Filmrezension: Zwei Herren im Anzug

Quälgeister der Deutschen

Er zeichnet sich für Regie sowie Drehbuch verantwortlich und stemmt sogar eine Doppelrolle. Josef Bierbichler hat seinen Heimatroman "Mittelreich" verfilmt. Seine zweite Kinoarbeit ist eine radikale Studie über die Konsequenzen von Opportunismus.
Josef Bierbichler in "Zwei Herren..."
Mitläufer oder Faschist? Hitlerdarstellerin Meinrad (Catrin Striebeck) konfrontiert Pankraz (Josef Bierbichler).

Rahmenhandlung bildet ein lange aufgeschobenes Vater-Sohn-Gespräch im urbayrischen Gasthaus am Starnberger See im Jahr 1984. Der alte Seewirt Pankraz und sein entfremdeter Sohn Semi haben gerade die Ehefrau und Mutter beerdigt. Die Gäste der Trauerfeier haben sich bereits verabschiedet. Ein seltsam vertrauter Blick Semis bringt das Erinnerungskarussell des Vaters ordentlich in Schwung. Ausgehend von alten Familienfotos werden die Auswirkungen des turbulenten 20. Jhd. auf den bäuerlichen Pankraz-Clan geschildert. Zunächst in edlen Schwarz-Weiß-Bildern, später dann in Farbe. Rückblende zu Pankraz Kindheit während des 1. Weltkrieges. Das Familienoberhaupt redet über die finanzielle Notlage.

Infolge der diagnostizierten Geisteskrankheit des Kriegsheimkehrers und älteren Bruders muss der nun erwachsende Pankraz widerwillig das Familienerbe antreten. Heiratspläne während des Nationalsozialismus werden geschmiedet. Unterbrochen von Pankraz Kriegsdienst in Russland, von dem nur Erinnerungsbruchstücke an „weiße Landschaften, sonst nix“ bleiben. Nach der deutschen Kapitulation erlebt er die alliierte Besatzung und die Geburt seines Sohnes. Über die Kriegsflüchtlinge im Wirtshaus ist der frisch gebackene Vater weniger erzürnt als über die Erwähnung der jüngsten Vergangenheit.

Gedächtnislücke so groß und tief wie ein Eisloch

Ich muss mich erinnern.

Pankraz

Dieser prägnante Satz zieht sich wie ein roter Faden durch „Zwei Herren im Anzug“. Es geht um seelische Verletzungen, Vergangenheitsaufarbeitung und Verdrängung. Entweder, weil man zum Opfer oder zum Täter wurde.

Anders als in seinem Erfolgsroman „Mittelreich“ lässt Josef Bierbichler den Film aus der Perspektive zweier Protagonisten - Vater und Sohn - erzählen. Diese Verengung des Blickwinkels spiegelt sich auch in dem abweichenden Filmtitel wider. Obwohl sie bessere Cameo-Auftritte absolvieren, nehmen die vornehm gekleideten Herren eine Schlüsselrolle ein. Schmeißfliegenhaft wachen die Schreckgespenster über Pankraz schmerzvollen Erinnerungskampf. Ablassen tun sie erst, bis alle totgeschwiegenen Lebenslügen und Schuldgeständnisse aus dem Mund gepurzelt sind. 

Der Radiobeitrag zum Nachhören:

Der Radiobeitrag von Karen Müller
zwei herren im anzug BmE
Die titelgebenden, gut gekleideten Herren
 

Uneingeschränkte Aufmerksamkeit und Sitzfleisch muss man für diesen eigenwilligen Anti-Heimatfilm aufbringen. Anders als viele deutsche Kinoproduktionen fordert er die Sehgewohnheiten des Publikums heraus. Bierbichler will provozieren und macht keinerlei Kompromisse, wenn er das Theaterhafte seiner überbordenden Inszenierung betont. Deutlich wird das in der grellbunten Faschingsszene an einem stürmischen Nachkriegsabend. Umzingelt von feierwütigen Gästen unterhält ein weiblicher Hitler die Meute mit einer Striptease-Einlage.

Wenig später steht der von inneren Dämonen geplagte Hausherr draußen am Steg. Wagner-Arien und Erbflüche dem tobenden Sturm auf See entgegenschmetternd. So viel Theatralik und Wuchtigkeit - bisweilen ist das aber auch sehr plakativ. Neben der bajuwarischen Spielfreude von Bierbichler, Gedeck & Co begeistern die expressiven Tableaus von Kameramann Tom Fährmann. Die sind mal surreal, derb oder melancholisch. Gerade das Bild von einem Eisloch brennt sich tief ins Gedächtnis. Über sich selbst sagt das bayrische Urgestein, es wolle niemanden unterhalten. Und das tut Bierbichler mit seiner wagemutig-sperrigen Kinoarbeit „Zwei Herren im Anzug“ auch nicht. Das abgründige Generationen- und Deutschlandportrait stimmt nachdenklich und hält unbequeme Wahrheiten bereit. Nicht nur stille Wasser sind tief. Manch einer hat seine Leichen nicht im Keller, sondern auf dem übelriechenden Grund still ruhender See.

Das mephisto976-Interview mit der mitwirkenden Schauspielerin Martina Gedeck zum Nachhören:

Interview Zwei Herren im Anzug
 

 

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Zwei Herren im Anzug

Kinostart: 22.03.2018

FSK: 12

Laufzeit: 139 Minuten

Regie: Josef Bierbichler

Cast: Josef Bierbichler, Martina Gedeck, Simon Donatz, Irm Hermann und andere