Reeperbahn Festival 2019: Entdeckungen

Reeperbahn ist nur einmal im Jahr

Zum 14. Mal wurde die Hamburger Reeperbahn zum Sammelbecken von Musikerinnen und Musikern aus der ganzen Welt. Unsere Musikredaktion stellt hier die vielversprechendsten Newcomer vor.
Squid, Reeperbahnfestival
Squid beim Reeperbahnfestival 2019

Jedes Jahr im September verwandelt sich die sagenumwobene Reeperbahn in der Hamburger Innenstadt zum Schauplatz von Europas größtem Club-Festival. Dabei geht es vor allem um eins: gesehen werden! Bands und Solo-Acts aus allen Ecken der Welt stellen sich vor und decken fast alles ab, was die Musikwelt zu bieten hat. Hier sind unsere Neuentdeckungen:

Jealous  

Jealous ist ein Kind Berlins – und das obwohl zwei der drei Bandmitglieder aus Israel und die dritte im Bunde aus Frankreich kommen. Sind sie auch gerade noch Geheimtipp der Hauptstadt, machen sich die Musikerinnen doch gerade einen Namen in der Post-Punk-Szene. Dazu hat bestimmt auch ihr Support von Gurr im Frühjahr beigetragen: dort konnte man schon in den Genuss von Jealous mitreißender Live-Performance kommen und als Souvenir Unterwäsche mit „Jealous“-Aufdruck mit nach Hause nehmen.   

Jealous
 

Anhören: „Gravity“ / „Thunder“

Yak

Wuchtigen, puren Gitarrensound versprechen Yak. Das Trio gründete sich 2014 in Wolverhampton und liefert seitdem grundsoliden Rock. Bei ihrem Auftritt im Hamburger Molotow sorgten sie für wehende Haare, schwitzige Moshpits und eine beachtenswerte Raumtemperatur. Damit ist eigentlich auch schon alles gesagt: Yak sind keine Band, über die man sich den Mund fusselig reden muss. Lautstärke hoch und ab geht's. 

YAK
 

Anhören: „Harbour The Feeling“ / „Semi-Automatic“ 

Lingua Nada 

Manchmal muss man bis nach Hamburg fahren, um eine Leipziger Band zu sehen. So richtig beschreiben, was die Jungs auf der Bühne und auf ihren zwei Alben machen, kann man nicht. Irgendwas zwischen Noise, Pop und Punk. Irgendwo zwischen Ariel Pink und den Leoniden – Hauptsache laut, mit viel Elektronik und bis der Strom ausfällt.

 

Anhören: „Dweeb Weed“ / „Cyanide Soda“ 
Bald live: 30.11. Leipzig – Neues Schauspiel

I am Not A Blonde 

Hinter diesem Namen verbergen sich die Italienerinnen Chiara Castello und Camilla Matley. Ihre Elektro-Art-Pop Songs sind leicht schräg und bouncy und es macht Spaß den beiden zuzuschauen. In ihren Texten geht es allerdings weniger locker zu, denn ihre Songs erzählen Geschichten von schmerzvollen Erfahrungen, wie dem Älterwerden oder der Liebe zu einem Superhelden.

Anhören: „Too Old“ / „A Reason“

Say Sue Me 

Die meisten werden bei Surf-Rock an Küsten in Kalifornien oder Australien denken. Dass aber auch das koreanische Busan die perfekte Inspiration für atmosphärischen Indie-Rock sein kann, beweisen Say Sue Me. Die Texte der Band sind auf koreanisch oder englisch geschrieben, bei letzteren verleiht der Akzent der Sängerin dem ganzen einen interessanten Twist. Mit der Kombination aus zurückhaltendem Gesang und gewohnter Indie-Rock-Instrumentierung erspielt sich die Band Preise bei den Korean Music Awards (Best Modern Rock Album 2019 und Best Modern Rock Song 2019), wird aber nach und nach auch über die Grenzen Koreas hinaus bekannter. 

Say Sue Me
 

Anhören: „But I Like You“ / „Old Town“

Sparkling 

Mit „I Want To See Everything” hat die Band vor Kurzem ihr Debütalbum geliefert- und gleich für eine Überraschung gesorgt. Denn die Musiker haben den typischen Indie-Sound, der noch auf der EP „This Is Not The Paradise They Told Us We Would Live In“ zu hören war, um Pitched Vocals, Synthies und Loops erweitert. Die wohl auffälligste Änderung ist jedoch der Gesang: die Band wechselt innerhalb von Songs zwischen deutsch und englisch, im Titeltrack schleicht sich sogar noch ein wenig französisch ein. Mit all diesen Neuerungen verleihen sie der Platte eine interessante Dynamik, die hoffentlich zum Markenzeichen der Band werden wird. 

