Stadtratswahl 2019

Porträt: Ute E. Gabelmann, Piratenpartei

Sie ist die einzige Piratin unter 70 Abgeordneten: Ute Elisabeth Gabelmann sitzt seit 2014 im Leipziger Stadtrat. Am 26. Mai tritt sie erneut im Wahlkreis Zentrum an – und fordert im Gespräch ein Ende des Clubsterbens in Leipzig.
Ute Elisabeth Gabelmann
Ute Elisabeth Gabelmann

Das Porträt zum Nachhören:

Ein Beitrag von mephisto 97.6-Redakteur Justin Andreae
Porträt Ute Elisabeth Gabelmann

Eine Brache inmitten von Schuttbergen: Ute Elisabeth Gabelmann hat sich für unser Interview einen ungewöhnlichen Ort ausgesucht. Auf dem Freiladebahnhof nördlich vom Hauptbahnhof waren zwei bekannte Clubs beheimatet: Der „TV-Club“ – Leipzigs ältester Studierendenclub – und das „So&So“. Doch diese müssen Anfang des Jahres schließen – ein neues Stadtviertel soll hier entstehen.

Clubs als Kanarienvogel

Ute Elisabeth Gabelmann beschäftigt sich seit Jahren mit der Entwicklung der Leipziger Clubszene. Für sie ist das derzeitige Clubsterben Symbol eines breiteren Trends:

Die Clubs und Szeneviertel sind der Kanarienvogel in der Stadtentwicklung. Das ist immer ein Zeichen für: Es gibt Freiraum, jemand hat Ideen und setzt die um. Da ist dann der Punkt erreicht, wo andere wiederum sagen: Das ist ja ein Szeneviertel, da habe ich abends noch Kultur. Dieselben Leute fangen dann nach einem halben Jahr an, die Leute rauszuklagen. Diese Prozesse muss man frühestmöglich aufhalten.

Ute Elisabeth Gabelmann, Piratenpartei

Stadtentwicklung – das ist für Gabelmann der Kern ihrer politischen Arbeit. Sie tritt für die Piratenpartei im Wahlkreis 0 an: Der Stadtmitte. Laut Gabelmann wurden hier seit der letzten Stadtratswahl 2014 besonders viele Menschen verdrängt. Noch sei es möglich, Leipzig in eine andere Richtung zu lenken als etwa München oder Hamburg. Doch die Freiräume seien auch hier enger geworden.

Wie kann man die letzten Freiräume erhalten, wie Verdrängung wirksam bekämpfen? Instrumente gibt es einige: Mietpreisbremse und Milieuschutzsatzung zum Beispiel. Gabelmann ist trotzdem skeptisch:

Städte haben da ganz wenige Eingriffsmöglichkeiten, leider. Denn das meiste an Baupolitik entsteht natürlich auf Bundesebene. Aber es gibt nicht null Möglichkeiten. Die, die wir haben, müssen wir nutzen. Und zwar so, dass es a) gerichtsfest ist, aber b) vor allem auch kreativ.

Ute Elisabeth Gabelmann, Piratenpartei

Von der Studentin zur Stadträtin

Dass Leipzig boomt, liegt vor allem an den vielen Zugezogenen. Auch Gabelmann selbst ist keine Ur-Leipzigerin: Anfang der 2000er kommt sie zum Studium der Anglistik und Journalistik nach Leipzig. An ihre ersten Eindrücke der Stadt erinnert sie sich noch gut:

Ich kann mich noch erinnern, zum ersten Mal als man die Uni betrat, konnte man drin noch rauchen und ich dachte so: Lieber Gott, ich möchte wieder weg. Aber dann hat man mit dem Institut eine Kneipenrallye gemacht und gedacht: Ist ja doch gar nicht so schlecht!

Ute Elisabeth Gabelmann, Piratenpartei

In diese Zeit fallen auch Bürgerrechtsdebatten um Volkszählung und Netzsperren. Diese beschäftigen Gabelmann: Sie tritt den Piraten bei und engagiert sich gegen Vorratsdatenspeicherung. 2014 gelingt ihr dann ein Coup: Sie zieht als einzige Piratin in den Leipziger Stadtrat ein. 2017 macht sie erneut Schlagzeilen: ausgerechnet mit Stadträten der Linkspartei und der FDP gründet sie eine neue Fraktion: Die Freibeuter. Die Zusammenarbeit klappe überraschend gut, sagt Gabelmann:

Was uns auf jeden Fall verbindet, sind so Geschichten wie die individuelle Freiheit, die ja doch bedroht ist. Da denke ich zum Beispiel an einen Vorstoß, Senioren zu besuchen, ob noch alles in Ordnung ist. Und beim schlichten Denken daran kriege ich da schon Gänsehaut, weil ich das gruselig finde, so ins Privatleben einzugreifen.

Ute Elisabeth Gabelmann, Piratenpartei

Techno-Clubs im Ratskeller?

Doch was konnte Gabelmann politisch in den vergangenen 5 Jahren erreichen? Nicht viel – das gibt sie unumwunden zu. Als einzige Vertreterin der Piraten unter 70 Abgeordneten ist es ihre Rolle, die Regierenden wo möglich zu ärgern. So auch mit einem ihrer jüngsten Anträge: Der Stadtrat möge prüfen, ob verdrängte Clubs nicht in den Kellergewölben des Rathauses untergebracht werden können. Was wie Satire klingt, ist Gabelmann ein echtes Anliegen:

Warum kann Politik nicht Spaß machen und trotzdem ernst gemeint sein? Wenn man etwas an einem plakativen Beispiel deutlich macht, heißt das ja nicht, dass das Ansinnen dahinter nicht ernst ist. Wenn wir alle Clubs wegrationalisieren, muss man sich überlegen: Wollen wir die Leute wirklich nach Paunsdorf zum Tanzen rausschicken oder nicht lieber die Clubs in die Katakomben verlegen? Schalldicht sind die ja!

Ute Elisabeth Gabelmann, Piratenpartei

Nach unserem Gespräch fährt Gabelmann sofort zum nächsten Termin – ein Bürgerverein bittet zum Gespräch. Nach Feierabend wird Ute Elisabeth Gabelmann heute in keinem Club mehr feiern gehen. Neben Wahlkampf, Stadtrat und Beruf bleibt ihr derzeit nur für eines Zeit: Schlafen.


 

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