Interview mit Marion Zimmermann

Pflege – Dein Personal?!

Beim Leipziger Pflegesymposium 2018 wurde der Fachkräftemangel im Pflegebereich thematisiert. Im Mittelpunkt standen Themen wie die Motivation von Angestellten und die Gewinnung von Fachkräften.
Marion Zimmermann
Marion Zimmermann Geschäftsführerin des Arbeiter-Samariter-Bundes Leipzig

Zu viel Arbeit und zu wenig Geld für die Beschäftigten. Das sind grob zusammengefasst die Kernprobleme in der Pflege. Eine richtige Lösung kann aber weder die Wirtschaft noch die Politik anbieten. In Leipzig wurde ein erster Schritt getan: Der Regionalverband des Arbeiter-Samariter-Bundes, kurz ASB, hat zusammen mit der Johanniter-Akademie ein Symposium veranstaltet. Dort wurde die derzeitige Situation der Pflege aus politischer Sicht besprochen, aber auch wie Arbeitgebende die Branche attraktiver machen kann.

Moderator Merten Waage hat mit Marion Zimmermann, der Geschäftsführerin des Arbeiter-Samariter-Bunds Leipzig, gesprochen. Das Interview finden Sie hier zum Nachhören und im Folgenden auch zum Nachlesen:

Moderator Merten Waage im Gespräch mit Marion Zimmermann
Interview mit Marion Zimmermann

 

mephisto 97.6: Wie ist das Symposium aufgenommen worden? Haben Sie schon Feedback bekommen?

Marion Zimmermann: Wir haben Feedback bekommen. Es kamen ja auch viele Anbieter von Pflegeeinrichtungen bundesweit von Rom, Münster, Chemnitz, hier in Sachsen. Ich muss wirklich sagen, wir haben eine unglaublich positive Resonanz erhalten. Wir hatten schon im Vorfeld weitaus mehr Anmeldungen, konnten leider gar nicht alle bedienen und die Fachvorträge und das intensive Thema zum Einsteigen haben sehr gut geklappt. Wir werden das wiederholen.

Welche Probleme in der Pflege konnten angesprochen werden?

Es ist auf der einen Seite wirklich so, dass man in der Pflege sagt, dass die Pflege attraktiver werden muss. Das ist ein ganz einfacheres Thema. Das Problem ist, dass die Bundesregierung zwar 8.000 neue Pflegestellen schaffen will, aber was ist denn das Problem, wenn die Mitarbeiter einfach nicht da sind? Wir haben jetzt schon 35.000 Stellen offen und müssen versuchen, die irgendwie zu bedienen. Leider gibt es aufgrund von Negativbeispielen doch immer wieder Vorurteile für dieses Berufsbild, was einfach falsch ist. Das Berufsbild muss, denke ich, ins richtige Licht gerückt werden, um es auch wieder attraktiver zu machen. 

Im Vorhinein war es auch das Ziel des Symposiums, einen ersten Ansatz zu finden und Lösungen? Konnte da schon ein Lösungsansatz gefunden werden?

Wir hatten ja zwei verschiedene Sparten: Einmal hatten wir die Politik da und als nächstes war die Frage, wie wir uns als Arbeitgeber aufstellen können. Im Rahmen der politischen Diskussionen wurde eindeutig gefordert, unabhängig von mehr Stellen einen Flächentarifvertrag für alle Pflegeberufe zu schaffen. Das ist ganz wichtig, unabdingbar. Man merkt ja, dass dort, wo Unternehmen in Verhandlung gehen und bessere Pflegetarife anbieten, auch die Mitarbeiter kommen. Aber Geld ist nicht alles. Es gibt viele andere Faktoren: Das Team muss stimmen und es gibt auch anderes, was der Arbeitgeber bieten kann: sportliche Aktivitäten, vielleicht auch Mitarbeiterfeste und anderes. Auf der anderen Seite ist es auch intensiv gewesen. Das war heute ein wunderbares Beispiel, dass wir junge Auszubildende im ersten Ausbildungsjahr hatten, die natürlich für diesen Beruf schwärmten. Die sagen: ‚Moment Mal, das ist nicht nur Windeln wechseln. Der Beruf ist attraktiv. Ich gebe Menschlichkeit und ich kriege Vertrauen und die alten Menschen – das gehört ja zum Leben dazu. Wir werden ja alle mal alt.‘  Die geben das natürlich auch mit Dankbarkeit zurück und es gibt nichts Schöneres, als mit einem Menschen zu arbeiten. Das wird eben leider verkannt, weil draußen die Negativpropaganda für das Berufsfeld so ist.

Unter anderem wurde über eine gesunde Personalführung angesprochen. Was müssen wir denn darunter verstehen?

