oder was dieses halb gestaltlose Klischee sonst noch für Aktivitäten vorsehen mag. Ein Besucher des Südfriedhofs dürfte dort ohnehin selten auf aktive Romantisierer des Todes treffen. Eben diese Romantisierung nimmt die Anlage mit ihren verschlungenen Wegen und halb verborgenen Grabstätten von allein vor.

Schmerzfreie Melancholie

Sich verlieren, die Zeit vergessen. Vielleicht kommen längst nicht alle Besucher mit dieser Absicht auf den Friedhof, aber es geschieht unwillkürlich. Fünf geradlinige Wege strecken sich sternförmig auf dem Gelände aus, mit dem Krematorium als Mittelpunkt. Aber abseits der Hauptwege tut sich ein Netz aus sanft geschwungenen Alleen und Pfaden auf. Mächtige Bäume erwecken den Eindruck, in einer Kathedrale zu wandeln, deren Dächer aus Laub bestehen und dennoch die Außenwelt davon abhalten, auf dem Friedhof Gestalt anzunehmen. Zahlreiche Plastiken und Reliefs, viele davon mit Engelsmotiven, fügen sich verwittert in die Komposition aus Natur und Kunst ein. Es kann passieren, dass der Besucher einen Augenblick lang nicht auf seine Füße achtet und vor einer Grabstätte in Form eines kleinen Steinpavillons steht. Es reicht, dort eine kleine Weile zu sitzen, und Dankbarkeit für die Existenz von Nadelbäumen und Windböen stellt sich ein. Alle Magie beginnt in der Stille.

Pavillongrabstätte

Natürlich ist die Melancholie auf dem Südfriedhof allgegenwärtig, aber anstatt zu deprimieren, löst sie eine eigenartige Ruhe der Seele aus. Die Trauer der zahlreichen Engels- und Frauenfiguren, die mit anmutig gebeugtem Hals an Grabstätten knien, ist in Stein festgehalten, unabänderlich, so als würde sie für immer zelebriert werden. Gerade jetzt, im Herbst, herrscht auf dem Südfriedhof eine besondere Atmosphäre. In den Alleen rieseln die ersten Blätter, das Knallen der herabfallenden Kastanien durchbricht ab und an die Stille. Ein Ort, an dem die stetige Erneuerung der Natur mit der Vergänglichkeit des menschlichen Daseins einhergeht. Diese Unerschütterlichkeit, die all die Geschichten von Verlorenen und Vermissten einhüllt, erzeugt den Trost. Keiner von uns wird ewig hier sein, aber das ist in Ordnung, denn da ist die Ahnung von der Beständigkeit des Ganzen, dessen Teil wir sein können, bis zu einem Zeitpunkt, den niemand vorhersagen kann.

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Auf einem Schlachtfeld erbaut

Heute ist vom Südfriedhof aus manchmal das Völkerschlachtdenkmal zu sehen, welches sich ganz in der Nähe befindet und über den Friedhof zu wachen scheint. Als 1879 erste Pläne für den Südfriedhof entstanden, hatte noch niemand an ein so riesiges Denkmal gedacht. Die Absichten der Bauherren waren zunächst auch eher praktischer Natur, denn Leipzig platzte mit über 100 000 Einwohnern aus allen Nähten. Die Friedhöfe waren überfüllt, hygienische Regelungen verlangten, dass ein neuer Friedhof möglichst weit entfernt von der Stadt angelegt werden sollte. Da auf dem Gebiet im Südosten der Stadt auch die Bodenverhältnisse stimmten, war die Entscheidung schließlich gefallen. Am 1. Juni 1886 wurde der Südfriedhof feierlich eröffnet. Der Architekt Hugo Licht und Stadtgärtner Otto Wittenberg hatten nach umfangreicher Planung einen Kompromiss zwischen Funktionalität und Ästhetik gefunden. Der parkähnlichere Plan sollte der Anlage die bedrückende Stimmung nehmen, die man sonst von Friedhöfen gewohnt war. Dafür hatten Licht und Wittenberg in anderen deutschen Städten Anregungen gesammelt. Schließlich war ein Konzept entstanden, das die Abwechslung von regelmäßigen und unregelmäßigen Terrains vorsah. Eine weitere Neuheit war die extreme Vielfalt der Naturschönheiten auf dem Südfriedhof. Über 10 000 Rhododendronbüsche wurden gepflanzt, Silberahorn, Omorikafichten und Zierkirsche sind nur einige Beispiele für den gewaltigen Baumbestand. Zittert einmal ein Ast, sitzt darauf entweder ein aufgeregtes Eichhörnchen oder ein Exemplar aus 60 verschiedenen Vogelarten, die auf dem Südfriedhof ein Zuhause gefunden haben.