Sparkling
 

Anhören: „The Same Again“„Champagne“

Sylvie Kreusch 

Als weibliche Stimme in Balthazar-Sänger Maarten Devolderes Solo-Projekt Warhaus hat sich die Belgierin Sylvie Kreusch schon in die Herzen einiger Art-Pop Fans gesungen. Auch solo fasziniert sie mit ihrem manchmal indianisch anmutenden Neo-Soul. Der erinnert manchmal wegen ihrer hauchende Stimme an eine archaische Version von Lana Del Rey, ist aber tausendmal interessanter. 

 

Anhören: „Please To Devon“ / „Flaunt it, try it!“

Georgia

Mit acht Jahren war Georgia Barnes auf dem besten Weg Profifußballerin zu werden, jetzt kickt sie hauptberuflich die Drums: Die ehemalige Schlagzeugerin von Kate Tempest und Kwes machte sich 2015  mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum einen Namen. Mittlerweile findet man die Engländerin immer häufiger auf den Line-Ups internationaler Festivals. Mit ihrem tanzbar-getriebenen Electronic heizte Georgia auf dem Reeperbahnfestival gleich zweimal ein. Ihr zweites Album „Seeking Thrills“ soll am 10. Januar erscheinen. Durch ihre mitreißende Livepräsenz steigt die Freude darauf umso mehr!

 

Anhören: „Started Out“„Nothing Solutions“

Press Club 

Dass die Musikszene der australischen Großstadt Melbourne schon seit Jahrzehnten großartige Bands in die ganze Welt schickt, ist kein Geheimnis mehr. Seit knapp zwei Jahren gesellt sich eine weitere hinzu. Press Club machen wilden Garage-Punk, der immer wieder mit poppigen Indie-Melodien gekrönt wird. Die Australier sehen sich als Live-Band und man sollte unbedingt dabei sein, wenn Frontfrau Natalie Foster mit ihrer wuchtigen Stimme ins Publikum springt. 

Press Club
 

Anhören: „Behave“„Suburbia“

Olympia 

Im australischen Showcase stach neben der Power von Press Club noch ein weiterer Act besonders hervor: Mit ihrer starken Stimme und den gleitenden, seidigen Gitarrenläufen spielte sich Olympia in die Herzen der Zuschauer. Ihr Songwriting besticht durch ihr Auge fürs Detail, auf der Bühne punktete sich mit Witz und Charisma. Einige sehen in ihr (nicht unberechtigt) das Lovechild von Sharon Van Etten und Laura Marling, andere einen der schönsten Exporte Australiens der letzten Jahre.

Olympia
 

Anhören: „Shoot To Forget“„Hounds“

Squid 

Ihr Produzent attestiert ihnen einen niemals enden wollenden Ideenfluss, sie selbst erkennen in sich eher das Potenzial von „wütenden Kindern mit Flöten“: Ob man sie jetzt virtuos findet oder nicht, ihre Experimentierfreude und die sympathische Selbstironie sind Squid nicht abzusprechen. Das in Brighton gegründete Quintett verbindet das Beste von Punk und Rock, aber nie ohne dem ganzen einen entscheidenden Twist zu verleihen. So lässt sich dank Songs über Hauspflanzen, breiten Synthieteppichen und zarten Trompetenklängen immer eine kleine Überraschung finden.

Squid
 

Anhören„Houseplants“„The Cleaner“

Pizzagirl

Kaum jemand fühlt sich von Dauerwerbesendungen à la QVC unterhalten, geschweige denn inspiriert. Anders ist das aber bei Pizzagirl, der beschreibt seine Musik, nämlich selbst als eine Mischung aus „infomercial-esquen 80s“ und ironischen Pop der 90er. Diese interessante Kombi stellt er in seinem Schlafzimmer zusammen und hat bis vor kurzem auch seine Live-Auftritte allein bestritten. Doch das Reeperbahn Festival war die Feuertaufe für seine neu zusammengestellte Band- und die haben die drei mit Bravour bestanden. Mit merklicher Freude und ganz viel Humor hat Pizzagirl einen halbgefüllten Club zum Kochen gebracht.

 

Anhören: „dennis“ / „Coffee Shop“

Sports Team 

Spaß, Spaß, Spaß - das ist das Motto der Band aus England. Denn ihrer Meinung nach ist die Musikwelt viel zu ernst geworden und es gibt viel zu wenige Bands, die eine echte Show liefern. Sports Team kreieren verdammt einprägsame Melodien und Texte, irgendwo zwischen den Rollings Stones und Weezer. Ohne zu viel Ernsthaftigkeit, aber mit jeder Menge Bühnenpräsenz sind sie die Pointe der jungen britischen Indie-Welt.

Sports Team

Anhören: „M5“„Kutcher“

 

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Ariane Seidl, Theresa Graf, Marie Jainta
07.10.2019 - 23:16
  Kultur

Unsere liebsten Neuentdeckungen direkt aufs Ohr: