Filmrezension: Der seidene Faden

Oops!... They Did It Again

„Der seidene Faden“ ist der voraussichtlich letzte Film mit Daniel Day-Lewis, für sechs Oscars nominiert und schon jetzt einer der besten des Jahres.
Reynolds Woodcock ist ein begnadeter Modemacher.

Der Beitrag zum Nachhören:

Eine Rezension von Lennart Johannsen
0602 BmE Der seidene Faden

Nur wenige Dinge sind sicher, wenn es um Filme geht. Dass Regisseur Paul Thomas Anderson und Daniel Day-Lewis ein Gespann sind, das in ihrer künstlerischen Hingabe für ein Projekt bis an Grenzen geht, ist eines dieser Dinge. Zehn Jahre nach ihrem allumfassenden Meisterwerk „There will be Blood“, gehen die beiden bei „Der seidene Faden“ weniger monumentale Wege.

Der Schneider und die Menschen

Der Film entführt das Publikum ins London der 50er Jahre. Der Modemacher Reynolds Woodcock (Daniel Day-Lewis) ist auf der Höhe seines Schaffens. In seinem Haus geht nicht nur die High Society der Stadt ein und aus, nein sogar europäische Königshäuser sind hier Kunde. Während es beruflich für ihn kaum besser laufen könnte, tut sich Reynolds im Privaten dagegen schwer. Zu seiner Schwester (Lesley Manvile), die mit ihm zusammenwohnt, hat er ein sehr unterkühltes, geschäftliches Verhältnis. In jeder Szene mit den beiden liegt so viel Unausgesprochenes in der Luft, dass es in den Kinosessel drückt. Von seinen Liebschaften ist Reynolds schnell genervt und sei es nur, weil sie am Frühstückstisch zu laut essen.

Doch als Reynolds auf einem Ausflug aufs Land die Kellnerin Alma (Vicky Krieps) kennenlernt, ändert sich das. Von Anfang an verbindet sie eine ungeheure Anziehungskraft und Obsession. Während Reynolds erst noch versucht Alma als Mannequin für ihn arbeiten zu lassen, nähern sich die beiden schon bald an und Alma zieht in das große Anwesen in der Londoner Innenstadt. Je mehr Zeit Reynolds und Alma miteinander verbringen, desto stärker entwickelt ihre Beziehung eine ganz eigene Dynamik. Alma tritt viel selbstbewusster auf, als er es gewohnt ist. Sie will mehr sein, als nur eine Muse und fordert ihn heraus, sich auf eine ernsthafte Beziehung einzulassen. Gerade als es Reynolds zu viel wird und er der Verantwortung entfliehen will, beginnt Alma drastische Maßnahmen zu ergreifen, um ihn an sich zu binden.

 

Das Auge schaut mit

Anderson, der in „Der seidene Faden“ nicht nur Regie, sondern auch die Kamera führt, fängt hier Bilder ein, die dem Film die Ästhetik einer Modenschau geben. Sein Gespür für das Bild zeigt sich hier in bemerkenswerter Form. Auch wenn die Ausstattung und das Design mit den bestimmenden satten Farben eher konservativ gehalten sind. In diesem Rahmen bewegen sich, nicht weniger stilsicher, die großartigen Schauspieler. Allen voran natürlich Day-Lewis, aber auch Vicky Krieps, und Lesley Manvile liefern eine tolle und vielschichtige Leistung ab. Ihr Spiel wirkt angenehm ungezwungen, kommt ohne Kitsch aus. Und als wäre das nicht genug, wird das ohnehin schon gute Gesamtbild von einem sehr stimmungsvollen und oscarnominierten Soundtrack abgerundet, komponiert von Radiohead Gitarrist Johnny Greenwood.

Der Soundtrack zum Nachhören:

 

Von allem nur das Beste

Was genau „Der seidene Faden" ist, ist schwer zu erfassen. Kostümfilm, Liebesgeschichte, verstörendes Psychodrama und immer wieder auch komische Momente. Was erst mal nach einer wilden Mischung klingt, geht im Laufe des Films exakt auf. Verbunden mit einer unwiderstehlichen Ästhetik aus Bild und Ton entspinnt sich die Geschichte zu einer packenden Charakterstudie im historischen Gewand.

„Der seidene Faden“ hat die Oscarnominierungen mit Sicherheit alle zu Recht und wäre in einigen der Kategorien auch ein verdienter Sieger. Darüber hinaus ist der Film schon jetzt einer der besten des Jahres.

 

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Lennart Johannsen
12.02.2018 - 12:15
  Kultur

Der seidene Faden:

Regie: Paul Thomas Anderson

Laufzeit: 131 Minuten

FSK: 6

Cast: Daniel Day-Lewis, Vicky Krieps, Leslie Manvile

Kinostart: 1. Februar 2018 (in Deutschland)

"Der seidene Faden" ist nominiert für den Oscar in den Kategorien:

  • Bester Film
  • Bester Hauptdarsteller
  • Beste Nebendarstellerin
  • Beste Regie
  • Beste Filmmusik
  • Bestes Kostümdesign