CD der Woche

Parfürmierte Einsamkeit

In ihrem Debütalbum "Soft Kill" bewegen Der Ringer sich zwischen Clouds und digitalen Welten - Die Band umkreist den Planeten, schwimmt durch Datenströme, verfällt dem Frost und sehnt sich am Ende doch nur nach der Nähe fernab von Screens.
Der Ringer
Schweben in ihrer Cloud: Die Hamburger Band Der Ringer.

Der Ringer sind eine fünfköpfige Band aus Hamburg. Ihre Musik betiteln sie selbstironisch als Soft-Punk. Der dreht sich thematisch vor allem um Gefühle, die die Softheit ihrer Musik ausmachen. Ihre Texte klingen melancholisch und handeln unter anderem von Sehnsucht, Einsamkeit und der Flüchtigkeit im Leben. Dabei haben Der Ringer sich wie keine andere deutschsprachige Band dem Thema der Digitalität verschrieben. Da wundert es auch nicht, dass man auf ihrer Website mit einem Chatbot kommunizieren kann. Der analysiert den Gesichtsausdruck durch die Webcam und schlägt einem so den zur eigenen Stimmung passenden Song aus Soft Kill vor. Dass Der Ringer immer für Überraschungen zu haben sind, haben sie auch mit ihrer letzten EP bewiesen. Nachdem sie als Vorband mit Isolation Berlin gemeinsam auf Tour waren, veröffentlichten die beiden Bands im letzten Jahr Ich gehör nur mir allein - eine Split-EP. Jetzt haben Der Ringer mit Soft Kill ihr lange erwartetes Albumdebüt gegeben.

 

Völlig losgelöst

Gleich für ihren ersten Song begibt sich die Band ins Weltall, schwebt in der Atmosphäre und will Beachtung finden, bei der Person, die sie vom Orbit aus betrachten. Zwischendurch erinnert der Song fast an eine düstere Version von Peter Schillings Major Tom. Die Zeilen sind gewohnt melancholisch. Klanglich bewegen sich Der Ringer ziemlich nah an Einflüssen der Neuen Deutschen Welle. Das Weltall ist nichts für uns singt Jannik Schneider mit von Effekten überlagerter Stimme. Grund genug wieder eine gewohnte Umgebung zu suchen. Und die findet die Band dort, wo viele einen Großteil ihrer Zeit verbringen - vor dem Screen. Apparat der zweite Song auf dem Album erschien schon auf der EP Glücklich. Der Ringer singen darin über die Oberflächlichkeit der digitalen Medien und die Nähe, die sie trotzdem zu einer anderen Person schaffen:

Du siehst mich auf deinem Screen / Ziehst ganz wild an mir herum

 

Für dich bin ich nicht real / Ein Gesicht im Datenstrom

Apparat

Von brechenden Knochen und einsetzendem Frost

In Morton Morbid weichen die NDW-Anklänge vor allem Post-Punk-Einflüssen. Schleppende Gitarren konkurrieren mit eingängigen Refrains. Der Melancholie ihrer Texte bleiben Der Ringer allerdings treu:

Alles ist hin / Alles macht Sinn / Schwelgst du leicht / In parfürmierter Einsamkeit

Weg von Computern und Screens führt der Song Frost, einer der langsameren Titel auf dem Album. "Wehr dich nicht / Erfrier mit mir zusammen" - fordert Jannik Schneiders Stimme dramatisch auf - "In diesem Frost erfrieren wir / Ich erfriere gern mit dir". Ruhig zieht sich der Song in den Strophen dahin, bis die Intensität der Drums die fordernden Zeilen im Refrain unterstreicht. Von Bemühungen und Scheitern handelt der Song Knochenbrecher. Auf eingängige Passagen folgen elektronisch verzerrter Noise und Gitarrengeschrammel, während Jannik Schneider verdeutlicht: "Ich bemühe mich, bis der letzte meiner Knochen bricht."

Mit Kanada ist noch ein weiterer Song der EP Glücklich auf dem Album vertreten. Wer das bekannte Feature mit Stella Sommer, der Sängerin von Die Heiterkeit, erwartet, wird zunächst enttäuscht werden. Jannik Schneider singt alleine auf Kanada. Der wohl ruhigste Song des Albums zieht sich von Anfang bis Ende wie ein langsamer Fluss dahin. Kanada erinnert an die melancholische Stimmung, die einen einholt, wenn man an einen lange nicht mehr besuchten Ort wiederkehrt und dort Personen trifft, die man früher gut kannte.

Ich kenn dieses Schlafen / Und diesen Ort / Ich bin selten draußen
Ich war lange fort / Lebst du noch immer nur bei dir

Die Straßen fallen / Am Ufer entlang / Ich kann mich nicht nicht halten
Ich denke daran / Die Bäche fließen wo sie niemand sieht

 

Kanada

Der Song Violence dagegen hält, was sein Titel verspricht. Der kürzeste Song auf dem Album handelt von Cyber-Viren und Laserwaffen, steigert sich düster und bedrohlich und endet in einem aggressiven Wirrwarr aus starken Beats der Drums, schmetternden Gitarren, Synthieklängen und "Violence"-Schreien, nur um dann langsam in den letzten Song des Albums überzugehen: Nach der Gewalt kommt die Ohnmacht, auch in der Trackliste von Soft Kill. Der letzte Song des Albums handelt von Tunnelblicken und Kontrollverlust "Ohnmacht, du zwingst mich in die Knie / Ohnmacht, so mächtig warst du nie" singt Jannik Schneider träge, während schleppende Gitarren das Album langsam ausklingen lassen.

Digitale Melancholie

Der Ringer veröffentlichen mit ihrem Debüt ein Album, das sich nicht sofort eingängig erschließt. Soft Kill muss man mehrmals hören. Verzerrter Gesang, dramatische Texte und Noise wechseln sich ab mit atmosphärischen Klängen und eingängigen Refrains. Mit ihrem Album schweben Der Ringer in ihrer ganz eigenen Welt irgendwo zwischen der Oberflächlichkeit der Digitalität und echten Gefühlen.  

 

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Der Ringer: Soft Kill

Tracklist:

1.  Orbit*

2.  Apparat*

3.  Morton Morbid*

4.  Frost

5.  Mikroskop

6.  Soma*

7.  Knochenbrecher

8.  Kanada

9.  Violence

10. Ohnmacht

 

Anspieltipps*

Erscheinungsdatum: 27.01.2017
Staatsakt/Caroline

Der Ringer treten am 22. Februar im Naumanns auf. Tickets gibt's hier.