Albenrezension

The Pieces Don't Fit

Die amerikanische Progressive-Metal-Band Tool bringt mit „Fear Inoculum“ ihr erstes Album seit 13 Jahren heraus. Für zahlreiche Musikfans ist es die am heißesten erwartete Veröffentlichung des Jahres. Kann „Fear Inoculum“ den Erwartungen standhalten?
Tool - Fear Inoculum
Die vier Metal-Innovatoren von Tool

Im Vorfeld zur Veröffentlichung ihres neuen Albums „Fear Inoculum“ stellten Tool erstmals ihre gesamte Diskographie auf Spotify zur Verfügung. Die Gruppe hatte sich jahrelang gegen digitale Streaming-Plattformen gesträubt, aus Angst so den Wert ihrer Kunst zu schmälern. Durch ihr Umdenken erkennen auch die Herren von Tool die aktuellen Vertriebsumstände im Musik-Business an und sorgen dafür, dass ihre Alben für die neue Generation von Musik-Konsumierenden nicht in Vergessenheit geraten. Gleichzeitig erweist sich dieser längst überfällige Schritt aber auch als ein großes Problem von „Fear Inoculum“. Wer auf Spotify nämlich den ersten Track des neuen Albums anklickt mag sich zunächst über das langersehnte neue Material der Band freuen. Wenn nach 86 Minuten Spielzeit dann jedoch die ersten Riffs des Openers „Vicarious“ vom Vorgängeralbum „10,000 Days“ von 2006 erklingen, merkt man den Qualitätsunterschied jedoch sofort. Manche HörerInnen dürften sogar in diesem Moment erst wieder aus dem Schlaf gerissen werden.

Zugegeben: Das Unterfangen, nach 13 Jahren (teils forcierter) Pause neues Material zu veröffentlichen, ist für eine Band wie Tool, deren gesamter bisheriger Katalog von Millionen von Fans geradezu vergöttert wird und zahlreiche Klassiker des Progressive Rock und Metal Genres beinhaltet, keine leichte Aufgabe. Dass Tool sich der turmhohen Erwartungen ihrer Fancommunity bewusst sind, macht der Titeltrack „Fear Inoculum“ gleich zu Beginn deutlich. Um die Anspannung weiter hinauszuzögern, beginnt der Song nicht etwa mit einem lauten Riff, sondern mit düsterem Synthie-Gewaber und ruhiger Percussion. Die unverwechselbare Honigstimme von Sänger Maynard James Keenan meldet sich erst nach zwei Minuten zu Wort. Die Spannung entlädt sich erst bei Minute fünf vollständig, auch wenn dabei die von den Amerikanern gewohnte Intensität, nicht ganz erreicht wird. Wirklich neu ist an dem Song für Tool-Verhältnisse eigentlich nichts. Als Appetitanreger funktioniert er aber durchaus. Nach 13 Jahren kompletter Funkstille ist allein die Freude darüber, einen neuen Song, der so unverwechselbar nach Tool klingt, zu hören, groß genug.

Im weiteren Verlauf des Albums wird aber klar: Viel mehr haben Tool diesmal nicht zu bieten. „Fear Inoculum“ fehlt es fast vollständig an neuen Ideen. Sicher, das Handwerk ist auf gewohnt hohem Niveau. Die komplexe Polyrhythmik mit ungewöhnlichen Takten und die tonnenschweren Gitarrenriffs beherrscht die Band nach wie vor. Das fast vollständige Fehlen neuer Ideen wird aber irgendwann schwer zu leugnen. Besonders Gitarrist Adam Jones gibt sich leider zu oft damit zufrieden, Riffs aus früheren Tool-Songs zu recyceln. Einzig bei den Soli, wie auf „Descending“ oder dem  Album-Highlight „7empest“, kommt sein Talent wirklich zum Vorschein. Zur Farblosigkeit trägt auch die fade Produktion bei. Sound-technisch orientiert sich die neue Platte stark an dem vierten Album der Gruppe, „Lateralus“. Die Produktion wirkt jedoch zu klar und saftlos, um dabei nur ansatzweise dieselbe düstere Atmosphäre zu erzeugen.  

