Der Pflegeberuf im Pflegenotstand

Nur Stress & vernachlässigte Patienten?

Der Pflegenotstand ist in vielen Seniorenheimen in Deutschland akut – dadurch wird der Beruf in ein negatives Licht gerückt. Pflegekräfte haben viel Stress – das ist aber nicht das, was den Beruf ausmacht.
Auszubildende Pflegekraft Laura Wendler
Auszubildende Pflegekraft Laura Wendler

mephisto 97.6-Reporterin Peggy Fischer hat eine Auszubildende und eine Pflegefachkraft in ihrem Arbeitsalltag begleitet. Die Reportage finden Sie hier zum Nachhören und unten zum Nachlesen.

Alles nur Stress & vernachlässigte Patienten? Der Pflegeberuf im Pflegenotstand - Eine Reportage von Peggy Fischer
Reportage Altenpflege Peggy Fischer

 

Laura Wendler sitzt im Hinterhof auf einer Holzbank und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Sie ist eine kleine, zierliche junge Frau mit langen roten Haaren und sie trägt eine türkise Brille, eine weiße Hose und ein gelbes kittelartiges Oberteil. In der rechten Hand hält sie eine Zigarette zwischen Mittel- und Zeigefinger, die führt sie noch ein letztes Mal zu ihrem Mund – zischhhhhh – dann drückt sie sie in einem kleinen Aschenbecher aus. Laura verlässt die sonnige Stille des Hinterhofs und betritt das „Haus am Silbersee“. Sie steigt die Treppen zu Wohnbereich Drei hinauf, um 6:30 Uhr beginnt damit der Arbeitstag der auszubildenden Pflegekraft.

Das Rondell ist durch einen Zugang zum Balkon und die großen Fenster lichtdurchflutet und sowas wie der Mittelpunkt des Stockwerks – die Wände sind in hellem Beige gestrichen, der Bodenfliesenkreis ist von den Gängen nur abgetrennt durch Vitrinen aus Holz, in denen sich Vasen, Tee-Service und Figuren aus Metall, Porzellan und allen möglichen anderen Materialien tummeln. In einem der Regale gibt es ein Radio und einen kleinen Fernseher. Auf ihn gerichtet stehen etwa ein Dutzend orangene Sessel. 

Noch ist das alles leer und still, nur im Hintergrund hört man den Sachsenradio-Jingle und die Moderatorin, die mit fröhlicher Stimme „allen Hörern einen guten Morgen“ wünscht. Von Dauer wird diese Ruhe aber nicht sein, denn ab 6:40 Uhr beginnen die Pfleger langsam, die Bewohner zu wecken.

- 6:30 Uhr -

Genauso sieht es um diese Zeit auch zwei Stockwerke tiefer auf Wohnbereich Eins aus. Direkt an das Rondell schließt ein Büro mit Pausenraum an. Dort sitzt Nadine Klose am Computer. Die kleine, kurzhaarige Frau liest einige Akten durch. Sie ist ausgelernte Pflegefachkraft. Heute ist sie die einzige Fachkraft auf Wohnbereich Eins. Das bedeutet, sie ist die Einzige, die die Behandlungspflege der rund vierzig Bewohner auf diesem Wohnbereich durchführen darf, also alle medizinischen Leistungen wie zum Beispiel die Medikamentenausgabe, aber auch Blutdruckmessungen, Wundversorgung oder Verbandswechsel. Normalerweise müssten mindestens zwei Pflegefachkräfte Dienst haben, aber Nadines Kollegin hat sich heute krankgemeldet. So schnell konnte sie nicht für Ersatz sorgen. 

Eigentlich lässt sich der Dienstplan im „Haus am Silbersee“ recht gut füllen – eine Luxussituation für ein Seniorenheim. In vielen Heimen haben die Pflegedienstleitungen mit Personalmangel zu kämpfen. Dass das im „Haus am Silbersee“ anders ist, liegt Nadines Einschätzung nach daran, dass die Mitarbeiter so zufrieden seien. Hier bekommen die Pflegekräfte verschiedene Zulagen, beispielsweise werden ihnen regelmäßig neue Arbeitsschuhe bezahlt. Außerdem sei die Atmosphäre untereinander sehr gut, meint Nadine.

