Frisch Gepresst: Sleater-Kinney

Noch immer nicht genug

Sie können es nicht lassen. Zum Glück! Denn Sleater-Kinney bringen auf ihrem zehnten Album "The Center Won't Hold" einen neuen Sound in ihre Musik und überraschen damit ihre Fans.
Sleater-Kinney
Carrie Brownstein und Corin Tucker gehen mit "The Center Won't Hold" einen Schritt weiter.

So lange, wie beim letzten Mal, mussten wir nicht auf neue Songs von Sleater-Kinney warten. Schon kurz nach dem Erscheinen ihres letzten Albums „No Cities To Love“ (2015) kündigte das ehemalige Riot-Grrrl Trio an, dass es weiter gehen würde. Über die Zukunft von Sleater-Kinney hatten ihre Fans lange gerätselt, als sie nach acht Alben 2005 eine Pause einlegten und sich anderen Projekten widmeten. Schlagzeugerin Janett Weiss spielte in anderen Bands, Gitarristin und Sängerin Corin Tucker brachte zwei Solo-Alben auf den Markt und für Carrie Brownstein stand fest: die Musik muss erstmal warten und sie widmete sich stattdessen ihrer Autoren- und Schauspielkarriere (u.a. „Transparent“ & „Portlandia“).

Von Riot-Grrrls zu Riot-Women

Mitte der 90er Jahre waren Sleater-Kinney wichtiger Teil der feministischen Riot-Grrrl Bewegung und attackierten in ihren Songs Geschlechterrollen, Sexismus und allerlei andere Themen. Nun sind sie mit ihrem zehnten Studioalbum „The Center Won’t Hold“ zurück und die Erwartungen sind groß. Der gleichnamige erste Song der Platte ist ein psychedelisches Intro in das Album. Was sich erst langsam und düster ankündigt, verfällt ab dem zweiten Drittel in einen wilden Punk-Track, den man von Sleater-Kinney gewohnt ist.
Das Album wurde von Annie Clark alias St. Vincent produziert, deren Einfluss auch deutlich zu hören ist. Vor allem die Gitarren in „Hurry on Home“ könnten so auch in einem St. Vincent Song erklingen und verbinden sich wunderbar mit dem rockig-schrammeligen Sound von Sleater-Kinney. Im Song geht es um die emotionale und physische Abhängigkeit von einem Menschen und der Verlust des eigenen Selbstwerts, was im Video zum Song durch eine SMS Konversation in Szene gesetzt wird.

Das Album schreit vor Schmerz und Leid, zum Beispiel in „Reach Out“ oder dem düsteren „Ruins“ und trotzdem schleichen sich immer wieder hoffnungsvollere Töne ein, die dann durch poppige Melodien und eingängige Hooks unterstrichen werden. In „Can I go On“ und „LOVE“ erinnert dann nur wenig an die Punk-Göttinnen von früher, aber man verzeiht es ihnen. Diese neue Richtung der Band klingt verspielter und sie trauen sich mit Synthies und Effekten zu arbeiten. Viele Fans sind damit sicher nicht einverstanden und auch Schlagzeugerin Janett Weiss konnte sich in diesem neuen Sound leider nicht mehr wiederfinden und verließ die Band kurz vor Veröffentlichung des Albums.

Everyone I know is funny

 

But jokes don't make us money

 

Sell our rage, buy and trade

 

But we still cry for free every day

 

aus "Can I Go On"

„The Center Won’t Hold“ ist ein Verzweiflungsschrei von zwei erwachsenen Frauen, die sehen, dass die Welt um sie herum noch immer nicht gerecht ist. In einem apokalyptischen Szenario singen sie in „Bad Dance“ davon, dass wir alle schon immer auf den Weltuntergang vorbereitet wurden. „The Future Is Here“ spricht wiederum vom verzweifelten Streben nach menschlichen Kontakten in Zeiten von wachsender Anonymität. Der größtenteils düstere Gothic-Dance Stil des Albums löst sich am Ende in der traurigen Klavier-Ballade „Broken" auf, in der Tucker auf die Anhörung von Christine Blasley Ford anspielt. Ford hatte wegen Missbrauchsvorwürfen vergeblich gegen den Supreme Court Richter Bret Kavanaugh geklagt. Für Sleater-Kinney ein schmerzhaftes Zeichen dafür, dass sich noch nicht viel geändert hat.

Fazit

In „The Center Won’t Hold“ gehen Sleater-Kinney einen Schritt weiter und lassen ihren “alte Garagen-Rock” hinter sich. Sicher spielt dabei auch St. Vincents experimenteller Einfluss eine Rolle, doch auch Brownstein und Tucker zeigen auf ihrem zehnten Album, dass sie nicht still stehen und sie nach wie vor die Welt verändern wollen.

 

 

 

 

 

 

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Sleater-Kinney: The Center Won't Hold

Tracklist:

1. The Center Won't Hold

2. Hurry On Home*

3. Reach Out

4. Can I Go On*

5. Restless

6. Ruins

7. Love*

8. Bad Dance

9. The Future Is Here

10. The Dog/The Body

11. Broken

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 16.08.2019
Mom + Pop

Im Februar 2020 gehen Sleater-Kinney auf Europa-Tournee mit zwei Daten in Deutschland:

18.02. - Berlin, Astra

22.02. - Frankfurt, Batschkapp

Tickets dafür gibt's hier