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Das Zentrum des Südfriedhofs bildet der Kapellenkomplex Trauer- und Leichenhalle. Nachdem ab Mai 1906 die Feuerbestattung in Sachsen erlaubt wurde, kam auch noch ein Krematorium hinzu. Seine Schornsteine sind in den Glockenturm des Gebäudes eingepasst, sodass sie kaum auffallen. Die Feuerbestattung war vor allem deshalb nötig, weil es 1890 bereits wieder zu Platzproblemen gekommen war.

Kapelle des Südfriedhofs

Berühmtheiten und Kunst

Die opulenten Grabmäler, die auf dem Südfriedhof zahlreich zu finden sind, laufen alle auf einen Wunsch zurück – nicht vergessen zu werden. Ob die Verstorbenen beabsichtigten, ihre Präsenz auf Erden durch eine auffällige Ruhestätte zu verlängern oder ob es auch ein kleiner Tribut an die Eitelkeit sein sollte, ist mal mehr, mal weniger bekannt. Die Familie Meißner etwa, Unternehmer für Farbdruck und Luxuspapier, wird durch ein Grabmal repräsentiert, das den Betrachter sehr schnell sprachlos macht. Eine große, würdevolle Engelsgestalt mit ausladenden Flügeln wird von zwei knienden Menschen flankiert, einem Mann und einer Frau. Sie sind Komponenten eines Tempels, der nach rechts und links in flachen Ausläufen endet. Der Bildhauer Fritz Klimsch erzeugte ein Bild von monumentaler Feierlichkeit, die Körperhaltungen der Figuren erschaffen eine Dreifaltigkeit der Trauer mit dem Engel als unerbittliche Spitze.

Grabstätte der Familie Meißner

Eine von vielen bemerkenswerten Persönlichkeiten, die auf dem Südfriedhof begraben sind, ist Lene Voigt. Die Dichterin wurde 1891 in Leipzig geboren und ist vor allem für ihre humorvollen Gedichte auf Sächsisch bekannt. Aber auch eine Vielzahl anderer Schriftsteller und Germanisten fand auf dem Südfriedhof die letzte Ruhe, dazu der Gründer des Zirkus Aeros, Musiker wie der Gewandhauskapellmeister Arthur Nikisch und der Thomaskantor Günther Ramin, Ärzte, Komiker und mehrere Leipziger Bürgermeister.

Eine weitere künstlerische Besonderheit ist das Grabmal eines Schokoladenfabrikanten. Aus einem einzigen Marmorblock gefertigt und von entrückender Schönheit ist das junge Paar, das in der Skulptur eng umschlungen dem Grab entschwebt. Der Moment ist eindrucksvoll festgehalten, so dass es scheint, als würden die umhüllenden Stoffe eben erst von den Körpern rutschen. Das Kunstwerk weckt Gedanken an Auferstehung, ohne den Tod zur Nebensächlichkeit zu verklären.

Das "Himmelfahrtspaar"

Tradition der Ästhetik

Den größten Friedhof gleichzeitig als einen der schönsten der Stadt zu bezeichnen ist eine Einschätzung, der es hoffentlich nie an Bestätigung fehlen wird. Mit dem Südfriedhof besitzt Leipzig ein Juwel an naturbelassener Ästhetik, das es zu bewahren gilt. So wie ein Mensch sprichwörtlich erst tot ist, wenn niemand mehr an ihn denkt, besteht die Schönheit nur so lange, wie sie wahrgenommen und geschätzt wird.

 

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Alexandra Huth
02.09.2014 - 16:54
  Kultur