Während Nadine Bewohnerakten durchgeht und auf den neuesten Stand bringt, hat sie immer ein Telefon vor sich. So ist Nadine als Pflegefachkraft jederzeit erreichbar. Wenn es nicht in ihrer Nähe liegt, hat sie es in der Tasche ihres Kittels. So erfährt sie schnell von Notfällen und ist auch während der Pause erreichbar.

- 6:40 Uhr -

Lange auf sich warten lässt der erste Bewohner nicht: Ein kleiner Herr in einem weißen Polo-Shirt und einer dunklen Jogginghose betritt mit einem Rollator das Büro. “Ach, guten Morgen, Herr E.!”, begrüßt ihn Nadine. Sie holt einen Stuhl und stellt ihn neben ein Aktenschränkchen. Darauf liegen Papierblätter in Plastikhüllen mit Texten und Tabellen sowie Insulinspritzen, die aussehen wie durchsichtige Stifte. Herr E. läuft vor den Stuhl und setzt sich langsam. Er hält sich immer noch am Rollator fest, während Nadine ihm mit einer kleinen Nadel ins Ohrläppchen pikst, ein Messgerät an die Stelle hält und – Piiiiiiiep – den Zuckerwert davon abliest: “6,2 Herr E.”. “Das’ doch gut!”, antwortet er und ohne weitere Anweisungen abzuwarten steht er auf und verlässt das Büro. Nadine nimmt eines der Papiere vom Holzregal, zieht es halb aus der Plastikfolie und notiert etwas. Sie stellt den Stuhl wieder an seinen Platz, steckt das Telefon in die Tasche ihres Kittels und geht los, um den anderen Pflegern beim Wecken der Bewohner zu helfen.

- 7:15 Uhr -

Klopf, Klopf, Klopfffff

Auf Wohnbereich Drei öffnet Laura eine Holztür und betritt Frau G.’s Zimmer.  Frau G. schläft noch tief und fest in ihrem Bett. Über ihr baumelt ein weißer Triangelgriff. In einem Regal an der Wand stehen Bilder von Frau G.’s Kindern und ihrem Enkelkind. 

Mit einem zuckersüßen „Guten Morgeeeeeeen!“ kauert sich Laura vor das Bett, direkt ans Kopfende, sodass ihr Gesicht nur Zentimeter von Frau G. entfernt ist.

„Ham Sie gut geschlaaafen?“

„Nicht gut. Mir tat alles sooo weh.“

„Ach Mensch… Das tut mir leid. Ich guck dann gleich mal, ne.“

„Ich hab sowas nie gekannt. Ich bin in der Früh aufgestanden, hab alles gemacht. Auch zu Hause, wo ich ins Büro gelaufen bin. Da hat die Mutti immer gesagt: Du pass auf, du hast ganz schöne Beine. Und wo ich dann nach Hause komme, sagt sie: Und? Schuhe noch ganz?“

Frau G. erzählt noch ein bisschen von früher, Laura will aufstehen, aber die hält sie am Arm und erzählt weiter von ihrer Mutter.

Dann unterbricht Laura Frau G.’s Redefluss doch und sagt: “Komm, wir stehen mal auf.” 

Aus dem Nebenzimmer hört man eine Bewohnerin mit kratziger Stimme laut rufen: “Lalalalalalalalalala…!” Immer in regelmäßigen Abständen. 

Laura schiebt Frau G.’s Rollstuhl zum Bett und hilft der alten Frau hinein. Sie zieht ihr Hausschuhe an und bringt Frau G. ins Bad – ein relativ kleiner Raum mit einer Toilette samt Haltestange, einem Waschbecken, einem Spiegel und einer Dusche. Laura schiebt Frau G. vor die Toilette und hilft ihr, sich darauf zu setzen. Dann verlässt sie das Bad für einige Minuten, damit Frau G. sich nicht von ihr gestört fühlt. 

Laura geht wieder rein, setzt Frau G. zurück in den Rollstuhl und schiebt sie vor den Spiegel. Sie lässt lauwarmes Wasser in das Waschbecken ein. Von einem Regal neben dem Becken nimmt sie einen frischen Waschlappen. Sie taucht ihn ins Wasser und beginnt, damit über Frau G.’s Beine zu streichen.

„Ich fang einfach mal an, ne?“

„Mhm.“

„Wenn irgendwas unangenehm ist, oder weh tut sagen Sie mir Bescheid, ja?“

“Was?”

“Wenn was unangenehm ist, oder weh tut, sagen Sie mir Beschied, ja?”

“Ja, ja.”

Laura arbeitet sich während der Wäsche langsam von unten nach oben. Dabei wechselt sie mehrmals das Wasser. Eigentlich wäscht man Bewohner zwar von oben nach unten, aber Frau G. will das lieber andersherum. Dabei spricht Laura die ganze Zeit mit Frau G. und sagt ihr, was sie gerade tut, fragt sie, ob die Temperatur des Wassers angenehm ist. Laura zieht Frau G. schrittweise an, zuerst die Unterhose mit einer Einlage, dann die Socken, eine schwarze Hose, ein Unterhemd und zum Schluss einen weißen Strickpullover. Der ist eigentlich viel zu dick für heute, immerhin sollen es bis zu dreißig Grad werden. Aber Frau G. will ihn trotzdem anziehen: “Ich kann doch nicht angezogen gehen wie ein … Hauslappen!” Nachdem sie angezogen ist, putzt Frau G. sich selbst die Zähne. Laura bringt schnell den ausgezogenen Schlafanzug weg. “Aber dass du mich nicht zu lang alleine lässt. Sonst fang’ ich an zu schreien.”, meint Frau G. – beide lachen – “Und den Schlafanzug legst du unter’s Kopfkissen ja?”

- 7:41 Uhr -

Laura bringt die alte Wäsche zu einem Wäschewagen im Flur. Dann zieht sie noch Frau G.’s Bett ab und desinfiziert es mit einem Tuch. Das wird etwa einmal pro Woche gemacht. Währenddessen kommt Frau G. in ihrem Rollstuhl aus dem Bad, rollt bis vor das Fenster und fängt an, sich die Haare zu kämmen. Laura tritt von hinten an sie heran, beugt sich zu ihr runter und sagt: “Meine Frau G., ich hab’ Ihr Bett sauber gemacht, aber das is noch bisschen feucht, ich würd’ das in paar Minuten beziehen.”

“Was? Weißt du was, Mausebär, wir werden, wir beiden, wir werden uns anmelden als Clowns-Duo. Du bist groß und schlank, und ich hab’ krumme Beine.”

Beide lachen und Laura umarmt Frau G.

Laura bezieht das Bett, legt den Schlafanzug unters Kopfkissen und ruft noch einmal: “Wir sehen uns gleich beim Frühstück ‘ne?”. Damit ist die Morgenroutine für Frau G. nach 40 Minuten beendet.

Wie lange Laura für die morgendliche Grundpflege eines Bewohners braucht ist unterschiedlich. Bei manchen müsse man sich mehr Zeit nehmen, bei anderen gehe das schneller. Frau G. sei eine Bewohnerin, die besonders viel Zuwendung brauche. Das sei aber gar nicht so schlimm, meint Laura.