Gesunde Personalführung bedeutet einfach, mit den Mitarbeitern im Gespräch zu sein, die Kommunikation zu führen. Vielleicht auch die familiären Probleme ernst zu nehmen, um zu sagen: ‚Die Mitarbeiter brauchen vielleicht auch durchaus mal eine Auszeit‘, wenn es einfach zu stressig ist. Man muss vielleicht auf bestimmte Belange eingehen, dass man versuchen kann, auch familienfreundliche Dienste anzubieten. Da gibt es viele Faktoren wie zum Beispiel wertschätzende Kommunikation, mit dem Mitarbeiter zu sprechen, Verständnis zu haben und den Mitarbeiter nicht alleine zu lassen und zu überlasten.

In einer kleinen Klinik in Öschelbronn hat man offiziell keine Probleme mehr mit dem Pflegepersonal, weil man neue Grundsätze in die Klinik eingefügt hat. Die Pflegedienstleitung sagt dort, dass die Pflege eben nur pflegen sollte. Seitdem sie dieses Credo haben, funktioniert das auf einmal in der Klinik. Wie bewerten Sie denn diesen Aspekt?

Ich denke, das ist unwahrscheinlich wichtig. Jeder sollte seine Arbeitsabläufe zugeordnet bekommen. Auch bei uns in den Einrichtungen haben wir Altenpflegehelfer, Altenpflegefachkräfte oder Krankenpfleger, die ihre Aufgaben zugeordnet bekommen. Das ist natürlich eine hochspezialisiertere Fachrichtung. Wir haben auch unsere eigenen Reinigungskräfte und unabhängig von den Betreuungsassistenten, die unterwegs sind, ordnen wir die Arbeit auch zu. Man merkt dann auch, dass die Mitarbeiter mit einer ganz anderen Motivation rangehen. Ich denke, dass sich das auch mehr durchsetzen wird.

Sie hatten auch schon die Auszubildenden angesprochen. Die waren auch in den Workshops involviert. Was wünschen Sie sich denn genau? Gibt es formulierte Ziele, die die Auszubildenden in der nächsten Zeit durchsetzen wollen?

Sie wünschen sich auf alle Fälle eine ganz andere Anerkennung des Berufs, weil das den Auszubildenden sehr viel Spaß macht. Sie wollen, dass wir das über andere Multimediakanäle transportieren und die Auszubildenden zum Beispiel eine eigene Facebook-Seite bekommen. Wo sie sagen können: ‚Passt auf, geht in den Berufszweig. Der ist sehr wertvoll, der ist sehr wichtig.‘ Auf der anderen Seite wollen sie in den Einrichtungen, wo sie ihre Praktika machen, Anerkennung und Wertschätzung haben und wollen langsam herangeführt werden. Oft ist es in Einrichtungen, wo Fachkräftemangel ist, so, dass manchmal auch Auszubildende in das ganze Milieu reingeschmissen werden, weil es manchmal nicht anders geht. Da sind die jungen Leute zum Teil überfordert. Sie haben ja auch Ängste – in Pflegeeinrichtungen sterben Menschen, das gehört dazu. Die Palliativversorgung gehört dazu. Wenn ein junger Mensch mit 18, 19 Jahren kommt, muss er an das Thema erst einmal herangeführt werden. Ich denke, wir müssen uns mehr Zeit nehmen für die Auszubildenden. Wir müssen mehr Verständnis aufbringen und ich denke, dann kommen auch neue, junge Leute in den Beruf.

Wenn Sie politische Ziele fordern könnten, welche wären das?

Politisches Ziel wäre auf jeden Fall, dass die Bundesregierung die Pflegestärkungsgesetze noch einmal auf den Prüfstand stellt. Momentan wird auf der einen Seite eine Tariferhöhung gefordert, was auch wichtig ist, da wir den Mitarbeiter in den Mittelpunkt stellen müssen. Auf der anderen Seite haben die Medien gerade in den letzten Monaten berichtet, dass die Eigenanteile für die Bewohner ins Unermessliche steigen. Dort wird es zu einem Spagat kommen und da muss nachgebessert werden. Die Bundesregierung muss zu diesem Thema wach werden und vielleicht noch einmal die Bezuschussung machen.  Für die Pflegebedürftigen muss es auch bessere Personalschlüssel geben. Die Politik sollte den Pflegeberuf ganz einfach einmal anders anerkennen und es müsste eine Vertretung der Berufsgruppe geben, weil das zu schwach aufgestellt ist. Ich kann nur sagen, von den Leuten wird eine wertvolle Arbeit gemacht, wo wir alle nur den Hut ziehen können. 

 

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