Lehrermangel

Plötzlich Lehrer

Sachsen hat so viele Lehrerstellen neu besetzt wie seit der Wende nicht mehr. Problematisch dabei: Mehr als die Hälfte der Neulinge sind Quereinsteiger. Die werden jetzt per Crash-Kurs darauf vorbereitet, vor einer Klasse zu stehen.
Schule
Roman Schulz von der sächsischen Bildungsagentur und mephisto 97.6 Redakteurin Nicola Seele

Fast 1400 Lehrerstellen neu besetzt

Der Lehrermangel beschäftigt mittlerweile seit Jahren die Kultusministerien der Nation. Die Bundesländer konkurrieren untereinander um Lehrkräfte wie nie zuvor. Bürokratische Hürden für Stellenwechsel von einem Bundesland ins Andere sorgen für eine dürftige Mobilität in der Branche. Hinzu kamen steigende Geburtenraten und die komlpizierte Flüchtlingssituation.

Vor diesem Hintergrund sah sich das Land Sachsen in den letzten Monaten der Herausforderung gegenübergestellt, zum neuen Schuljahr ungefähr 1400 Lehrerstellen neu besetzen zu müssen. Die sächsische Bildungsagentur hat nun, nicht ohne Stolz, verkündet, dass die freien Stellen fast vollständig abgedeckt worden sind. So viele Lehrer wurden in Sachsen nicht mehr neu eingestellt, seit die Mauer gefallen ist.

Mehr Quereinsteiger als ,,echte‘‘ Lehrer

Das Problem ist, dass es schlichtweg viel zu wenig ausgebildete Lehrer in Deutschland gibt. Deshalb wurden mehr als die Hälfte aller freien Stellen mit Seiteneinsteigern besetzt. Die Berufsneulinge haben teilweise überhaupt keine pädagogische Ausbildung genossen. Sie qualifizieren sich für den Lehrerposten, indem sie mindestens einen Bachelor-Abschluss in dem Studiengang haben, der den klassischen Schulfächern gleicht. Der Anglistik-Absolvent von der Universität wird in Zukunft also vor der fünften Klasse stehen und Konjugation lehren.

Aufgrund dieser Umstände konstatierte Uschi Krause von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), gegenüber der sächsischen Zeitung, dass dem Freistaat das schwierigste Schuljahr seit 1990 bevorstehe. Die erfahrenen Lehrer müssen nun zusätzliche Überstunden machen, bis die Seiteneinsteiger voll einsatzbereit sind. Und selbst wenn sie an der Schule unterrichten, müssen sie zusätzlich betreut werden. Diese Ausnahmesituation veranlasste auch den sächsischen Lehrerverband (SLV) dazu, Entlastungen der Lehrer zu fordern.

Die Einarbeitung der Seiteneinsteiger ist eine zusätzliche Mammutaufgabe für die sächsischen Lehrerinnen und Lehrer – im Gegenzug müssen dringend Entlastungen erfolgen.

 Jens Weichelt, Landesvorsitzender des sächsischen Lehrerverbandes

Deshalb sollten mehr Mittel zur Verfügung stehen, um beispielsweise Überstunden zu bezahlen und Stellen für den zusätzlichen Verwaltungsaufwand zu schaffen. Auch Roman Schulz von der sächsischen Bildungsagentur sieht das Problem. Aber er macht deutlich, dass es aktuell einfach keine besseren Alternativen gibt.

Wir können die Situation nicht schönreden. [...] Wenn du nicht einmal für jede ausgeschriebene Lehrerstelle einen grundständig ausgebildeten Lehrer hast, dann ist die Alternative nicht 'Seiteneinsteiger ja oder nein', sondern 'Seiteneinsteiger oder Ausfall', keine Lehrerperson vor den Kindern.

Roman Schulz, Pressereferent der sächsischen Bildungsagentur

Dass das bekannte Problem weiterhin akut bleibe, hänge auch mit der bundesweiten Situation zusammen, erklärt Schulz weiter. Der hohe Lehrerbedarf in den alten Bundesländern wäre in den letzten Jahren leider nicht zurückgegangen. Dieser Umstand wirkt sich jetzt auch auf Sachsen aus.

Lehrermangel zwingt zu Improvisation

Deshalb müsse man sich nun mit der Situation arrangieren. Eine Art Crash-Kurs soll die Quereinsteiger innerhalb von drei Monaten mit grundlegenden Kenntnissen ausstatten, die vonnöten sind, um vor einer Klasse zu stehen.

Eine weitere Maßnahme des Kultusministeriums ist die Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig. Dort soll nun das sogenannte Seiteneinsteigerprogramm ausgebaut werden. Dabei werden Fachkräfte in den besonders gefragten Bereichen der Grund- und Förderschulen ausgebildet. Diese sollen dann an drei Tagen der Woche in den Schulen eingesetzt werden. So sollen bis 2021 insgesamt 300 Grundschullehrer und bis zu 500 Lehrkräfte für weiterführende Schulen und Förderschulen ausgebildet werden.

Voll einsatzfähig sind diese Kräfte dann aber auch nicht. Der Lehrermangel wird Leipzigs Schulen also noch auf Weiteres prägen und zur Improvisation zwingen.

Die Informationen können Sie auch noch einmal im Beitrag von mephisto 97.6 Redakteurin Nicola Seele nachhören:

Ein Beitrag von Nicola Seele.
0308 bme lehrermangel
 

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