2017 sind mit dem zweiten Pflegestärkungsgesetz die Pflegegrade eingeführt worden. Die beschreiben den anerkannten Pflegebedarf eines Menschen. Bis Ende 2016 sind Pflegebedürftige in Pflegestufen eingeteilt worden. Welche einem Menschen zugeschrieben wurde, bemaß sich am Pflegeaufwand. Je länger ein Pfleger also für Dienstleistungen, wie zum Beispiel die Unterstützung beim täglichen Waschen gebraucht hat, desto höher die Pflegestufe. Dann waren die Leistungen, die ein Bewohner von den Pflegekräften bekommen hat der Pflegestufe entsprechend genau eingetaktet. Ein Beispiel: Bei Bewohner XY hat der Pfleger zwei Minuten für das Zähneputzen, fünf Minuten für den Toilettengang, etc. “Und um Himmels Willen du hast länger gebraucht!” kommentiert Laura die frühere Situation. Mit der Umstellung auf die Pflegegrade hat sich das aber verändert. Jetzt ist nicht mehr die Hilfsbedürftigkeit eines Bewohners in Minuten ausschlaggebend, sondern der Grad der Selbstständigkeit eines Menschen. Also genau das Gegenteil: Der Pflegegrad eines Bewohners bemisst sich jetzt daran, wie viel er noch selbst schaffen kann. Damit fällt die Taktung der Pflegeleistungen weg.

- 8:00 Uhr -

Im Rondell auf Wohnbereich Eins sitzen drei Bewohner, gucken in der Gegend rum und nippen hin und wieder an ihren Plastikbechern. Im Hintergrund läuft das Sachsenradio. Im Büro nebenan bereitet Nadine die Medikamente für die Senioren vor. Dafür gibt es vier durchsichtige Plastikboxen, eine für jeden Speisesaal. Darin sind kleine Fächer für verschiedene Bewohner angelegt. In die sortiert sie die Tabletten ein. Nadine nimmt eine der Boxen, geht in die Küche und holt von dort den Frühstückswagen, ein rollbarer Servierwagen aus Edelstahl; darauf steht das Frühstück, das schon von der Küche vorbereitet worden ist. Sie bringt ihn in den Speisesaal zu drei Bewohnern, die schon seit sieben Uhr um einen großen Holztisch sitzen und in die Gegend schauen. Zu ihnen haben sich mittlerweile drei Weitere gesetzt. Auf dem Tisch stehen kleine Blumengedecke und es liegen Lätze bereit. Nadine nimmt die Medikamentenbox vom Wagen und teilt die Tabletten an die Bewohner aus.

Auf Wohnbereich Drei betritt auch Laura zusammen mit Frau G. den Speisesaal. Am Tisch sitzen bereits zwei ältere Frauen. Sie haben die Hände im Schoß gefaltet und schauen ihren Orangensaft an, der vor ihnen steht. An der Wand steht ein kleiner Servierwagen, genau wie auf Wohnbereich Eins. Laura beginnt, das Frühstück auszuteilen: Sie schmiert Brote, schneidet sie klein, füllt Kaffee oder Tee in Tassen und stellt allen Bewohnern das Frühstück auf den Tisch. Wer noch fit genug ist, bekommt einen Klecks Nutella oder Marmelade auf den Teller und schmiert sich sein Brot selbst. Die Bewohner, die bettlägerig sind, bekommen das Frühstück von den Pflegern ans Bett gebracht. Immer mehr Bewohner kommen in den Speisesaal, alle werden von Laura mit einem fröhlichen “Guten Morgeeeeen!” begrüßt.

Frau B. fängt an zu weinen. Laura setzt sich zu ihr, sie nähert sich dem Gesicht von Frau B., legt eine Hand auf ihrem Arm, mit der anderen wischt sie ihr eine Träne von der Wange. Sie murmelt beruhigend auf sie ein: “Ach meine Frau B…“ Frau B. murmelt etwas unverständliches. Sie hat Parkinson und kann kaum noch sprechen.

“Wenn’s noch irgendwas gibt, was ich Ihnen Gutes tun kann, dann müssen Sie mir das sagen. Ich hab heute auch ein bisschen Zeit.” 

Frau B. murmelt etwas Unverständliches vor sich hin und Laura streicht ihr sanft über die Wange.

