Cinemascope

Porträt einer russischen Gesellschaft

Russland ein Land im Umbruch? Im 20. Jahrhundert erlebte das riesige Land einige Veränderungen. In der Dokumentation „Patriotinnen“ begleitet die Regisseurin russische Frauen, die über die Entwicklung ihres Land berichten.
Linse
"Patriotinnen" ist der neue Film von Irina Roerig

„Ich hasse mein Jahrhundert, weil es ein Jahrhundert der organisierten Massen ist“ schrieb die Autorin Marina Zwetajewa 1934. Sie lebte in einer Epoche, in der sie nicht gehört werden konnte. In ihrem Heimatland wurde sie als Staatsfeind angesehen und im Ausland wurde sie nicht verstanden. Heute gehört sie zu den größten Dichterinnen ihres verhassten Jahrhunderts. In der Dokumentation „Patriotinnen“ lädt Irina Rörig zu einer Zeitreise der literarischen, spirituellen und musikalischen Frauenwelt Russlands im 20. Jahrhundert ein.

Dabei trifft sie auf diverse Charaktere: eine Sängerin, die in die russische Literatur vernarrt ist, eine Mutter, die an der Sowjetunion festhält, eine kosmopolitische Schriftstellerin, eine gläubige Babushka und eine spirituelle Instrumentebauerin.

Diese Frauen berichten über die persönlichen Eindrücke ihrer Umwelt. Dabei begleitet der Film die Sängerin Elena Frolowa. Sie erzählt über ihre Heimat, die Liebe zur russischen Lyrik, den Inhalt ihrer Musik, über die Probleme ihres Landes. Immer wieder kommt es zum Austausch mit anderen Frauen.

Mein wichtigster Reiseführer, mein dantescher Virgil war und bleibt Zwetajewa. Zwetajewa führt mich seit ich 15 bin, Zwetajewa ist wie ein Code. 

Film-Zitat aus "Patriotinnen"

Bei einer Konzertreise nach Paris kommt es zu einer metaphysischen Begegnung zwischen Elena Frolowa und der Schriftstellerin Zwetajewa. Dadurch werden auch die Wahrnehmungen der verstorbenen Künstlerin beschrieben. Dabei gewährt die Dokumentation  einen Einblick in die literarischen Runden des „Silbernen Zeitalters“ Russlands und in das Schicksal dieser aristokratischen Dichterin. 

 

Farbe: Indikator einer Zeit

In dem Film „Patriotinnen“ erschafft die Regisseurin Irina Rörig eine Kollage verschiedener Portraits aus der weiblichen russischen Gesellschaft. In den vermischten Lebensberichten erwartet sie große Aufmerksamkeit. Denn nur mit Aufmerksamkeit des Auges und der Ohren unterscheidet das Publikum zwischen den verschiedenen Zeitepochen dieser Dokumentation. Farbige Aufnahmen von der Straßenwelt Moskaus oder kalte Panoramen von russischen Feldern und Gewässern. Dann, in gräulich übertonten Bildern ein Rückblick in die Bohème-Welt der Schriftstellerin Zwetajewa.

In historischen Kriegsaufnahmen stampfen Soldaten an der Front durch den Schnee. Zurück in die Moderne, sich aneinander reihende Plattenbauten in einem Moskauer Vorort. Konträr zu dieser tristen Welt sind die mystischen Gemäuer der weißen Kathedrale von Susdland. Susdland, das einst von den Mongolen eingenommen wurde. Die Eroberung der Goldenen Horde unter Batu Khan wird in schwarz-weiß filmisch wiedergegeben, denn die Geschichte gehört zu einem der Lieder von Elena Frolowa. Die Kamera zeigt Perspektiven, in denen der Zuschauer die Zeilen der Lieder nacherlebt.

Neben dem Bild steht natürlich auch das Wort im Mittelpunkt, schließlich erzählt die Dokumentation nicht nur die Geschichten einer Musikerin. Sondern ebenso die einer Schriftstellerin. Persönliche Zeilen begleiten die Rückblicke auf ihr Leben.

Ich liebe sie, die Sünde, Wolken fetzen über ihre Stirn, Mund voller Laster, ungeheure Blume brennt.

Film-Zitat aus "Patriotinnen"

Sanfte Klänge des russischen Saiteninstruments Gusli und der Gitarre bereichern die lyrischen Lieder von Elena. Doch nicht nur der künstlerische Aspekt ist in diesem Film vorhanden. Vielmehr behandelt die Geschichte über die verschiedenen repräsentierten Generationen die Entwicklung Russlands im letzten Jahrhundert.

Ich weiß nicht warum das so ist aber unserem Land scheint Menschenleben nicht zur zählen. Als Künstler wird man erst nach dem Tod anerkannt, um in unserem Land Dichter zu werden muss man überhaupt erst sterben. Ein Leben hat gar nicht das Recht Dichter zu sein.

Film-Zitat aus "Patriotinnen"

Auch wenn die Frauen sich in vielen Facetten unterscheiden, eines verbindet sie: Russland. Und diese treue Verbindung zu ihrer Herkunft macht wohl aus ihnen „Patriotinnen“.

mephisto 97.6-Redakteurin Leonie Kreuzer im Gespräch mit Regisseurin Irina Roerig über ihren Film "Patriotinnen".
 
 

Kommentieren

Luna Ragheb
15.01.2015 - 12:09
  Kultur