DOK 2019

Raus aus dem Kino

Zum sechsten Mal gab es auf dem diesjährigen DOK Leipzig eine sehr ungewöhnliche Spielstätte — die Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen. Die Veranstaltung "DOK im Knast" ist einer der wenigen Berührungspunkte zwischen “drinnen” und “draußen”.
DOK im Knast
Vor der JSA Regis-Breitingen

Studiogespräch über DOK im Knast zum Nachhören:

Studiogespräch zwischen Sophie Rauch und Frederike Moormann über DOK im Knast 2019
 

Nach einer gemütlichen Fahrt mit dem Bus ist die Reisegruppe aus DOK Besuchenden vor einem mit zweifachem Zaun und Stacheldraht abgeriegelten Gebäudekomplex angekommen: Der Jugendstrafvollzugsanstalt Regis-Breitingen. Nur Gruppen von zehn Leuten dürfen gleichzeitig die JSA betreten. Ausweise werden eingesammelt. Mit hineinnehmen darf man nichts außer seine Jacke. Vor und hinter den Besuchenden wird stets die Tür verriegelt. Dieser ganze Prozess dauert etwas mehr als eine Stunde. Dann sitzen die Besuchenden im Kinosaal. Heraus-, herum- und hereinbewegen darf man sich stets nur unter Aufsicht der Beamtinnen und Beamten. So überlagert die Erfahrung in einem Knast zu sein — für viele der Angereisten das erste Mal in ihrem Leben — die Filmerfahrung. 

 

In diesem Jahr haben sich die Gefangenen “Robolove” von Maria Arlamovsky ausgesucht. Der Film handelt von Robotern, die wie Menschen aussehen: Humanoiden. Es werden unterschiedliche Geschichten verfolgt. Ishiguro Hiroshi baut sein eigenes Roboter-Double. Ein anderer Entwickler erschafft sich seine verstorbene Frau. Eine Roboterfirma stellt Sexroboter her. Die portraitierten Menschen scheinen sich einsam zu fühlen und in den Robotern ein verlorenes, aber auch kontrollierbares Gegenüber zu suchen. Doch dabei überkommt den Zuschauenden unterschwellig auch die Angst vor der eigenen Nutzlosigkeit. "Robolove" spricht aus einer klassischen Haltung: Einer Skepsis gegenüber der Technologie und den fortschrittsgläubigen Technologen.

 

Dies alles — Gefühle von Nutzlosigkeit, Ersehnen einer unerfüllten Nähe, digitale Überwachung — wäre Stoff, der sich auf die emotionale Situation der Gefangenen beziehen ließe. Aber die Jury aus Gefangenen der JSA erklärt in ihrem Statement: Der Film wurde nicht wegen dem Bezug zur eigenen Situation, sondern weil er in unsere Zeit passe ausgewählt.

 

Vor und nach dem Film werden rege Diskussionen zwischen gefangenen und freien Besuchenden des DOK geführt. Die Besuchenden von “draußen” sind sichtlich bewegt von der klaustrophobischen Stimmung im Gefängnis. So wird ihnen die Realität im Knast wenn auch nur ein wenig näher gebracht. Und das bedeutet auch Respekt vor den Insassen: Die Gefangenen sind nicht zuerst eine Gefahr, sondern vor allem eine Jury.

 
 

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Frederike Moormann
06.11.2019 - 20:39
  Kultur