Für Laura sei das eine der größten Herausforderungen in ihrem Beruf: An manchen Situationen einfach nichts mehr ändern zu können. Sie liebe es, Menschen zu helfen und wenn sie das nicht mehr kann, weil einer ihrer Bewohner zu krank ist, dann sei das für sie eines der schlimmsten Dinge, die passieren können. „Das ist auch das, was meiner Meinung nach die Wenigsten sehen: Dass die Herausforderung am Pflegeberuf nicht ist, jemandem den Hintern abzuwischen, sondern das ganze emotionale Drumherum.“ Dass Laura häufig auf die wenigen unangenehmen Aspekte ihrer Arbeit reduziert wird verletze sie, gerade wenn der Respekt fehlt.

- 8:39 Uhr -

Auf Wohnbereich Eins geht Nadine zurück ins Büro und holt die zweite Medikamentenbox. Sie bringt sie zum Frühstückstisch im nächsten Gang. Nadine teilt die Tabletten an die Bewohner aus, dann wird sie auch schon von einer Kollegin gerufen: “Der Doktor ist da!” Gespräche mit den Ärzten dürfen nur die Pflegefachkräfte übernehmen, und da Nadine heute die einzige Fachkraft auf Wohnbereich Eins ist, muss sie das machen. Der Arzt, ein hochgewachsener älterer Herr im grauen Hemd, wartet im Büro auf sie. Sie besprechen die Situation eines Bewohners, dessen Katheter sich gelöst hat und wie sie weiter verfahren sollen. Sie holt eine Akte aus einem kleinen Regal und reicht sie dem Arzt. Der notiert dort etwas und verabschiedet sich.

Nadine nimmt die letzten zwei Medikamentenboxen aus dem Büro und verteilt die Tabletten an die Bewohner in den verbliebenen Speisesälen.

- 9:08 Uhr -

Nach dem Frühstück setzt Nadine sich an einen der Rechner im Büro und öffnet ein Programm. Auf dem Bildschirm erscheinen einige Tabellen. Dort sind Bewohnerakten angelegt und vorgefertigte Pflegepläne, in denen die Pfleger vermerken, welche Vorgänge ausgeführt wurden, welche nicht, und warum. Wenn Probleme auftreten, werden kurze Berichte geschrieben. Nadine trägt ein, dass alle Bewohner Medikamente erhalten haben und dokumentiert, ob sie über Schmerzen geklagt haben. Auch den Arztbesuch fasst sie kurz zusammen. Diese erste Dokumentation dauert etwa eine Viertelstunde. Dann holt sich Nadine etwas zu trinken – zum ersten Mal heute!

- 9:11 Uhr -

“HILFE! HILFE!” 

Die Schreie kommen von einem Bewohner im Rondell auf Wohnbereich Drei. Es handelt sich um Herrn W., ein Mann im Rollstuhl. Er hat eine Halbglatze, seine Haare sind weiß und sehen ganz dünn und flauschig aus. An der Stirn hat er einen Bluterguss.

“HILFE! HILFE!”

“HALT’S MAUL!” schreit ein anderer Bewohner. Die beiden Männer werden schnell voneinander getrennt.

- 9:16 Uhr - 

Laura hat Herrn W. einen Strohhut und eine Sonnenbrille aufgesetzt.

“Bitte, bitte, nehmen Sie mich mit.”

“Jaaa, mach ich doch, ich hab nur meine Sonnenbrille geholt.”

“Oh, dankeschön!”

Herr W. ist schwer dement. Er vergisst häufig, wo er gerade ist. Dass er um Hilfe ruft oder andere beleidigt kommt oft vor. Wenn sich dann ein Pfleger zu ihm setzt und mit ihm redet, wird es besser. Darum versuchen die Pfleger, sich so viel wie möglich mit Herrn W. zu beschäftigen, aber er ist ein Bewohner von vierzig auf Wohnbereich Drei. Sobald man ihn alleine lässt, fängt er Sekunden später wieder an, nach Hilfe zu rufen. Wovor Herr W. Angst hat, ist nicht wirklich klar. Das weiß er wohl selbst nicht – aufgrund seiner Demenz. 

