DOK Leipzig

Pasanen: "Qualität kommt mit Vielfalt"

Eine Frauenquote fürs DOK Festival. Diese Nachricht sorgte vor zwei Wochen für Diskussionen in der deutschen Kulturlandschaft und Leipziger Politik. Wir haben uns mit der Intendantin des Festivals, Leena Pasanen für ein Interview getroffen.
DOK Festivaldirektorin Leena Pasanen

Seit 2015 ist Leena Pasanen Intendantin des DOK Leipzig, Deutschlands größtem Festival für Dokumentar- und Animationsfilme und einem der führenden weltweit. Ab diesem Jahr wird es eine auf zwei Jahre angelegte Frauenquote von 40 Prozent für Regisseurinnen im Wettbewerb „Deutscher langer Dokumentar- und Animationsfilm“ geben, das gab das Festival vor zwei Wochen bekannt. Die Quote orientiert sich dabei an dem Einreichverhältnis der letzten Jahre. Es folgte landesweite mediale Berichterstattung und auch am Stadtrat ging das Thema nicht vorbei. So äußerte sich Rene Hobusch von der FDP kritisch gegenüber der Quote. Wir haben uns mit Leena Pasanen getroffen und mit ihr über die Frauenquote, die Kritik daran und die Veränderungen für den Auswahlprozess gesprochen.

Hier können Sie das Interview mit deutschem Over-Voice oder im englischen Original nachhören:

Peggy Fischer im Gespräch mit Leena Pasanen, Intendantin des DOK Festivals (mit deutschem Over-Voice)
Leena Pasanen Interview Overvoice

 

Peggy Fischer im Gespräch mit Leena Pasanen, Intendantin des DOK Festivals (englisches Original)
Leena Pasanen Interview Original

mephisto 97.6: Frau Pasanen, das diesjährige Motto des DOK Festival ist „Fordert das Unmögliche“. Ist die eingeführte Frauenquote im Wettbewerb „Deutscher langer Dokumentar- und Animationsfilm“ ein Grund, warum sie sich für das Motto entschieden haben?

Leena Pasanen: Das ist eine sehr schöne Idee, das Motto zu erweitern. Ursprünglich geht das Motto auf die Inspiration und Auswirkung in vielen Bereichen von 1968 zurück. Aber du hast Recht, manchmal fühlt es sich schon so an, dass das Streben nach Geschlechtergleichheit eine unmögliche Forderung ist, was wirklich sehr bedauerlich ist im Jahr 2018.

Die Frauenquote ist auf 40% angelegt, basierend auf der Anzahl eingereichter Filme von Frauen. Das basiert auf dem Einreichverhältnis von 2017 richtig?

Das ist eine längerfristige Statistik. Wir haben ausgerechnet, dass 30-40 % der Filmbeiträge von Regisseurinnen kommen und wir haben uns dann entschieden, die Quote auf 40 % zu setzen. Natürlich kann man die Frage stellen, warum nicht 50 %, aber solange nicht so viele Filme von Regisseurinnen eingereicht werden denke ich, dass es fair ist, dass sich die Frauenquote an dieser Rate orientiert. Aber in der Zukunft nähern wir uns hoffentlich ganz automatisch einem ausgewogenen 50-50 Verhältnis.

Im letzten Jahr liefen 10 Filme im Wettbewerb „Deutscher Lang- und Animationsfilm“, jeder davon von einem Mann als Regisseur, nur bei einem wirkte eine Frau als Co-Regisseurin mit. Wie konnte es dazu kommen?

Das ist eine gute Frage und ich glaube wir müssen verstärkt untersuchen, wo weibliche Filmemacherinnen von der Bildfläche verschwinden. Wenn wir uns Filmhochschulen anschauen, ist das Verhältnis ausgeglichen, auch in Kurz- oder Mittellangen Filmen ist das Verhältnis noch recht gut. Wenn es dann zur Königsdisziplin, den Filmen in Spielfilmlänge kommt, die auch ein größeres Budget haben, sinkt die Zahl der Regisseurinnen. Viele Leute sagen zu uns: "Warum kümmert euch das? Ihr seid am Empfängerende, die Entscheidungen werden vorher getroffen und es ist der Fehler derjenigen, die die Filme finanzieren." Ich glaube aber, dass alle Mitwirkenden im Filmgeschäft ihre Verantwortung dafür tragen müssen und für uns bedeutet das, unser bestes dafür zu tun, Diversität in unserer Filmauswahl zu schaffen.

