Wiedervereinigung

Noch immer keine Einheit

Am 3. Oktober 1990 schlossen sich BRD und DDR zu einem Staat zusammen. Trotzdem bestehen 27 Jahre danach noch massive Unterschiede zwischen Westen und Osten. Ist Deutschland also nur auf dem Papier "wiedervereinigt"?
Berliner Mauer
Die Berliner Mauer fiel 1989 - mit ihr zumindest die sichtbare Grenze zwischen Westen und Osten.

Der Kommentar von Rebecca Kelber:

Rebecca Kelber über den langwierigen Prozess der Wiedervereinigung.
0210 Tag der Deutschen Einheit

Heute wird etwas gefeiert, was vielen Deutschen zufolge gar nicht existiert: Laut einer Forsa-Umfrage sehen die Hälfte der Befragten Ost- und Westdeutschland nicht als Einheit. Menschen in Ostdeutschland verdienen im Schnitt fast 20 Prozent weniger als Westdeutsche. Die gesamte wirtschaftliche Situation ist in Ostdeutschland immer noch deutlich schlechter. Und: Auch die Unterschiede im politischen Klima sind auffällig. Ein Blick in die Zeitung genügt und schon besteht Sachsen nur aus Menschen, die AfD wählen und Politiker beschimpfen.

Ich stelle es mir aufregend vor, dabeigewesen zu sein: Bei den wöchentlichen Montagsdemonstrationen, bei denen die Menschen viel riskierten. Voller Angst und Hoffnung waren. Und dann beim überraschenden Mauerfall, der plötzlichen Freiheit.

Bei all diesen düsteren Bildern fällt es mir schwer, mich in die Zeit vor der Wiedervereinigung hineinzuversetzen. Denn ich wurde einige Jahre danach in Westdeutschland geboren. Aber ich stelle es mir aufregend vor, dabeigewesen zu sein: Bei den wöchentlichen Montagsdemonstrationen, bei denen die Menschen viel riskierten. Voller Angst und Hoffnung waren. Und dann beim überraschenden Mauerfall, der plötzlichen Freiheit. Die friedliche Revolution erscheint mir als einer der wenigen positiven Momente in der deutschen Geschichte.

Ein kompletter Staat war innerhalb eines Jahres verschwunden.

Aber man sollte auch auf die Monate und Jahre nach der Wende nicht vergessen. Einerseits wurde unglaublich viel Geld in Ostdeutschland gepumpt. 1990 war die DDR wirtschaftlich noch auf dem Stand der schwächsten EU-Länder. Schon Mitte der Neunziger Jahre ging es drei Viertel der Ostdeutschen finanziell fast so gut wie den Menschen in Westdeutschland. Andererseits verloren viele Menschen ihre Jobs. Die Mieten stiegen enorm an. Die Kriminalität nahm zu. Und schnell geriet die wirtschaftliche Angleichung ins Stocken.

Vor allem aber waren die alten Glaubenssätze plötzlich ungültig. Ein kompletter Staat war innerhalb eines Jahres verschwunden. Die Frustration und Verunsicherung darüber entlud sich in Fremdenfeindlichkeit. Die Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen sind nur das bekannteste Beispiel. Auch in Leipzig kam es zu Übergriffen auf Asylunterkünfte.

60 Prozent AfD-Wähler haben die Partei aus Protest gewählt. Aber die Probleme in Ostdeutschland werden sich nicht lösen, weil Rassisten im Bundestag sitzen.

Das alles ist jetzt fast 30 Jahre her. Aber diese Zeit sollte nicht vergessen werden. Besonders jetzt, wo die AfD in Sachsen stärkste Kraft ist. Migranten sind einfache Sündenböcke für soziale Probleme. Aber an Arbeitslosigkeit und steigenden Mieten sind nicht sie schuld. 60 Prozent AfD-Wähler haben die Partei aus Protest gewählt. Aber die Probleme in Ostdeutschland werden sich nicht lösen, weil Rassisten im Bundestag sitzen. Die etablierten Parteien sollten sich mehr mit den sozialen Problemen statt mit den Migranten beschäftigen. Besonders mit denen der Ostdeutschen. Denn die Wiedervereinigung ist noch lange nicht abgeschlossen.

 

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