Draußen ist es warm. Die Sonne scheint angenehm auf Lauras Haut, gleichzeitig weht ein frischer Wind. Die Luft hier am Silbersee ist frisch, es riecht nach frischgemähtem Gras, man hört von überall Vogelgezwitscher. Um den dunkelblauen See herum führt ein schmaler Spazierweg;  Laura schiebt Herrn W. dort entlang. Er sagt immer wieder “Schwester! Nehmen Sie mich mit!” 

“Aber ich bin doch da, Herr W., Sie sehen mich nur nicht, weil ich den Rollstuhl schiebe.” 

Hin und wieder kommen sie an einer Bank vorbei, irgendwann entscheidet Laura, sich mit ihm hinzusetzen. 

“Schwester!” 

“Jaaa?” 

“Bitte! helfen Sie mir!” 

“Was soll ich machen?” 

“Helfen.”

“Und wie?”

Stille.

Herauszufinden, was ein Demenzkranker braucht, ist nicht einfach. Manchmal können sie sich nur noch durch “Hilfe, Hilfe!” äußern, genauso wie Herr W. Dann muss Laura nachfragen, immer wieder nachfragen. Was los ist, wie sie helfen kann, ob dem Bewohner etwas wehtut.

- 10:06 Uhr -

Auf Wohnbereich Eins setzt sich Nadine wieder an ihre Dokumentation. Sie schreibt einen kurzen Bericht über die Schmerzmittel, die sie Frau R. gerade gegeben hat. Danach öffnet sie eine Excel-Tabelle auf dem Computer, in der alle anstehenden Reparatur- und Verbesserungsarbeiten festgehalten werden, und ergänzt sie. Sie setzt die Tür zu ihrem Büro auf die Liste, weil die schon den ganzen Tag klemmt.

- 10:34 Uhr -

Pause.

Auf Wohnbereich Drei sitzen Pfleger um den großen Holztisch in der Mitte des Aufenthaltsraumes und essen. Auch in der Pause gibt es für die Pflegekräfte hauptsächlich ein Thema: die Bewohner. Es wird darüber geredet, wer in nächster Zeit Geburtstag hat, wer sich in letzter Zeit gut macht und wer „abgebaut“ hat. Bevor es wieder an die Arbeit geht, geht Laura erst noch rauchen.

- 11:08 Uhr -

Nadines Arbeitstag auf Wohnbereich Eins geht genauso weiter, wie er angefangen hat – mit Zuckermessen und Insulin spritzen: Nach und nach kommen dieselben Bewohner wie schon am Morgen. Dann bereitet Nadine die Medikamentenboxen für das Mittagessen vor und verteilt sie auf die Speisesäle in den verschiedenen Gängen. Einigen Bewohnern hilft sie beim Tablettenschlucken, andere versucht sie dazu zu animieren, etwas zu essen. Mit wieder anderen unterhält sie sich kurz.

- 11:15 Uhr -

Laura geht ins Rondell auf Wohnbereich Drei, zu Herrn G., der in einem der orangenen Sessel sitzt, beugt sich zu ihm runter und fragt: “Ha’m Sie Hunger?”. Um halb zwölf gibt es Mittagessen und Laura muss langsam die Bewohner in die Speisesäle bringen. Sie bringt Herrn G. zu seinem Platz dort. Langsam füllt sich der Speisesaal. Die Bewohner sitzen um die Tische, mit Wassergläsern und Schnabeltassen vor sich und warten auf das Essen. Heute gibt es Nudelpfanne. 