Problem Überlänge

Das größte Problem von „Fear Inoculum“ ist jedoch tatsächlich die Länge an sich. Von den Interludes abgesehen, ist jeder Song länger als zehn Minuten. Schon frühere Tracks der Band konnten diese Länge erreichen, wurden dabei aber trotzdem nie langweilig, da sie einer klaren Dramaturgie folgten und die Fülle der vorhandenen Ideen diese Länge auch rechtfertigen konnte. Die Songs auf Fear Inoculum rechtfertigen die epochale Spielzeit jedoch kaum. Überlange In- und Outros ziehen die Songs auf eine unnötige Länge und wirken weniger hypnotisierend oder atmosphärisch als schlicht ermüdend. Ein Großteil der instrumentalen Last wird dabei von Drummer Danny Carey getragen. Dessen Spiel zeigt zwar wie immer eindrucksvoll, warum er nicht selten zu den besten Drummern im Rock-Bereich gezählt wird; für ausladende Schlagzeugsoli dürften sich aber trotzdem wirklich nur Spezialisten begeistern. Sänger Keenan tritt dabei häufig in den Hintergrund. Zu schade, denn tatsächlich sind es seine Auftritte, die als einziges auf Albumlänge immer wieder aufhorchen lassen. Seine Stimme ist auch nach über 25 Jahren immer noch unglaublich wandelbar und ausdrucksstark und bringt zumindest teilweise die erhoffte Intensität und Emotionalität in die ansonsten weitestgehend kalte Musik.

Ein besonderes Ärgernis auf Fear Inoculum sind auch die völlig unnötigen Interludes. Waren solche Trenner auf früheren Tool-Alben zumindest interessant, sind sie hier einfach nur nichtssagendes Füllmaterial. Auf einem Album voller überlanger Intros („Descending“ bspw. braucht mehr als eine Minute bis das erste erkennbare Instrument ertönt) ist das einfach nur unnötig. Überhaupt hätten Tool hier wahrscheinlich doch noch ein gutes Album abliefern können, wenn sie die 86 Minuten Spielzeit um knapp die Hälfte reduziert hätten. Bei der eigentlichen Musik im Zentrum der überlangen Stücke hätten sie kaum Abstriche machen müssen. So ertappt man sich beim Hören immer wieder beim Blick auf die Vorspul-Taste.

Fazit

13 Jahre musste sich die treue Tool-Fangemeinde bis zum Release eines neuen Albums gedulden. Das Warten hat sich nur bedingt gelohnt. Auch wenn die Band gewohnt technisch versiert spielt und ihr Sound unverwechselbar bleibt, können Tool an ihre früheren Meisterwerke nicht heranreichen. „Fear Inoculum“ arbeitet musikalisch hauptsächlich die Standards der Band ab, jedoch mit weit weniger pointiertem Songwriting. Aufgrund der völlig übertriebenen Länge der Songs kommt beim Hören von „Fear Inoculum“ zum ersten Mal in der Geschichte der Gruppe Langeweile auf. Das nächste Tool-Album sollte hoffentlich fokussierter sein und möglichst nicht wieder 13 Jahre auf sich warten lassen.

 

Kommentieren

Martin Pfingstl
06.09.2019 - 17:28
  Kultur

Tool: Fear Inoculum

Tracklist:
  1. Fear Inoculum
  2. Pneuma
  3. Litanie contre la Peur     
  4. Invincible
  5. Legion Inoculant
  6. Descending          
  7. Culling Voices
  8. Chocolate Chip Trip           
  9. 7empest*             
  10. Mockingbeat

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 30.08.2019
Sony