CD der Woche

Reisen in Musik

Zwei Mal CD der Woche in einem Jahr? Felix Riebl, Sänger der australischen Band The Cat Empire, überzeugt auch auf seinem zweiten Solo-Album "Paper Doors" - eine Scheibe, die zwischen Hoteltüren und Torbussen aufgenommen wurde.
Felix
Überzeugt auch ohne seine Kumpanen von The Cat Empire: Felix Riebl

Sieben bis acht Stunden Schlaf braucht ein erwachsener Mensch. Das sei zumindest gesund. Nun ist wohl allseits bekannt, dass ein Musiker auf Tour nicht gerade das gesundeste aller Leben verbringt. Lange Fahrten, Soundchecks, Interviews, Alkohol, verschiedene Zeitzonen – viel Schlaf kommt dabei nicht rum. Wie Felix Riebl seine 365 Tage im Jahr übersteht, ist aber nochmal eine ganz andere Hausnummer: Ein Album mit den Dauer-Energie-Tieren von The Cat Empire hier, zweimonatige Kanada-Tour da – die australische Heimat sollte auch nicht außen vor gelassen werden. Europa, USA... Wann soll Felix Riebl die Zeit haben, sich um sein zweites Soloalbum zu kümmern? Die Antwort ist so simpel wie genial: unterwegs. „Paper Doors“ wurde über die letzten Jahre hinweg in einsamen Hotelzimmern, dreckigen Tourbussen und fernen Kurzurlauben geschrieben.

Still und heimlich

Der Titeltrack eröffnet sofort die tiefen Abgründe des Albums. Sich langsam steigernd, erweckt „Paper Doors“ Bilder von verlassenen Abflughallen um fünf Uhr morgens. Die Lyrics wiederholen „Night and day“ – die zwei Tageszeiten verfließen zu einer. Viel Piano sowie etwas pompöse Streicher und Bläser bieten die musikalische Intonation. Die Band, mit der Felix Riebl „Paper Doors“ eingespielt hat, zeigt eine hohe Instrumentenvielfalt auf. Mit der Anarchie von The Cat Empire hat das Ganze aber wenig zu tun. Die Musik ist mit wenigen Ausnahmen ruhiger, mysteriöser und Felix singt zurückhaltender und leiser. Zu drei Tracks der ersten Hälfte bekommt der Australier weibliche Unterstützung am Mikrofon – und die hat es in sich. „Wasting Time“ startet als Klavierballade, bis Felix in die tiefen Töne haut, Katy Steele einsteigt und den Song zur kraftvollen Hymne werden lässt. Der weibliche Gesang harmoniert besonders mit der leicht brüchigen Männerstimme. Das Liebeslied „In Your Arms“ reiht sich wunderbar ein. Die Australierin Martha Wrainwright singt die zweite Stimme und klingt dabei mindestens genauso sehnsüchtig wie Felix.

Die aufkommenden Assoziationen sind divers: eine kanadische Landstraße, umringt von nichts als Schnee bei „Wasting Time“ zum Beispiel. Einige Songs sind dabei sogar von realen Plätzen inspiriert. Das wilde und gefährliche „Crocodiles“ entstammt Felix’ Trip in den Inselstaat Osttimor. Dort, wo Krieg und Wildnis aufeinandertreffen und die Musikszene trotzdem beeindruckend ist. Der schleppende Sprechgesang mit tiefen Trommeln könnte direkt dem Dschungel entstammen. Es mündet in einen erlösenden Refrain, in dem Felix Riebl nur den englischen Namen von Osttimor, „Timor Leste“, singt. Nicht aus dem Regenwald-Dschungel, sondern aus den verflochtenen Straßen der Großstadt Kyoto entstammt das geniale „Snowflakes“. Mit minimalistischer Begleitung treiben Felix und Gastsängerin Emily Lubitz den stillen Hit des Albums voran. Düstere Percussion trifft auf eine hallende Gitarre und glitzernde Streicher und Klavierklänge. Mysteriös und großartig.

Die schönste Verbindung

“Unterwegs sein“ kann an die Substanz gehen und doch so schön sein. „Paper Doors“ ist der Soundtrack für die großen und die einsamen Momente. Ob „nach-dem-Abi-nach-Australien“-Backpacker oder Berufsmusiker: jeder Reisende kennt die Situationen, die dieses Album beschreibt. Die luftigen „Feeling-Good“-Zeiten in „Out Where You Are“, der Euphorie-Überschuss in „Shadows“, dem genialen Tanzflächen-füllenden Song von „Paper Doors“ – oder die besinnlichen Momente der abschließenden Songs „Ecstasy“ und Wager“. In zehn Songs lehrt Felix Riebl das, was er auf seiner Website als „Travelling in Music“, Reisen in Musik, bezeichnet: die schönste Verbindung zwischen Reisen und Musik. Wer das kennenlernt, der muss vielleicht auch gar nicht so viel schlafen, um gesund zu leben.

“There’s travelling for music, that’s the exploring, opening your ears to new sounds, rhythms, ideas. There’s travelling with music, that’s the touring, playing each night, the euphoria and the distances, making a living. Then there’s travelling in music, that’s when a song starts and the air changes, and all you can do is follow it, or be carried by it – that’s the best kind.”

 

Felix Riebl

 

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Felix Riebl: Paper Doors

Tracklist:

1. Paper Doors
2. Wasting Time*
3. Snowflakes*
4. In Your Arms
5. Out Where You Are
6. All I Can Say
7. Shadows*
8. Crocodiles*
9. Ecstasy
10. Wager

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 02.09.2016
My Shore Productions

Felix Riebl im Web 2.0:

Auf seinem YouTube-Kanal hat Felix Riebl eine akustische Studiosession des Duetts "In Your Arms" hochgeladen.

Außerdem gibt es das zappelige und etwas stroboskopische Video von "Shadows".

Eindrücke aus den Reisen nach Osttimor zeigt Felix Riebl im Clip zu "Crocodiles".