Nachdem alle Bewohner ihr Essen bekommen haben, nimmt sich Laura aus einer Ecke des Speisesaals einen kleinen Hocker und setzt sich an den Tisch zu Frau Z. Sie sitzt im Rollstuhl und kann sich kaum mehr rühren. An ihrem Stuhl ist ein kleiner Tisch befestigt, auf dem ein Schokogetränk steht. Frau Z. kann nicht mehr selbstständig essen, Laura muss ihr das Essen also reichen. Sie bekommt auch keine feste Nahrung, sondern Püriertes aus einer Schnabeltasse. Laura begrüßt Frau Z. und fragt sie, ob ihr das Schokoladengetränk schmeckt – aber sie guckt nur gradeaus. Frau Z. kann nicht mehr sprechen. Sie sitzt nur da, kann ihren Mund minimal öffnen, die Stirn etwas runzeln und zwinkern. Gar nicht so leicht für Laura, da rauszufinden, ob Frau Z. das Essen schmeckt, sie noch Hunger hat, etwas trinken will oder doch etwas ganz anderes möchte. Laura achtet ganz genau auf Frau Z.’s Mimik. 

“Möchten Sie noch was essen?” 

Ein kleines Zucken mit der Augenbraue? - Ja. 

“Was trinken?” 

Eine minimale Kopfneigung zur Seite? - Nein. 

“Möchten Sie was von Ihrer Schokolade?” 

Ein kurzes Mundöffnen? - Ja. 

“Satt?” 

Ein Lächeln? - Ja. 

Eine halbe Stunde geht das so. Laura fragt immer wieder nach und interpretiert Frau Z.’s Verhalten und die scheint zufrieden mit ihrer Pflegerin: Am Ende streichelt Laura Frau Z.’s Wange, sie drückt ihren Kopf gegen Lauras Hand - ganz leicht, aber trotzdem merklich.

- 11:39 Uhr -

Während sich die Pfleger auf Wohnbereich Eins beim Mittagessen um die Bewohner kümmern, muss Nadine wieder dokumentieren: Haben alle Bewohner ihre Tabletten bekommen? Gab es irgendwo Probleme? Was hat der Arzt bei seinem Besuch gesagt? Alles wird ganz penibel in die Akten im System eingetragen, damit es nicht zu Fehlern kommt.

Diese Akten müssen von den ausgebildeten Pflegefachkräften geschrieben und auf dem aktuellen Stand gehalten werden: Die ersten sechs Wochen nach dem Einzug schauen sie sich das Verhalten des neuen Bewohners an: Wann will er aufstehen? Wie wird er gepflegt? Was hat er gerne? Auf dieser Grundlage wird eine individuelle Pflegeplanung erstellt. Die Pfleger haken dann im System ab, welche Leistung wann bei dem Bewohner erbracht wurde. Jede Pflegefachkraft bekommt eine Gruppe von sechs bis sieben Bewohnern zugeordnet, für die sie diese Akten führt. Die Akte muss dabei immer der aktuellen Pflegesituation des Bewohners entsprechen: Verschlechtert sich die Pflegesituation, muss sie sofort angepasst werden. Dann muss auch mit den Angehörigen und den zuständigen Ärzten gesprochen werden. Es wird darüber beraten, ob ein anderer Pflegegrad benötigt wird. Die Dokumentation ist daher ein extrem wichtiger Teil der Pflegearbeit. Sie ermöglicht Einsicht in die Behandlung der Bewohner – man kann erkennen, ob Fehler gemacht wurden.

- 13:30 Uhr -

Auf Wohnbereich Drei ist Laura für heute mit der Pflege fertig – aber damit endet ihr Arbeitstag noch nicht. Jetzt muss auch sie zurück ins Büro und dokumentieren. Das geht relativ schnell, es dauert heute grade mal fünf Minuten. An einem ganz normalen Tag seien das sogar nur zwei, meint Laura.

- Feierabend -

Ein ganz durchschnittlicher Arbeitstag geht langsam zu Ende. Jetzt erfolgt nur noch die Übergabe an die Spätschicht, also eine Besprechung der Ereignisse vom Morgen und Mittag. Wenn noch etwas erledigt werden muss, erfahren das die Pflegekräfte der Spätschicht. Danach können sich Laura und Nadine auf den Heimweg machen und ihren restlichen Tag in der Sonne genießen.

 

 

 

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Peggy Fischer
18.09.2018 - 00:00