Könnte die Unterrepräsentation zu einem Teil auch an der Auswahlkommission liegen, in der in diesem Jahr auch mehr Frauen als Männer sitzen werden?

Grundsätzlich ist die Besetzung der Auswahlkommission in jedem Jahr mehr oder weniger ausgewogen. Letztes Jahr hatten wir sieben Mitglieder einschließlich mir, in diesem Jahr sind wir acht einschließlich mir. Und diese eine Person mehr ist eine Frau. In diesem Jahr gibt es also eine weibliche Mehrheit in der Auswahlkommission.

Ich denken aber nicht, dass in der Besetzung unbedingt das Problem liegt. Zwar müssen wir uns auch immer über die Besetzung der Auswahlkommission Gedanken machen, Fakt ist aber, dass es Jahre gibt in denen nicht so viele Filme von Frauen eingereicht werden. Wir haben uns die Statistiken von 2012 bis heute angesehen und immer wieder gibt es ein schlechtes Jahr im deutschen Wettbewerb. Es gab auch schlechte Jahre in den anderen Wettbewerben, zum Beispiel im internationalen Film, dort hat sich die Situation in den letzten Jahren aber verbessert. Trotzdem müssen wir aber auch immer darauf schauen, ob es auch Probleme in unserer Auswahl gibt. Wir müssen aufpassen, dass wir unsere Auswahl ohne versteckten Vorurteile treffen. Deshalb gab es in diesem Jahr im Auswahlprozess zum ersten Mal Vorführungen ohne Details zu dem Film. Wir haben versucht es in der ersten Runde so anonym, wie möglich zu halten.

Sie haben es grad schon angesprochen, das Verhältnis von weiblichen und männlichen Regisseuren ist in anderen Wettbewerben ausgeglichener. Woran liegt das?

Ich weiß es nicht. Ich bin in Finnland aufgewachsen, ich komme aus diesem sehr demokratischen Verständnis, nach dem Männer und Frauen total gleichgestellt sind. Und in Kandinavien zum Beispiel, ist die Anzahl an Filmemacherinnen sehr hoch. Natürlich gibt es auch da Probleme, aber es gehörte einfach nicht zu meiner Realität, dass es ein unausgewogenes Verhältnis zwischen Männern und Frauen gibt, die Langfilme machen. Auch in den Ländern, in denen ich vorher gearbeitet hab, habe ich das Problem nicht gesehen. Und jetzt nachdem ich die Zahlen und Statistiken gesehen habe, scheint es, als sei es doch mehr ein deutsches Problem, als ein internationales. Trotzdem ist es aber auch ein internationales Problem. Wenn wir auf die #metoo-Kampange blicken oder die Aktionen in Cannes, sehen wir ja, dass es auch ein weltweites Thema ist und es scheint, als wäre es jetzt auch an der Zeit, was zu unternehmen.

Gehen Sie mit der Einführung der Frauenquote nicht da Risiko ein, die eingereichten Filme nicht mehr aufgrund ihrer Qualität zu bewerten, sondern um die Quote zu erfüllen?

Ich habe großes Vertrauen in unseren Auswahlprozess. Es gab viele Bedenken, dass jetzt ein Oscarprämierter Film von einem männlichen Regisseur nicht ausgewählt wird und wir stattdessen einen schlechten Film von einer Regisseurin zeigen. Daran glaube ich aber nicht, denn wer entscheidet über die Qualität? Es ist immer subjektiv. Ich habe es noch nie erlebt, dass die sieben Mitglieder aus dem Auswahlkomitee einen Film gleich bewertet haben. Auch dort gehen die Meinungen meist auseinander. Also wer entscheidet über die Qualität? Für mich kommt Qualität aus Vielfalt. Wenn wir nur ähnliche Filme von ähnlichen Menschen zeigen, sind wir nutzlos. Unser Job ist es die ganze Vielfalt unserer Gesellschaft und der Welt zu zeigen. Das ist auch nicht nur eine Frage des Geschlechts. Das bedeutet auch Geschichten aus verschiedenen Hintergründen, verschiedenen Ländern und Kulturen und Sprachen zu zeigen. Vielfalt ist der Schlüssel.

