Oper Leipzig

Prinzessin aus Eis und Feuer

Nach über 40 Jahren feierte am Samstagabend die Neuinszenierung von Giacomo Puccinis letzter Oper "Turandot" in der von Franco Alfano ergänzten Fassung ihre Premiere an der Leipziger Oper.
Calaf und Turandot
Calaf (Leonardo Caimi) und Turandot (Jennifer Wilson)

Eine schöne Prinzessin, die jedem Mann, der sie heiraten will, drei Rätsel aufgibt. Ein mutiger Prinz, der sich dieser Aufgabe stellt. Doch mit einem Kindermärchen hat Puccinis Spätwerk nicht viel zu tun, dazu ist es viel zu blutrünstig: Denn kann ein Heiratskandidat die Rätsel nicht lösen, so wird er geköpft. Um sich an allen Männern für die Vergewaltigung einer Ahnin zu rächen, entzieht sich Prinzessin Turandot auf diese Art jeglichen tiefer gehenden Gefühlen. Nur Prinz Calaf kann die geheimnisvollen Rätsel lösen und ihren Panzer aus Grausamkeit und Unnahbarkeit knacken. Mit einem leidenschaftlichen Kuss erlöst er die kaltherzige Prinzessin aus ihrer emotionalen Erstarrung, doch reicht das wirklich, um aus ihr eine liebende Frau zu machen?

Puccinis Vermächtnis

Während der Entstehungsphase der Oper steckte der Komponist in einer tiefen Schaffenskrise. Vor allem der Schluss des Stücks und die damit verbundene Problematik, Turandots Wandlung vom Eisklotz zur liebenden Frau sowohl dramaturgisch-psychologisch als auch musikalisch plausibel zu gestalten, bereitete ihm viel Kopfzerbrechen. Standen in seinen anderen Opern vor allem liebende, sich selbst opfernde Heldinnen im Zentrum, so verhält es sich bei Turandot ganz anders: Turandot ist ein sphinxhaftes, männermordendes Wesen aus einer sagenhaften Zeit, fernab von jeglicher Realität. Den Gegenpol dazu bildet die Sklavin Liu, die sich aus Liebe zu Calaf umbringt und ihm so zum "Sieg" verhilft. Bevor er die Oper vollenden konnte, starb Puccini und hinterließ lediglich ein paar Skizzen zum Finale, ohne jedoch eine befriedigende Lösung gefunden zu haben. Sein Schüler Franco Alfano bastelte daraus ein Happy-End, das jedoch nur wenig zufriedenstellt. Insofern ist es nur konsequent, dass Regisseur Balász Kovalik diesem Ende ein Fragezeichen versetzt und Calaf, nachdem Turandot ihm gegenüber endlich Gefühle gezeigt hat, in der Masse verschwinden lässt. Dass er den Eispanzer der Prinzessin zum Schmelzen gebracht hat, ist ihm Lohn genug: „Mein Ruhm ist deine Umarmung!“.

Lius Selbstmord
Calaf und Liu
 

Ein Volk im Blutrausch

Regisseur Balász Kovalik inszeniert das Stück nicht als kitschig-üppige Chinashow, sondern versetzt es aus dem märchenhaften, alten China in eine futuristische, düstere Diktatur, bestehend aus Aufsehern, die das Volk mit Waffengewalt in Schach halten. Maschinenmenschen gleich, marschiert die Menge zu Beginn im Takt der Gongschläge, wer aus der Reihe tanzt, wird bestraft. Anonymisierung und Gleichmacherei beherrschen die Szene. Entsprechend trägt das Volk schwarze, einheitliche Kapuzenoveralls und Sonnenbrillen. Die Aufseher stattet Kostümbildner Sebastian Ellrich mit Science-Fiction-haften Uniformen aus. Der eigenen Individualität beraubt, giert das Volk – hin und her gerissen zwischen Furcht und Faszination – sensationslüstern nach der nächsten Hinrichtung. Kovalik zeichnet das Bild einer verstörenden, archaisch geprägten Massengesellschaft von Morgen, die in blutrünstig aufgeheizter Stimmung auch rücksichtslos Jagd auf die eigenen Leute macht. Heike Scheeles steril wirkendes, schwarz-weiß gehaltenes Bühnenbild besteht hauptsächlich aus einer wabenförmigen Fassade, durch deren Fenster dem Beobachter nichts verborgen bleibt. Eine gigantische, goldene Statue des ruhmreichen Kaisers im Hintergrund verstärkt die monumentale Atmosphäre des Stücks und wird auf Befehl von der Menge hymnisch besungen. Die einzige Reminiszenz an das alte China gibt es zu Beginn des zweiten Akts, wenn die drei Minister ein chinesisches Dampfbad besuchen und mithilfe traditioneller Massage und Opiumpfeife dem grausamen Alltag zu entfliehen versuchen.

