Fettaktivismus

Politisches Fett

Jeder zweite Deutsche ist übergewichtig. Körpergewicht ist etwas, mit dem sich jeder auseinandersetzt. Zu dünn, zu dick oder genau richtig? Woher kommen eigentlich diese Kategorien? Wer bestimmt die Grenzen?
Woher kommt eigentlich der BMI?

Körperfett kann, sobald jemand als übergewichtig oder fettleibig bezeichnet wird, zahlreiche Nachteile in unserer Gesellschaft bewirken. In Deutschland kann Lehrern aufgrund ihres Gewichts sogar der Beamtenstatus vorenthalten werden. Ein Lehrer in Nordrhein-Westfalen hat 2007 dagegen Anklage erhoben. Er hatte einen BMI – einen Body Mass Index – von über 30 und galt damit als adipös und dadurch automatisch als Teil einer Risikogruppe. Er gewann die Klage, da er der Gruppe zwar angehörte, ihn das im Alltag allerdings nicht einschränkte.

BMI oder Selbstbestimmung?

Der Body Mass Index ist eine Einheit zur Gewichtsbestimmung. 1997 wurden die vier Kategorien Untergewicht, Normalgewicht, Übergewicht und Fettleibigkeit bei einer Konferenz der Weltgesundheitsorganisation erneut festgelegt und heruntergesetzt. Damit wird eine Norm errichtet, auf die man sich beziehen kann. Die Aktivistin Magda Albrecht nimmt davon Abstand, indem sie das System als "Spiegel gesellschaftlicher Herrschaftsnormen" bezeichnet. Sie führt die Begriffe "dick" beziehungsweise "fett" als Selbstbezeichnungen zur fetten Selbstermächtigung, dem "Fat Empowerment", wieder ein, zweifelt jedoch an der Umsetzung im deutschen Rahmen durch die bis jetzt durchweg stigmatisierende Verwendung der Begriffe in der Gesellschaft.

Studiertes Fett

Im Kampf um das Fett ist aus Aktivismus und widersprüchlichen Studien in der Medizin ein interdisziplinäres Forschungsfeld entstanden, die "Fat Studies". Vorreiter im Feld sind die USA, mit bereits laufenden Seminaren und Literatur rund um das Thema. In Deutschland beschäftigt sich zum Beispiel der Soziologe Friedrich Schorb mit stereotypisierten Relationen zwischen gesellschaftlichem Status und Gewicht in "Dick, doof und arm? Die große Lüge vom Übergewicht und wer von ihr profitiert". Bis jetzt steckt die Forschung jedoch zumindest in Deutschland in den Kinderschuhen.

Wem gehört mein Fett?

Bei Klassifizierungen von Körpergewicht spielen die Interessen verschiedener Akteure immer wieder mit rein. So setzte die Grenzen des BMI ein Statistiker, der für die amerikanische Lebensversicherung Medical Life Insurance arbeitete. Auf der anderen Seite belegen neuere Studien, dass die Menschen, die laut BMI übergewichtig sind, eine längere Lebenserwartung haben als normalgewichtige. Fänden diese Studien bei der WHO Beachtung, hätte das kostenspielige Konsequenzen für zum Beispiel Versicherungen und den Anspruch auf Verbeamtung bei Lehrern. Diese Studien heißen auch: Jeder zweite Deutsche verlängert sein Leben. Das sind doch rosige Aussichten.

mephisto 97.6 Redakteurin Leonie Kreuzer über Körpergewicht, den BMI und den Vortrag "(Mein) Fett ist politisch".
Politisches Fett, BMI
 

Kommentare

Danke für den Beitrag, der viele wichtige Punkte aufgreift!

Trotzdem schade, dass Wörter wie "übergewichtig" nicht in Anführungszeichen stehen, die Kritik fängt ja schon bei den Worten an, die wir für Menschen jenseits einer schlanken Norm benutzen.
Und ein Hinweis: Ich glaube hinter "Soziologe" fehlt der Name: Friedrich Schorb.

Liebe Grüße und Danke für die Thematisierung!

Liebe Grüße
Magda

Sehr geehrte Frau Albrecht,

vielen Dank für ihr Interesse und Feedback zum Artikel. Wir haben den Namen des Soziologen selbstverständlich ergänzt.

Mit freundlichen Grüßen

Online-Redaktion mephisto 97.6

Kommentieren