Virtual Normality: Netzkünstlerinnen 2.0

Paradigmenwandel in Kunst & Gesellschaft

Das Museum der bildenden Künste (MdbK) präsentiert gesellschaftskritische Kunst, die verschiedene Dimensionen des Feminismus beleuchtet. Sie thematisiert die Bedeutung des Virtual Space als Plattform der Intervention und des individuellen Ausdrucks.
Molly Soda, "Virtual Normality: Netzkünstlerinnen 2.0"
Molly Soda, Nicole Ruggiero, Refrakt, Slide to Expose, 2017

Mit der Ausstellungseröffnung von „Virtual Normality: Netzkünstlerinnen 2.0“ hat es das MdbK tatsächlich geschafft, aus der Vernissage ein gesellschaftliches Ereignis zu machen. Der dritte Stock des Museums ist restlos gefüllt. Man ist schick bis alternativ oder auch einfach nur bunt gekleidet. Jeder grüßt jeden – Rollkragen treffen auf Overalls, Dock Martins auf Budapester. Die gesamte Kreativ-Szene Leipzigs hat sich versammelt und ist bereit, gemeinsam etwas „ganz Großem“ beizuwohnen. Wie den Ausstellungstexten zu entnehmen ist, geht es um „Feminismus“, „Soziale Medien“ und das „Selfie“. Zu sehen sind unter anderem Arbeiten von Signe Pierce (Reality Artist), Leah Schrager (Instagram-Model) und Molly Soda (Online-Exhibitionistin). Kuratiert wurde die Ausstellung von Anika Meier und Sabrina Steinek.

Das Internet spüren lernen

Das Gewusel der Menschen als ein Rauschen im Hintergrund, mutet wie eine analoge Darstellung des Internets selbst an: maximale Reizüberflutung, Rastlosigkeit und Binge-Watching... aber von Kunst versteht sich. Der Besucher wird in eine Doppelrolle hineingeworfen: Er ist Ausstellungsbesucher und Voyeur zugleich. Die Live-Performance von Signe Peirce - Hauptfigur im aufsehenerregenden Dokumentarfilm „American Reflexxx“ - vereinnahmte den Zuschauer unmittelbar und bestach durch Lautstärke, körperlichen Reiz und ein Wirrwarr an stimmverzerrten Äußerungen in eine Kamera, deren Ansicht auf die dahinterliegende Wand projiziert wurde. Ihrem Motto „The medium is the message“, wurde die Performance vollständig gerecht. Geradezu meisterhaft präsentierte die Künstlerin ein Online-Spektakel zusammenhanglosen Inhaltes und inszenierte den „virtual space“, der als Aufmerksamkeitslieferant zu einer Plattform persönlicher Repräsentanz avanciert(e).

„Kunsten“ zwischen neuer Normalität und Gesellschaft

Das Thema der Ausstellung sind die „Netzkünstlerinnen 2.0“, die sich selbst als Teil der feministischen Tradition verstehen. Sie lassen die Grenzen zwischen Leben und Kunst verschwimmen und thematisieren Rollenklischees und Schönheitsideale. Es wird die weibliche Perspektive auf Sexualität, Identität und Weiblichkeit reflektiert. Feststeht: Diese Kunst ist politisch und gesellschaftskritisch. Indem die Künstlerinnen selbst Thema und Gegenstand der Ausstellungsobjekte sind, wird die Ausstellung zur Berichterstatterin über die Dimensionen virtueller Präsenz heute.

Die Arbeiten der Netzkünstlerinnen dokumentieren, wie mittels sozialer Medien eine „einzigartige Öffentlichkeit“ und „eigene Formen der Versammlung“ geschaffen werden. Für Ludger Schwarte handelt es sich damit also um „Kunst“ (vgl. Schwarte, 2016, Notate für eine künftige Kunst, S. 33). Zu sehen bekommt man Ausstellungsobjekte verschiedener Künstlerinnen, die neben ihren vor Ort ausgestellten Stücken selbst in den sozialen Medien als Künstlerinnen auftreten. Molly Soda ist mehrfach in Form einer Collage auf dem Bett liegend zu sehen. Sie liegt herum, spricht in die Kamera oder schaut einfach nur in ihr Smartphone. Ich höre eine Besucherin, sagen: „Das könnte auch meine Freundin sein, mit der ich skype“ (Mira S., 23, Ausstellungsbesucherin und Studentin). Jede Szene für sich genommen, wirken die Situationen tatsächlich absolut normal. Erst als Collage im Museum werden die Bilder zu Kunst! Wer mit den sozialen Medien vertraut ist, den überkommt die Frage: Sehe ich hier wirklich Neues? Bilder, die man von Instagram und Facebook-Live-Videos kennt - die man eventuell sogar mit Skepsis betrachtet - werden durch die Netzkünstlerinnen nun endgültig zur Kunstform erhoben. Leah Schrager kommentiert passend dazu eines ihrer Bilder auf Instagram mit den Worten "One day I’ll be art too".

Nakeya Brown thematisiert Haarkultur

Nakeya Brown thematisiert die Haarkultur farbiger Frauen und distanziert sich explizit vom Feminismus. Ohne Bezugnahme auf „das Patriarchat und die männliche Vormachtstellung“ - so ist im Ausstellungstext zu lesen - spreche sie über die Politik des Körpers und die Identitätsbildung der farbigen Frau. Arvida Byström - schwedisches Model und Fotografin - tritt für die Körperbehaarung der Frau ein und plädiert damit für ein „upgrade in how we view bodies“. Wie auch Juno Calypso fordert sie einen Blick auf den Körper unabhängig von gesellschaftlich-kultureller Konvention. Die ausgestellten Fotografien sind Teil einer umfassenderen Arbeit, die zusammen mit Molly Soda entstanden ist und sich gegen Zensur durch Internetplattformen richtet. In einem Buch mit dem Titel „Pics or It Didn't Happen“ werden Bilder gezeigt, die von Instagram als obszön aufgefasst werden und gegen die Nutzerrichtlinien verstoßen sollen.

Auf die Plätze, fertig, KUNST!

Die verschiedenen Beiträge der Künstlerinnen laden zu immer wieder neuen inhaltlichen Auseinandersetzungen ein. „Virtual Normality“ wirkt wie ein frischer Wind, der Einzug in das MdbK hält - zumindest noch bis zum 18. April 2018.

Nebenan trifft man auf abstrakte Malerei von Anna-Eva Bergmann, die in einer Ausstellung unter dem Titel „Licht“ präsentiert wird. Im Unterschied dazu wirkt die Inszenierung der „Netzkünstlerinnen 2.0“ wie ein gesellschaftlicher Aufschrei, der - wie die Kuratorinnen im Ausstellungstext selbst anmerken - nicht zum ersten Mal erfolgt. Doch befeuert durch die sozialen Medien muss der Diskurs immer wieder von Neuem angestoßen werden. Der Besucher blickt also auf eine Ausstellung, die sich dem Zeitgenössischen verpflichtet und das Medium der Kunst explizit zum Zwecke der gesellschaftlichen Intervention operationalisiert. Was bleibt, ist die Frage, ob die Form der analogen Ausstellung ein Format ist, das den thematisierten Inhalten die angemessene Bühne schafft und ausreichend Aufmerksamkeit erzeugen kann.

„Virtual Normality“ ist zweifelsfrei eine sehenswerte Ausstellung, deren Thematik es erfordert, dass auch die Welt außerhalb der Kunst zu einem Besuch im Museum bewegt wird und daher ein absolutes Must-See ist.

 

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