 

Nico van Capelle im Gespräch mit Eva Hauk zur Premiere von Puccinis "Turandot"
 

An der Grenze zur Moderne

In Turandot erweiterte Puccini seine Klangpalette um härtere, grellere Farben und exotische Elemente. Dissonanzen, Pentatonik und häufige Taktwechsel klingen verstärkt durch. Die leidenschaftliche Melodik Puccinis bleibt jedoch erhalten, was dem Stück seinen ganz speziellen Reiz verleiht. Aufgrund des riesigen Orchesterapparats ist die Gefahr groß, die Sänger in einem lautstarken Klangbad zu ertränken. Dirigent Matthias Foremny umgeht diese Gefahr und entfaltet dennoch ein expressives, bombastisches Klangspektakel, ohne es dabei an Gefühl für die lyrischen Passagen fehlen zu lassen. Zwar hapert es mitunter an der Abstimmung der Tempi zwischen Bühne und Graben, doch das tut der musikalischen Umsetzung keinen allzu großen Abbruch.

Für die Titelrolle bedarf es einer der raren, wirklich hochdramatischen Sopranistinnen mit einer metallischen, durchschlagskräftigen Stimmhöhe, um die Klippen dieser exponierten Partie zu meistern. Jennifer Wilson erfüllt diese Voraussetzungen bestens, ihre höhensichere Stimme ist frei von unschönen Tremoli, hat den nötigen "Peng“ und trägt mühelos über das üppige Orchester samt Chor. Zwar versucht sie, der eisumgürteten Prinzessin etwas mehr menschliche Tiefe zu verleihen und einen Blick hinter ihre kaltherzige Fassade zu gestatten, doch ihre Darstellung bleibt insgesamt zu oberflächlich. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass die Rolle an sich wenig Ansatzpunkte für eine tiefenpsychologische Charakterisierung bietet. Leonardo Caimi als Calaf erfreut Auge und Ohr mit herrlich schmelzendem, kraftvollem Tenor, ohne bei heiklen Stellen zu schreien oder tenorale Kraftprotzerei zu betreiben. Ein weiterer Ohrenschmaus dieser großartigen Besetzung ist Olena Tokar als Liu. Sie berührt mit einem wundervoll leuchtende, lyrischen Sopran und fein gesponnenem Pianissimo. So und nicht anders muss die Verkörperung von Puccinis letzter, sich aufopfernden Heldin klingen! Calafs Vater Timur ist alles andere als ein Tattergreis: Randall Jakobsh singt ihn mit kräftig-zupackendem Bass. Der Kaiser Altoum von Martin Petzold ist noch kein abgesungener Charaktertenor, die drei Minister Ping (Jonathan Michie), Pang (Keith Bold) und Pong (Sergei Pisarev) singen exakt und kommen ohne Clownereien aus. Großartig auch die Leistung des Chores (Einstudierung: Alessandro Zuppardo), der diesmal durch Kinder- und Extrachor verstärkt wurde und so klanglich aus dem Vollem schöpfen konnte.

Am Schluss gab es viel Applaus und Bravo-Rufe für alle. Fazit: Mit einer großartigen Besetzung in Top-Form und einem modernen, überzeugenden Regiekonzept ist der Oper Leipzig mit dieser Premiere ein vielversprechender Start in die neue Spielzeit gelungen.

Calaf und Turandot
Calaf (Leonardo Caimi) und Turandot (Jennifer Wilson)

 

 

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Weitere Aufführungen:
05. November 2016 / 27. November 2016 / 23. Dezember 2016 / 14. Januar 2017 / 19. März 2017 / 16. April 2017

Trailer zu Turandot
https://www.youtube.com/watch?v=hNJs_V3GSTY