Aber dafür gibt es aber doch ein Auswahlkomitee. Die bewerten die Filme und entscheiden welche gezeigt werden sollen. Und wenn jetzt die Quote erfüllt werden soll und es gibt nur sehr wenige Filme, die von Frauen eingereicht werden…

Und deswegen werden wir nicht nur dasitzen und darauf warten, dass uns gute Filme zufliegen. Wir schauen aktiv auf anderen Festivals und Film-Märkten und sehen Filme im frühen Stadium. Wir suchen nach starken weiblichen Filmen, um sicherzustellen, dass wir genug gute Filme für die Auswahl haben. Wenn wir zehn Filme im Wettbewerb „Deutscher langer Dokumentar- und Animationsfilm“ zeigen wollen, denke ich nicht dass unmöglich ist, vier starke Filme von Frauen dafür zu finden.

Der FDP Stadtratsabgeordnete Rene Hobusch hat gesagt, das DOK Festival ist keine Pasanen Show. Was antworten Sie darauf?

Ich denke nicht, dass ich darauf überhaupt antworten muss. Es steht ihm frei, seine Meinung zu tweeten. Ich respektiere seine Ansicht und ich wünsche mir wirklich, dass er in diesem Jahr an dem Festival teilnimmt, um zu sehen, was für eine Show es wirklich ist.

Werfen wir mal einen kurzen Blick in die Zukunft: Sie haben die Frauenquote jetzt für die nächsten zwei Jahre eingeführt. Denken Sie, Sie werden in diesen zwei Jahren das Problem gelöst haben?

Ich denke nicht, dass es für DOK Leipzig überhaupt möglich ist eine allgemeingültige Lösung zu finden. Aber mit dieser Quote stellen wir sicher, dass wir unser bestes tun, die Situation zu verbessern. Und die Frauenquote bei uns hat so viel Aufmerksamkeit gebracht, dass ich hoffe, dass nun auch an anderen Orten geschaut wird, was getan werden kann um die Situation zu verbessern.

Die Meinungen zu einer Quote gehen weit auseinander. Ich denke, es ist ein temporäres Werkzeug, das wirklich funktioniert. In Skandinavien und in Nord-Amerika habe ich gesehen, dass eine Quote etwas bewirken kann. Aber ich möchte die Quote nicht dauerhaft. Sie soll vielmehr eine Veränderung lostreten. Ich vertraue darauf, dass wir danach automatisch ein gutes Ergebnis erhalten.

Das DOK Festival ist das erste große Festival mit einer Frauenquote, denken Sie, dass Sie damit ein Vorbild für andere große Festivals mit ähnlichen Problemen, wie die Berlinale oder Cannes sein können?

Ich denke jedes Festival muss für sich seinen eigenen Weg finden. Ich hoffe aber, dass wir eine Art Inspiration sein können. Ich habe mit Kollegen und Kolleginnen von anderen Festivals gesprochen und gemerkt, da ist ein starker Wunsch das Problem zu lösen. In manchen Ländern wollen sie dafür keine Quote, in anderen Ländern wollen sie sogar noch ein Stück weiter gehen und eine noch größere Vielfalt an Filmemachern abbilden, nicht bloß von Männern und Frauen, sondern auch von verschiedenen Kulturen.

Denken Sie auch darüber nach eine Quote für kulturelle Vielfalt einzuführen?

Wir wollen unserem Publikum immer etwas Überraschendes bieten. Wir bekommen Filme aus 60, manchmal 65 Ländern und wir präsentieren Filme aus mehr als 50 Ländern. Manchmal, wenn das Auswahlkomitee nur deutsch oder westeuropäisch besetzt ist, ist es schwerer nachzuvollziehen wie Filme zum Beispiel in Asien erzählt werden. Der nächste Schritt ist jetzt aber keine weitere Quote, sondern Menschen einzuladen, die uns zeigen können, was anders ist im iranischen Film oder im chinesischen oder indischen Film. Auch um uns selber weiterzubilden für den Auswahlprozess der Filme fürs DOK. Aber natürlich ist unser Publikum das lokale Publikum. Und wir müssen auch sicherstellen, dass wir Filme zeigen, die sie verstehen können. Aber trotzdem ist da immer das Element der Überraschung, Filme zu zeigen, von denen sie noch gar nicht wussten, dass sie sie mögen.

Und es könnte sehr interessant sein einen Film zu sehen, der sich komplett unterscheidet von der deutschen Herangehensweise…

Ja, ganz genau und ich denke, dass ist unsere Aufgabe, etwas zu zeigen, dass das Publikum nirgendwo sonst sehen kann und dafür müssen wir uns bewusst machen, wie wir diese Filme auswählen.

Danke für das Interview.

Vielen Dank.

 

Kommentieren

Lennart Johannsen
13.06.2018 - 17:17
  Kultur