Theater

Postapokalypse mit Alpenpanorama

Vier Freunde machen Urlaub auf einer Hütte. Dann bricht der dritte Weltkrieg aus. Um dieses Szenario dreht sich der Roman "Eigentlich müssten wir tanzen" von Heinz Helle. Das Schauspiel Leipzig hat den Text auf die Bühne gebracht.
Die Turnhalle weckt Erinnerungen an Zeiten des Friedens. Im Bild: Timo Fakhravar, Heiner Kock, Thomas Braungardt.
Die Turnhalle weckt Erinnerungen an Zeiten des Friedens. Im Bild: Timo Fakhravar, Heiner Kock, Thomas Braungardt.

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Maximilian Enderling über die Premiere von "Eigentlich müssten wir tanzen"
Maximilian Enderling über die Premiere von "Eigentlich müssten wir tanzen"

Wenn die Sonne dann da ist, werde ich die kühle, frische Luft einsaugen und sagen: Sonne. Dann werde ich lächeln. Ich werde das jeden Morgen tun. Und nach ein paar Jahren schon wird man von außen nicht mehr feststellen können, ob die Sonne das Wort erzeugt, oder das Wort die Sonne.

Heinz Helle, "Eigentlich müssten wir Tanzen"

Mit diesen Worten endet die nüchtern geschriebene und dabei doch wortgewaltige Romanvorlage und ebenso gewaltig kommt auch die Inszenierung von Regisseur Daniel Foerster daher. Sie orientiert sich nah am Text und das ist ihre größte Stärke, aber bei Weitem nicht ihre einzige.

Starke Atmosphäre

Schon beim Betreten der Diskothek wird man in die postapokalyptische Stimmung des Stücks gezogen. Das von Mariam Haas und Lydia Huller gestaltete Setting ist eine Turnhalle, wie man sie aus Schulzeiten kenntmit Ausnahme der im Raum aufgestellten Feldbetten. Wir sehen vier gepeinigte Männer nach Ende des Dritten Weltkrieges. Sie nehmen die Zuschauer mit in einen Strudel aus Eindrücken und Erinnerungen an Friedenszeiten. Immer findet sich dabei auch die eigentlich unerwartete Verbindung zwischen beiden Zeitebenen.

[...] und wir sehen weiter aneinander vorbei und freuen uns über die abnehmende Kälte und das zunehmende Licht, und wir stehen ganz dicht beieinander, beinahe wie früher, in der U-Bahn, im Feierabendverkehr.

Heinz Helle, "Eigentlich müssten wir Tanzen"

Bittersüßer Nachgeschmack

Besonders pervers ist eine Szene, in welcher live Rührei gebraten wird, nachdem man zuvor doch so viel über grausamen Hunger gehört hat. Dieser penetrante Geruch nach Essen hält sich bis zum Ende in der Luft. Selten wurden der Geruchsinn im Theater so effektiv angesprochen, wie bei Foersters Inszenierung. „Eigentlich müssten wir Tanzen“ ist aufgeladen mit Fragen zur menschlichen Natur und mit einer wunderbar-grauenvollen Sprache.

Die Scherbe bohrt sich durch seine Haut, seine Lendenmuskulatur, seine Nieren, und so wie der schreit, läuft wahrscheinlich etwas von dem in seinen Nieren gefilterten Gift direkt in irgendeinen Nervenstrang, er stolpert nach vorne, er brüllt, fällt, liegt, zuckt.

Heinz Helle, "Eigentlich müssten wir Tanzen"

Was es mit dem Titel auf sich hat, versucht die Inszenierung auf eindrücklichste Art und Weise zu erklären – aber diesen Eindruck sollte man nicht vorwegnehmen!

 

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Maximilian Enderling
24.01.2018 - 15:34
  Kultur

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Diskothek
 
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Suhrkamp Verlag
D: 10,00€